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Radsport Der Schattenmann

03.07.2009 ·  Andreas Klöden ist die personifizierte Vergangenheit des Radsports - ein Phantom, nicht zu sprechen, nicht zu greifen, nicht zu orten. Es sind nicht nur erdrückende Indizien, die gegen ihn sprechen, es ist auch seine Art, mit Doping-Vorwürfen umzugehen.

Von Michael Eder
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Mal angenommen, Andreas Klöden würde die Tour de France gewinnen, die am kommenden Samstag in Monte Carlo startet: Wo würden sich die Fans zum Autokorso aufmachen? Wo bräche der große Radsportboom los? Drei Möglichkeiten: in Kasachstan, dort ist der Sponsor von Klödens Team Astana zu Hause, in der Schweiz, dort lebt er mit seiner Familie, oder in Deutschland, dort, in Mittweida in Sachsen, ist er 1975 geboren. Die Wahrscheinlichkeit, dass es in der Schweiz oder in Kasachstan zu heftigen Begeisterungsstürmen käme, ist relativ gering - in Deutschland ist sie gleich null. Selbst ein Triumph bei der Tour de France würde dem 34 Jahre alten Klöden nichts nutzen. Er kann im Radsport nichts mehr gewinnen - da mag er siegen, sooft er will.

Der frühere Telekom- und T-Mobile-Fahrer hat sich in den vergangenen Jahren mit bemerkenswerter Konsequenz ins Abseits manövriert. Er ist einer jener Profis, in deren Geschichte alle ernstzunehmenden Indizien dafür sprechen, dass sie systematisches Doping betrieben haben. So hat im Mai die Doping-Untersuchungskommission der Universitätsklinik Freiburg in ihrem Abschlussbericht festgestellt, dass „neben dem geständigen Fahrer Patrik Sinkewitz während der Tour de France 2006 zumindest zwei weitere Radfahrer (...) Eigenblut-Doping betrieben haben: Matthias Kessler und Andreas Klöden.“

Klöden blieb bei seiner Unschuldsbeteuerung

Die Freiburger Gutachter berichten von „einem Fahrzeug mit Sinkewitz, Klöden und Kessler“, das am 2. Juli 2006 während der Tour de France von Straßburg nach Freiburg gefahren sei. Grund der T-mobilen Dienstreise: Eigenblut-Transfusionen. Kessler ist später des Testosteron-Dopings überführt worden und bis zum 26. Juli dieses Jahres gesperrt. Klöden jedoch gab sich keine Blöße. Während alte Telekom-Kollegen wie Patrik Sinkewitz, Matthias Kessler, Udo Bölts, Rolf Aldag, Erik Zabel, Christian Henn, Danilo Hondo oder Alexander Winokurow aufflogen oder unter dem Eindruck der Indizien Doping gestanden, blieb Klöden bei seiner Unschuldsbeteuerung - bis heute gibt es keinen gerichtsverwertbaren Beweis gegen ihn. Er radelt weiter - und das ist eine durchaus erstaunliche Leistung für einen Profi, der von 1998 bis 2006 für Telekom/T-Mobile unterwegs war, ein Team, in dem, wie man heute weiß, systematisch gedopt wurde.

Klöden war 2004 Zweiter der Tour de France. 2006 kam er als Dritter in Paris an und rückte später auf Platz zwei vor, als der gedopte Sieger Floyd Landis disqualifiziert wurde. Im Jahr darauf verabschiedete er sich zu Astana, wo er mit seinem früheren T-Mobile-Kollegen, dem alsbald überführten Blutdoper Winokurow, zunächst eine Doppelspitze bildete, ehe Lance Armstrong und Alberto Contador als neue Chefs hinzukamen. Astana war für Klöden, der wie sein enger Freund Jan Ullrich die Grundlagen des schnellen Radfahrens beim SC Dynamo Berlin erlernt hat, ein erstes Fluchtsignal.

