01.03.2008 · Der frühere Olympiaarzt Georg Huber hat mehr Sportler gedopt als bislang bekannt war. Nach F.A.Z.-Informationen verabreichte der Mediziner auch dem Bahnradfahrer Robert Lechner Anabolika. Doch der Doktor schweigt weiter.
Von Anno Hecker und Ralf MeutgensGeorg Huber ist beliebt. Vom Busfahrer bis zum kirchlichen Würdenträger, vom Radfahrer bis zum Topmanager, der Arzt aus Bad Dürrheim hat allen geholfen, Schmerzen gelindert, lebensbedrohliche Krankheiten erkannt, Leben gerettet. Generationen von Sportlern sind ihm dankbar für seinen Einsatz bei zwölf Olympischen Spielen. Der „Schorsch“ oder „Jogi“, wie sie den Olympiaarzt riefen, kam immer, wenn es zwickte, zu jeder Uhrzeit. Und für jeden hatte er etwas übrig, für Sieger wie Verlierer. Meistens Trost, in der Regel Pillen.
Die Quelle ist versiegt. Huber ist kein renommierter Olympiaarzt mehr, nicht mehr bei großen Wettkämpfen unterwegs mit fliehenden Rockschößen und seiner berühmten Reiseapotheke. Huber ist nur noch Arzt, Mediziner ohne seine geliebten jungen Kunden. Ende Mai vergangenen Jahres hat ihn die Uni-Klink Freiburg nach seinem erzwungenen Geständnis, den Radsportlern Christian Henn und Jörg Müller das Anabolikum Andriol verabreicht zu haben, suspendiert.
Unerlaubte Substanzen und Rezepte
Seither ist es still geworden um Huber. Öffentlich spricht er kaum über sein Verhalten. Intern klagt er, behauptet, den Athleten rundherum als Menschenfreund gedient zu haben. Doch neue Details über seine Arbeit am Mann stellen diesen pseudohumanistischen Ansatz auf den Kopf: Nach Informationen der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (F.A.Z.) hat Huber nicht nur Henn und Müller versorgt.
Er verabreichte auch dem Zeitfahrer Robert Lechner unerlaubte Substanzen oder gab ihm Rezepte: Neben Andriol erhielt der Bronzemedaillen-Gewinner der Olympischen Sommerspiele von Seoul das Anabolikum Stromba sowie Cortison (Urbason). Dabei unterließ es Huber, Lechner über Nebenwirkungen der Medikamente aufzuklären. Der Mann, der nach eigener Darstellung stets die Gesundheit seiner Sportler im Auge hatte, verfolgte im Fall Lechner auch ein unter Dopern typisches Ziel: Er wollte die Muskelpakete vergrößern.
Der liebe Jogi ein Doper-Doktor! Der Sport, der seine Familie war, hat ihn ausgeladen, seiner Ämter enthoben. Im Sommer fliegt man ohne ihn nach Peking. Huber ist (offiziell) unerwünscht. Dabei haben der Sport, Deutschland, die Welt, nichts verstanden, wenn man den Doktor so hört: „Es hat kein Doping gegeben“, sagte er im November der Deutschen Presse-Agentur (dpa): „Die Abgabe der Mittel hatte medizinische Gründe.“
Den Organismus vor dem totalen Verbrauch retten?
Seit Ende Mai 2007 war nur bekannt, dass aus Hubers Hand Andriol in die Leiber junger Radler gelangte. Ein Anabolikum für Olympioniken, harter Stoff für Kerngesunde. Der Spitzensportler, glaubte Huber, rannte, sprang, strampelte schnurstracks in die physische Existenzvernichtung. Dagegen trat der selbsternannte Heilsbringer mit der chemischen Keule an, mit Andriol, Stromba und Cortison: „Ziel war es, den menschlichen Organismus vor dem totalen Verbrauch zu retten.“
Wenn der Doktor mit Vertrauten über seine sportärztliche Mission seit 1972 diskutiert, dann dauern die Gespräche oft stundenlang. Sie entwickeln sich zu Verteidigungsreden im Sinne der Substitutions-Theorie. Das war das Schlagwort mancher Herren in Weiß vor zwanzig Jahren. Eine geschickte Tarnung für im Sport teils unerlaubte Medikamente.
Die Diskussion darüber ist längst entschieden. Huber aber beansprucht für Antworten auf Fragen, die mit ja oder nein zu klären sind, „mehrere Seiten“. So erläutert sein Anwalt Friedrich-Wilhelm Funke die Ablehnung, der F.A.Z. schriftlich gestellte Fragen zu beantworten. Zum Beispiel diese: „Haben Sie Robert Lechner zwischen dem 29. Oktober 1987 und dem 8. August 1988 Stromba und Andriol verabreicht oder übergeben?“ Huber schweigt. „Kein Kommentar“, sagt der Anwalt auf Anfrage. „So war es“, berichtete ein Zeuge.
