Home
http://www.faz.net/-gua-y4vf
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Kritik am Anti-Doping-System Massiver Eingriff

 ·  Der gläserne Sportler: Datenschützer und Sportler sehen dürch Überwachung und Ablauf der Dopingkontrollen elementare Rechtsgüter verletzt. Im Streit um die Methoden im Anti-Doping-Kampf prüfen Athleten jetzt eine Klage.

Artikel Bilder (4) Lesermeinungen (2)

Mal angenommen, Ihr Kind mogelt in der Schule. Verschafft sich bei Klassenarbeiten einen Vorteil – nicht durch Abschreiben beim Nachbarn, sondern mit dem Griff in die Hausapotheke. Zum Frühstück die Pille zur Konzentrationsförderung, die Sie ohne Rezept, aber aus hehren Motiven beim Anbieter aus Übersee im Internet bestellt haben. Abends klingelt es an der Tür, davor der Klassenlehrer. Routinekontrolle der Hausapotheke, das sieht die Schulordnung vor, es geht hier um Chancengleichheit. Die Tür bleibt zu. Da könnte ja jeder kommen – und außerdem: Ihr Kind ist kein Leistungssportler.

Glück gehabt, denn bei denen bleibt die Tür offen. Selbst wenn sie nicht zu moralisch zweifelhaften oder gar verbotenen Fitmachern greifen. Vertrauen ist aufgebraucht, Kontrolle ist zwangsläufig – nach diesem Verfahren überwacht der Sport seine Teilnehmer, ob sie unter Dopingverdacht stehen oder nicht. Und deshalb gibt es wieder Streit um die Methoden im Kampf für sauberen Sport. Denn mancher Athlet sieht nicht ein, warum er seine Unschuld permanent beweisen muss – und spätestens seit dem am vergangenen Wochenende bekanntgewordenen Gutachten der rheinland-pfälzischen Datenschützer ist klar: Sportler haben eine Menge Argumente. Und eine Menge Fragen.

Ist der Anti-Doping-Code rechtswidrig?

Von der Angabe der Aufenthaltsorte Monate im Voraus bis zur Überwachung der Sportler bei Abgabe der Dopingprobe auf der Toilette: Das Procedere, dem sich Sportler unterwerfen und das vom Code der Welt-Anti-Dopingagentur (Wada) vorgesehen ist, greift massiv in die Grundrechte der Sportler ein. Die Freiheit der Berufsausübung, aber auch die Intimsphäre, also der engste Bereich des allgemeinen Persönlichkeitsrechts, wird durch das Kontrollsystem berührt. Ernsthaft bestritten werden diese Eingriffe von niemandem. „Ich wüsste nicht, in welchem Berufsfeld es ähnliche Eingriffe gibt“, sagt Lars Mortsiefer, Justitiar der Nationalen Anti-Doping-Agentur (Nada) in Bonn. Das macht den Sport zu einem Sondersystem, das Eingriffe vorsieht, die in der Berufswelt außerhalb von Stadien und Rennstrecken kaum vorstellbar sind. Aber: Funktionäre rechtfertigen die Eingriffe mit dem Schutz der Gesundheit der Athleten und betonen angesichts überambitionierter Eltern Vorbildfunktion und Eigenständigkeit des Sports.

Vereins- und Verbandssatzungen schaffen einen autonomen rechtlichen Rahmen, grundrechtlich geschützt und höchstrichterlich anerkannt. Zudem hat sich die Bundesregierung durch die Ratifizierung der Unesco-Konvention gegen Doping zur Einhaltung des internationalen Anti-Doping-Kodex verpflichtet. Bis heute hat in Deutschland kein Sportler die juristische Kraftprobe gewagt und vor ordentlichen Gerichten gegen das Kontrollsystem aufbegehrt. Bis dahin bleibt offen, ob deutsche Richter dem Sondersystem Sport den Vorrang vor den Eingriffen in die Persönlichkeitsrechte geben.

Dass allerdings Minderjährige – dem Regelwerk entsprechend – unter Aufsicht der Kontrolleure Urinproben abgeben, scheint mit dem Grundgesetz kaum vereinbar. Bislang hatten die deutschen Dopingjäger betont, dass die jungen Sportler um Privatsphäre bitten dürften. Nach einem Treffen mit den Datenschützern am vergangenen Mittwoch soll geprüft werden, ob aus der Ausnahme die Regel gemacht werden kann.

Geht es ohne Urinproben?

