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Lance Armstrong Die große Offenbarung?

 ·  Lance Armstrong tut nichts ohne Berechnung. Was genau er in der Talksendung mit Oprah Winfrey preisgibt, ist ungewiss. Sicher ist, dass es zu seinem Nutzen sein soll.

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© AFP Vergrößern Exklusiv-Interview: Armstrong auf einem Handout-Foto, das der amerikanische Fernsehsender OWN herausgab

Als das Gespräch zu Ende war, schickte die Gastgeberin eine Twitternachricht, die neugierig machen sollte: „Mehr als 2 1/2 Stunden. Er kam VORBEREITET“, textete Oprah Winfrey und stimmte ihre fünfzehn Millionen Leser damit auf die auf Interview-Sendung in zwei Folgen ein, die in der Nacht zum Freitag (von 2 Uhr MEZ an) sowie in der Nacht zum Samstag sowohl im amerikanischen Fernsehen als auch für ein weltweites Publikum im Internet laufen werden. Dass Lance Armstrong gut vorbereitet sein würde, war nicht anders zu erwarten. Denn wenn jemand, der jahrelang konsequent die Einnahme verbotener leistungssteigernder Mittel abstritt, plötzlich Missbrauch und Lügen zugibt, kommt das nicht spontan.

Tatsächlich hatte sich der frühere Radprofi die Sache schon seit Monaten gut überlegt und im Dezember in Denver in einem Gespräch mit dem Chef der amerikanischen Anti-Doping-Agentur (Usada), Travis Tygart, die Marschroute skizziert: „Du hältst nicht den Schlüssel für meine Erlösung in der Hand“, sagte er Tygart, als der ihm nach Angaben des „Wall Street Journal“ ein Tauschgeschäft anbot: Geständnis gegen eine Reduzierung der lebenslangen Sperre. Tygart war eisern. Die beiden gingen schlecht gelaunt und ohne Resultat wieder auseinander.

So entwickelte Armstrong einen anderen Schachzug, um einen Strich unter die Vergangenheit zu ziehen und nach Jahren des beständigen Mauerns neuen Bewegungsspielraum zu gewinnen. Der Kampf um die Kommunikationsherrschaft führte ihn zu Oprah Winfrey, der sanftmütigen Talkshow-Dame, mit der er schon seit langem ein freundschaftliches Verhältnis pflegt. Und zu diesem Interview am Montag in einem Hotel in seiner Heimatstadt Austin, wo er ersten Berichten zufolge zumindest teilweise seine Doping-Vergangenheit eingestand. Seitdem wird immer deutlicher, um was es dem 41 Jahre alten Armstrong mit seiner Offensive eigentlich geht.

Die Vorgehensweise öffnet ihm erstmals die Chance, sich mit allen Parteien gütlich zu einigen, die mit Schadensersatzforderungen auf ihn zugekommen sind oder solche noch stellen werden. Dazu gehören nicht nur die Londoner „Sunday Times“, die den Texaner auf mehr als eine Million Dollar verklagt hat, sondern seit Dienstag auch die Regierung von South Australia. Die hatte Armstrong 2009, 2010 und 2011 mehrere Millionen Dollar als Antrittsprämien gezahlt und will diese nun, wie der Premier des australischen Bundesstaates, Jay Weatherill, in Adelaide erklärte, zurückhaben.

Taktisches Manöver

Zum taktischen Manöver gehört aber auch der Versuch, mit seinem ehemaligen Mannschaftskameraden Floyd Landis aus dem US Postal Team ins Gespräch zu kommen. Der hatte im Frühjahr 2010 mit einem umfassenden Geständnis die Enthüllungslawine ins Rollen gebracht und das sogenannte „Whistleblower“-Verfahren in Gang gesetzt, mit dem sich die amerikanische Post ein Vielfaches der 40 Millionen Dollar zurückholen kann, die sie in ihrer Zeit als Sponsor in Armstrongs Rennstall gesteckt hat. Zwar zeigt Landis - offenbar jetzt als Unterstützer gefragt - wohl kein Interesse daran, mit dem mächtigen Kapitän von einst zu reden, aber der Zeitung „New York Daily News“ zufolge haben immerhin die Anwälte des Texaners bei den Vertretern der Post über eine etwaige Einigung antichambriert.

Die Lage wird allerdings dadurch verkompliziert, dass der US Postal Service einst mit der Managementfirma Tailwind einen Vertrag hatte. Armstrong war nur Fahrer im Team und später zusammen mit dem Sportlichen Direktor Johan Bruyneel und Armstrongs Manager Bob Stapleton nur einer der Teilhaber. Der Hauptfinanzier im Hintergrund war der kalifornische Investmentbanker Thomas Weisel. Demgegenüber birgt Armstrongs Strategie durchaus erhebliche Risiken. Weshalb sich die zahlreichen Anwälte, Ratgeber und Freunde, die ihn am Montag zum Interview begleiteten, auch gegen die Vorgehensweise ausgesprochen hatten. So ist zum Beispiel nicht klar, inwieweit ein Geständnis die 2006 in einem Schiedsgerichtsverfahren gemachten Aussagen berühren könnte. Damals bestritt er unter Eid, jemals gedopt zu haben, und erzwang von der texanischen Versicherungsfirma SCA mehr als elf Millionen Dollar an ausstehenden Bonuszahlungen und Anwaltskosten. Ob Armstrong, dessen Vermögen auf mehr als hundert Millionen Dollar geschätzt wird, nunmehr strafrechtlich belangt werden kann, hängt von der Deutung der Verjährungsbestimmungen ab.

© dpa Vergrößern In Unwettern: Armstrong sucht nach einem Licht im Dunkel der jahrelangen Verfolgung

Zur Operation „reiner Tisch“ gehörte am Montag auch ein Besuch der Zentrale der von ihm gegründeten „Livestrong“-Stiftung. Dort entschuldigte sich Armstrong bei Mitarbeitern, von denen einige in Tränen ausbrachen. Der Einrichtung, die im Laufe der Jahre mehrere hundert Millionen Dollar im Kampf gegen den Krebs aufgetrieben hatte und dem Radsport-Idol als perfektes und finanziell nützliches Vehikel seines öffentlichen Images diente, droht seit dem Urteil der Usada und der vom Radsportverband ausgesprochenen lebenslangen Sperre das Dahinsiechen und womöglich das Aus.

Zu Armstrongs neu gewonnenem Aktionsradius gehört offensichtlich auch der Ritt einer Attacke. Zwar will er offensichtlich keine Fahrer belasten, dafür aber Funktionäre des Radsport-Weltverbands UCI. Das meldete die „New York Times“ unter Berufung auf mehrere Quellen.

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