„Erhebliche Veränderungen im Fettstoffwechsel“
Dessen eidesstattliche Versicherung verstärkt das Bild: Hubers Strategie bricht zusammen. Deutschlands bekannter Olympia-Arzt hat bei dem Versuch, vor dem „totalen Verbrauch zu retten“, offenbar die Gefährdung eines Gesunden in Kauf genommen: „Stromba ist wegen seiner chemischen Zusammensetzung sehr lebertoxisch“, sagt Hans Geyer vom Institut für Biochemie der Sporthochschule Köln. „Wir haben es Ende der 80er Jahre mehrfach bei Sechs-Tage-Profis nachgewiesen.“
Der Münchener Mediziner Luitpold Kistler, Autor einer Doktor-Arbeit über tödliche Nebenwirkungen von Anabolika, verweist auf die Gefahren des Missbrauchs von Andriol: „Es kann vermehrt zu einem Brustwachstum und Veränderungen an der Prostata kommen. Daneben ist eine frühzeitige und gesteigerte Arteriosklerose möglich. Speziell bei Stromba ist bekannt, dass der Missbrauch zu erheblichen Veränderungen im Fettstoffwechsel führen kann.“ Kistler weist darauf hin, dass ein plötzlicher Herztod durch die Einnahme dieser Medikamente nach dem Stand der Forschung nicht auszuschließen ist: „Das kann bereits nach einem Missbrauch von wenigen Wochen geschehen.“
„Urbi et orbi“: Urbason und Andriol
Von Nebenwirkungen war nie die Rede, wenn Huber Andriol und Stromba an Lechner verteilte. Auch zu dieser Frage, seit Ende Dezember zweimal gestellt, will sich der Arzt nicht äußern. Seinen gesunden, damals 20 Jahre alten Patienten Lechner ließ er ohne weitere Erläuterungen vor dem Radeln schlucken. Dabei wusste Huber laut eigenen Angaben nichts über die kurzfristigen und - im Falle einer üblichen zehnjährigen Leistungssportkarriere - über die langfristigen Folgen.
Noch am 16. Dezember 2003 zitierte ihn die dpa im Zusammenhang mit Todesfällen im Leistungssport: „Epo (das Blutdopingmittel Erythropoetin) und Anabolika kann dabei kaum eine Rolle spielen. (. . .) Es ist nicht erforscht, ob Anabolika Spätfolgen hinterlassen.“ Trotzdem hat er Anabolika verabreicht, auch ohne Hinweis für eine Indikation. In den Einnahmephasen ist Lechner nie krank gewesen. Der „Retter“ vor dem „totalen Verbrauch“ wollte „Schlimmeres“ verhindern, wie er öffentlich erklärte.
Er beteuert, bei seinen Behandlungen keine Leistungssteigerung im Sinn gehabt zu haben. Im Fall Lechner schwebte ihm allerdings eine Vergrößerung der Muskelmasse vor Augen. Urbason und Andriol, in der Szene unter „urbi et orbi“ bekannt, helfen dabei indirekt. Stromba auch. Die Mehrkämpferin Birgit Dressel schätzte die Wirkung dieses Mittels. Im April 1987 starb sie an den unerforschten Nebenwirkungen einer Medikamenten-Mixtur. Mit im Cocktail: Stromba.
1988 gab es noch keine Trainingskontrollen
Damit der angebliche Segen von „urbi et orbi“ nicht zum Fluch wurde, musste die Vergabe peinlich genau geplant werden: Die Dosierungen, der Zeitpunkt des Absetzens, um eine Enttarnung zu verhindern, sind mit Trainings- und Wettkampfplänen abgestimmt worden. Das Risiko, entdeckt zu werden, war 1988 gering. Es gab noch keine Trainingskontrollen. „Deshalb hat man mit diesen Testosteronpräparaten speziell im Radsport sehr genau ein Doping-Timing durchführen können“, berichtet der Analytiker Geyer. „Die Doper haben gewusst, dass nach 24 Stunden die Verwendung dieser Substanzen nicht mehr nachweisbar war.“
Um Abbauzeiten geht es auch bei anderen Vorwürfen. Sie spielten bei einer juristischen Auseinandersetzung des früheren Radsportlers Ralf Schmidt mit dem Bund Deutscher Radfahrer eine Rolle. Schmidt, in der DDR aufgewachsen, galt als großes Talent. Im Schriftsatz seines Anwalts Stanislaus Mattern wird Huber vorgeworfen, dem Athleten das Cortison-Präparat Volon im Mai 1994 empfohlen und auf den Absetztermin hingewiesen zu haben. Auch anderen Radrennfahrern soll Huber laut Schriftsatz geraten haben, bei Dopingkontrollen nur auf den Wirkstoff, nicht auf das Medikament hinzuweisen. Volon stand auf der Antidopingliste. Auf Nachfrage lehnte Huber eine Stellungnahme zu diesen Vorwürfen ab.