„Keinesfalls“, sagt Professor Wilhelm Schänzer, Biochemiker und Dopingjäger im Wada-Labor an der Sporthochschule in Köln. „Ohne die Analysemethoden, die wir mit Urinproben vornehmen, können wir den Kampf gegen Doping einstellen.“ Tatsächlich bieten die Proben derzeit mehr Analysemöglichkeiten und sind günstiger als Blutkontrollen. Doch den Ablauf der Proben nennen die Datenschützer einen „empörenden Eingriff in die Intimsphäre“. Die Vorgabe, unter Aufsicht pinkeln zu müssen, sei „sittenwidrig“. Für Jonas Baer-Hoffmann, Geschäftsführer von „Spin“, der Interessenvertretung der Basketballspieler in Deutschland, sind die Kontrollen unverhältnismäßig. „Wir haben seit Jahren keine oder kaum Dopingfälle in den Mannschaftssportarten. Keiner kann ausschließen, dass hier gedopt wird – aber ganz offensichtlich ist das System in dieser Form nicht effektiv. Und dann habe ich ein Problem damit, dass die Sportler sich bei der Probenabgabe zuschauen lassen müssen.“ Auch Forscher wie der Tübinger Mediziner Perikles Simon rügten jüngst die „miserable Erfolgsquote“ der Nada. Deutlich mehr Geld müsse in die Forschung statt in den Ausbau einer teuren Kontrollinfrastruktur fließen.

Nehmen die Sportler freiwillig teil?

Sportfunktionäre und Dopingbekämpfer betonen, dass sich die Sportler freiwillig dem Kontrollsystem unterwerfen. Tatsächlich freiwillig ist aber lediglich die Entscheidung, am organisierten Profisport teilzunehmen oder nicht. Wer dabei sein will, muss sich dem Wada-Code unterwerfen und für Kontrollen zur Verfügung stehen, ob er Verbandsathlet ist oder bei einem Profiverein angestellt. „Der Sportler hat keine Entscheidungsfreiheit“, sagt Bär-Hoffmann. Zudem, betont der Sportgewerkschafter, dessen Organisation eng mit den Kollegen aus dem Handball zusammenarbeitet, seien die Sportler in die Entwicklung des Systems nicht eingebunden. „Es gibt zwei, drei Aktivensprecher in Deutschland. Aber die können unmöglich die gesamten Sportler vertreten.“ Er wünscht sich, dass Vertreter aus verschiedenen Sportarten in die Weiterentwicklung des Systems einbezogen werden. „Wir wollen einen gleichberechtigten Dialog – aber bislang hat sich niemand bei uns gemeldet.“

Gibt es eine Alternative?

Ergänzungen wären möglich – vor allem im Strafrecht. Doch deutsche Sportfunktionäre lehnen ein Anti-Doping-Gesetz ab und wissen die politische Mehrheit hinter sich. Zuletzt scheiterte eine Gesetzesinitiative der bayerischen Justizministerin Beate Merk. Dabei lehnen Sportler eine schärfere Gesetzgebung nicht unbedingt ab. „Zuletzt hat man in Spanien gesehen, was durch staatliche Verfolgung möglich ist“, sagt Bär-Hoffmann. „Das ist der einzige Weg, Hintermänner zu erwischen. Ärzte, Betreuer, Trainer – alle haben eine Verantwortung für sauberen Sport. Im Moment werden wir allein verantwortlich gemacht. Das ist komplett falsch.“ Und vor allem: „Der Sportler bekäme einen Zugang zur ordentlichen Gerichtsbarkeit wie jeder andere Mensch auch. Das Gesetz muss über den verbandsinternen Regularien stehen – auch für Sportler.“

Einstweilen jedoch bleibt alles beim Alten. Aufenthaltsorte werden registriert, am Urinal wird genau hingeschaut. Nur überführt werden erstaunlich wenige Doper. Während Datenschützer und Nada nun betont gemeinsam die Überarbeitung des Codes angehen, die für das Jahr 2015 vorgesehen ist, ändert sich für die Sportler wenig. Dabei planen auch sie keine Revolution. „Wir wollen die Nada nicht abschaffen“, sagt Bär-Hoffmann. Doch nur warten wollen sie auch nicht mehr. Noch haben die gewerkschaftlich organisierten Basket- und Handballspieler das Kontrollsystem nicht gerichtlich überprüfen lassen. Das könnte sich jedoch ändern. „Kommunikation ist uns lieber“, sagt Bär-Hoffmann. „Aber wir prüfen auch die Option einer Klage.“

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen

Jahrgang 1978, Sportredakteur.

Jüngste Beiträge

Verpasste Chance

Von Uwe Marx

Ach hätte er doch! Uli Hoeneß sagte mal im Scherz, dass er die Borussia am Aktientiefpunkt hätte kaufen sollen. Mittlerweile dürfte er den Kaufverzicht bereuen. Mehr 2