Funkstille zwischen Fahrer und Verband

Während das Publikum in einem Zirkus, der unter Generalverdacht steht, anderen Fahrern noch Kredit einräumte, hatte sich Klöden selbst in eine zunehmend aussichtslose Rolle manövriert. Es sind nicht nur erdrückende Indizien, die gegen ihn sprechen, es ist auch seine Art, mit Vorwürfen umzugehen. Wo Offenheit und deutliche Worte angebracht wären, wenn man seine Integrität beweisen wollte, schaltet Klöden auf stur - oder gleich ganz ab. Gesprächsanfragen werden von Astana routinemäßig beantwortet: Man bedauere, aber Klöden gebe keine Interviews. Er sei seit zwei Jahren nicht bereit, mit deutschen Medien zu reden. Nichts Persönliches, er fühle sich einfach nur schlecht behandelt.

So ist Klöden nicht nur die personifizierte Vergangenheit des Radsports, die noch immer die Gegenwart erdrückt, er ist auch zu einer Art Phantom geworden, nicht zu sprechen, nicht zu greifen, nicht zu orten, er ist der Schattenmann unter den Rennfahrern, der sich immer weiter zurückzogen hat, zunächst in die Schweiz auf neutrales Terrain, dann ins dubiose Astana-Lager, wo er unter seinesgleichen, unter ähnlich dopingverdächtigen Fahrern wie Armstrong und Contador, in passender Gesellschaft ist - und in einiger Entfernung vom scharfen Wind, der ihm in Deutschland entgegenbläst. Vom Bund Deutscher Radfahrer (BDR) hat sich Klöden im vergangenen Jahr verabschiedet, nachdem er nicht für die Olympischen Spiele nominiert worden war.

Der Verband, sonst nicht zimperlich mit Nominierungen dopingverdächtiger Fahrer wie Stefan Schumacher, hatte sich entschieden, Klöden nicht nach Peking zu schicken. Er sei kein Mann für Eintagesrennen, hieß es. Wäre es jedoch nach fahrerischem Potential gegangen, hätte Klöden zweifelsfrei dazugehört. In Wahrheit hielt der BDR Klöden in seinem Kader nicht für tragbar - und der Öffentlichkeit nicht vermittelbar. Klöden reagierte auf seine Weise: Er werde künftig nicht mehr für den BDR starten, ließ er auf seiner Internetseite wissen. Seitdem herrscht Funkstille zwischen Fahrer und Verband. Obwohl startberechtigt, hat Klöden für die deutsche Straßenmeisterschaft an diesem Wochenende in Cottbus erst gar nicht gemeldet.

Gut leben im System der fortschreitenden Moralermüdung

Was seine Rolle im internationalen Peloton betrifft, so hat sich Klöden deutlich positioniert. Als Linus Gerdemann, Kapitän beim Team Milram und offensiv im Umgang mit dem Doping-Thema, vergangenes Jahr mit ein paar kritischen Sätzen zu Armstrongs Comeback zitiert wurde, sprang Klöden dem amerikanischen Teamkollegen eilends zur Seite, attestierte Gerdemann als deutschem „Saubermann“ eine „Profilneurose“ und steckte die Fronten ab: Man brauche Freunde im Peloton, ließ er Gerdemann wissen. Darunter versteht Klöden Fahrer wie Armstrong, Contador, Menchow, Evans - die Garde der dubiosen Stars und Siegfahrer, die im Feld noch immer den Ton angeben, jeder Einzelne eine radelnde Altlast, genau wie er.

Armstrong schob den Worten seines Adlatus die passende Drohung hinterher: Gerdemann, sagte er, solle sich besser nicht wünschen, in einer Ausreißergruppe mit ihm zu fahren. Von Gerdemann ist in der Sache seither nichts mehr zu hören. Er weiß: So wie die Dinge im Peloton liegen, sollte man die Astana-Connection nicht zum Feind haben, will man einigermaßen glücklich in Paris ankommen. Fahrer wie Klöden leben gut in diesem System der fortschreitenden Moralermüdung, in dieser kleinen abgedichteten, hierarchischen Welt - doch nach außen haben sie jeden Kontakt verloren.

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