„Gegen den Jogi sage ich nichts“
Bei den Diskussionen um sinnvolle und sinnlose Verbote hat sich Huber gerne beteiligt. Er arbeitete als Antidoping-Experte im Deutschen Behindertenverband, gehörte bis Ende Mai 2007 der medizinischen Kommission der Nationalen Antidoping-Agentur an. Noch zwei Jahre zuvor wählte ihn die Gesellschaft für Orthopädisch-Traumatologische Sportmedizin zum „Sportarzt des Jahres 2005“.
Der fühlt sich nun verlassen. Dabei hält die Sportfamilie mehr zu ihrem ehemaligen Leibarzt, als der glaubt. Huber hat viel für sie getan, sagen Ehemalige. Huber hat ihnen sein Leben gewidmet. Der Dank ist sicher. Ein früherer Radprofi behauptete, ein Rezept von Huber über das Blutdopingmittel Epo Mitte der neunziger Jahre erhalten zu haben. Es soll über eine Betriebskrankenkasse abgerechnet worden sein. Der ehemalige Sportler will sich dazu aber nicht öffentlich äußern: „Gegen den Jogi sage ich nichts.“ Auch in diesem Fall hat die F.A.Z. Huber um eine Stellungnahme gebeten - ohne Erfolg.
Putzmunter durch die Nacht - eine Rettungstat oder Doping?
Selbst die Motorsportfraktion lässt sich nicht namentlich zitieren. Obwohl ein ehemaliger PR-Profi von Porsche während eines der berühmten 24-Stunden-Rennen in Le Mans vom Medizinmann Huber wach gemacht worden sein soll. Und mit ihm die halbe Mannschaft. Dann verfolgte man in der Nacht angeblich putzmunter, wie der jeweilige Pilot mit Spitzengeschwindigkeiten jenseits der 300 Runde um Runde, Stunde um Stunde über die Gerade schoss, ohne dem Sekundenschlaf zu verfallen. War das vielleicht eine Rettungstat vor dem „totalen Verbrauch“ von Mensch und Maschine? Wir wissen es nicht. Huber verweigerte zu diesem Komplex jeden Kommentar.
Dagegen ist der Mediziner seit der ersten Enthüllung im vergangenen Mai nicht müde geworden, an seiner Version festzuhalten: „Mittlerweile ist durch klinische Studien im Übrigen bestätigt, dass Testosteron keine leistungssteigernde Wirkung zukommt“, heißt es in seiner Vereinbarung mit der Uni-Klinik Freiburg über die Aufhebung der außerordentlichen Kündigung vom 6. Juni 2007. Eine groteske Behauptung.
Interview-Absage „aus juristischen Gründen“
„Ich bin sicher, dass sich niemand in der Welt findet, der die Wirkungen von Testosteron abstreitet“, sagt Martial Saugy, der Leiter des Lausanner Anti-Doping-Labors. Längst hat die Uni-Klinik Freiburg die falsche und peinliche Passage bereut, das Gegenteil erklärt. Die Suspendierung Hubers aber blieb bis Freitag um Mitternacht bestehen.
An diesem Samstag ist der Doktor, in der vergangenen Woche 65 geworden, Pensionär und endlich frei zu reden. „Aus juristischen Gründen haben wir unserem Mandanten abgeraten“, begründete Rechtsanwalt Funke die Absage eines bereits vereinbarten Gesprächs mit der F.A.Z. Sie kam nach der Übermittlung eines umfangreichen Fragenkatalogs weit über Hubers Wirken hinaus. Etwa zu seinem Wissen über ein Dopingsystem in Deutschland, über die mögliche Verstrickung weiterer Freiburger Ärzte.
Dabei hätte Huber reden dürfen, sozusagen im Dienstauftrag der Uni Freiburg, wenn auch nicht in der Öffentlichkeit: „Die zukünftige Tätigkeit von Herrn Dr. Huber wird mit dem Auftrag verbunden sein, in Zusammenarbeit mit (...) der Untersuchungskommission an der Aufarbeitung der Vorgänge in der Sportmedizin mitzuwirken“, steht in Paragraph 3 der „einvernehmlichen“ Vereinbarung zu lesen. Die öffentliche Hand stellte Huber sogar Räume für diese Aufgabe zur Verfügung. Nur eines hat der Doktor nicht getan: Gesagt, was er weiß.