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Kriminologe Dieter Rössner „Der Staat muss Doper bestrafen“

Der Kriminologe Professor Dieter Rössner sieht die Werte des Sports nicht genügend geschützt. Im F.A.Z.-Interview fordert er im Kampf gegen Doper eine Gesetzesänderung. Die Sportführung will davon aber nichts wissen.

© dpa Vergrößern Ende des teuflischen Spiels? Ein scharfes Anti-Doping-Gesetz rückte künftig auch Doper wie Jan Ullrich ins Visier staatlicher Fahnder

Staatsanwälte fangen die Doping-Dealer, aber an die Doper kommen die Fahnder nicht heran. Das soll sich ändern. Der Jurist Professor Dieter Rössner unterstützt den Ruf des Deutschen Leichtathletik-Verbandes nach einer Gesetzesänderung. Die Sportführung will davon nichts wissen.

Die Bundesregierung und der organisierte deutsche Sport sind weitgehend zufrieden mit den strafrechtlichen Bedingungen im Kampf gegen Doping. Dagegen sagen Sie, das 2007 novellierte Arzneimittel-Gesetz (AMG) tauge nicht zum Kampf gegen Doping. Warum?

Man muss differenzieren. Der Erfolg des novellierten AMG besteht darin, dass der Kampf gegen die Beschaffungskriminalität erheblich gestärkt worden ist, weil der Besitz nicht geringer Mengen verboten wurde. Es hat mittelbare Auswirkungen auf den Spitzensport, wenn die Verfügbarkeit von Dopingmitteln verringert wird. Das AMG richtet sich aber gegen den Markt, gegen den Handel mit Dopingmitteln, es dient dem Gesundheitsschutz. Es zielt also eher auf Freizeit-, Fitness-Athleten, die auch die Masse der Doper ausmachen. Man muss laut Studien in diesem Bereich von einer Million Dopern ausgehen in der Bundesrepublik. Nur haben deren Motive, ein besonderes Aussehen, große Muskelpakete, nichts mit dem Leistungssport zu tun.

Das AMG zielt am Kampf gegen Doping im Spitzensport vorbei?

Ja. Die Werte des Sports, Chancengleichheit und Fairness, werden davon nicht berührt. Selbst wenn man fragt, ob denn nicht Veranstalter, Sponsoren oder Zuschauer durch dopende Sportler betrogen würden und man deshalb über den Tatbestand des Betruges eingreifen könnte, müsste man sagen: Nein, dieser Aspekt bezieht sich nur auf den Schutz des Vermögens. Das AMG hilft hier nicht weiter. Es schützt die Grundwerte des Sports nicht.

Weil Staatsanwälte, wie Sportfunktionäre behaupten, ihr Potential nicht nutzen...

... das trifft so nicht ohne weiteres zu. Wenn etwa, wie im Radsport geschehen, Teams und Sponsoren zusammenarbeiten, dann ist es schwer, einen Betrug festzustellen. Geht man davon aus, dass die Spitze des Teams Telekom von der Manipulation der Fahrer gewusst hat, dann wäre der Ansatz ohnehin wirkungslos. So kommen sie in den schweren Fällen wie im System Armstrong nicht weiter.

Wie kommt man weiter?

Man kann kriminelle Strukturen nur aufdecken, wenn den Strafverfolgungsbehörden der Einsatz von Zwangsmitteln erlaubt wird. In Ländern mit Anti-Doping-Gesetzen, die auf den Spitzensport zielen, hat man die Wirkung gesehen. In Italien, bei den Winterspielen 2006, wurde die Organisation von Doping im österreichischen Team aufgedeckt. Ähnliches ist beim Giro und während der Tour de France vor einigen Jahren geschehen.

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Doping ist mit der gegenwärtigen Gesetzeslage nicht annähernd beizukommen?

Der Sport verweist immer darauf, dass er mit seinen Verbandsgerichten streng vorgeht in Einzelfällen, das System als solches aber in Ordnung ist. Das ist nachvollziehbar, führt aber nicht zur Aufklärung, wie wir gesehen haben. Bislang sind doch kaum Trainer, Ärzte oder Dealer aus dem Spitzensport zur Rechenschaft gezogen worden.

Was muss man tun?

Das Eigendoping der Sportler muss ins Blickfeld genommen werden. Wir brauchen eine direkte Kriminalisierung des Dopings. Das wäre ein echtes Zeichen für den Spitzensport, dass auch die Zentralgestalten des Dopings zur Rechenschaft gezogen werden. Denn wie will man unter dem Gerechtigkeitsaspekt den Bürgern klarmachen, dass dem Doping des Athleten aus strafrechtlicher Sicht keine Bedeutung zukommt, sondern nur der Beschaffung von Dopingmitteln. Das wäre so, als würden wir in Zukunft die Verfolgung von Körperverletzung und Mord zurückfahren, aber den Waffenhandel stärker bestrafen. Das geht nicht. Man muss beide Aspekte berücksichtigen.

Eigendoping soll strafbar werden, die Einnahme von Rauschgiftmitteln aber nicht: Das erscheint auch nicht gerecht.

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