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Anti-Doping-Kommentar : Wo bleibt die Wende?

Anti-Doping-Forscher Werner Franke steht für schonungslose Aufklärung Bild: dpa

Keine Aufarbeitung, kein Umdenken: Der Landessportbund Thüringen ist noch immer nicht bereit zur Auseinandersetzung mit geschundenen Athleten und Trainern der ehemaligen DDR. Warum streitet ihr nicht Auge in Auge?

          Ohnmächtig scheinen sie: Die Anti-Doping-Kämpfer, die Kritiker verfilzter Strukturen des Sports in West wie Ost. Weil ehemalige Doper in führenden Funktionen arbeiten und manche noch dazu mit einer veritablen Vergangenheit als Spitzel der Stasi. 25 Jahre, ein Vierteljahrhundert hat daran wenig geändert.

          Mit Blick auf ganz Deutschland, auf die Bemühungen des Ehepaares Brigitte und Werner Franke, sind es fast fünfzig Jahre Verdrängen, Leugnen, Lügen, Diskreditieren, Ausgrenzen und, ja, Weitermachen, wenn es denn Gold bringt. Also hat der „Sportkamerad“, der sich zum Ende einer Podiumsdiskussion am Mittwoch im Thüringer Landtag das Mikrofon nahm, recht: „Es gibt keine Hoffnung.“

          Stellt euch!

          Das hatte man schon vor der Einladung des Thüringer Landesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen glauben können. Weil dort Opfer des DDR-Sports ihre Geschichte noch einmal erzählen mussten. Ja, sie mussten, zum tausendsten Mal, ihre Wege schildern in die gnadenlose Unterdrückung, die Vergewaltigungen im Namen des Sports an Leib und Seele. Aber was hilft das ganze Erzählen, wenn sich die „Stützen“ des Systems (oder der Systeme) nicht stellen? Wenn man seit Jahrzehnten wie in einen Hohlraum hineinschreit, der alles verschluckt. Stellt euch!

          Die Führung des Landessportbundes Thüringen (LSB) war nicht bereit, sich mit den geschundenen Athleten und Trainern der ehemaligen DDR und dem schonungslosesten Aufklärer in Ost wie in West, Professor Franke, auseinanderzusetzen. Weil die ursprüngliche Veranstaltung, eine Vorstellung der zum 1. Juli veröffentlichten Studie „Zwischen Erfolgs- und Diktaturgeschichte. Perspektiven der Aufarbeitung des DDR-Sports in Thüringen“, abgesagt worden war, so die offizielle Begründung des LSB. Die Autoren fürchteten eine politische Instrumentalisierung.

          Wahrscheinlich hätte es mächtig gekracht im Landtag, dem Ort der Demokratie. LSB-Präsident Gösel blieb der Vormittagsveranstaltung fern, weil er zum Parlamentarischen Abend des Sports ins 300 Kilometer entfernte Berlin wollte, Beginn 18:30 Uhr. Hauptgeschäftsführer Beilschmidt war angeblich krank. Die Sportministerin Thüringens saß zehn Minuten vor Beginn eine Treppe tiefer im Atrium – und ward nicht mehr gesehen. Warum streitet ihr nicht Auge in Auge?

          Keine Aufarbeitung, kein Umdenken

          Jetzt wird es einen zweiten Termin geben, mit den Autoren, mit dem LSB, aber wohl nicht mit seinen schärfsten Kritikern. Er wird nichts an den Ergebnissen dieser auf den ersten Blick bemerkenswerten Studie ändern, die ja auch, weil der LSB mit 25.000 Euro einstieg, ein Selbstporträt des Verbandes, des Handelns seiner zentralen Figuren, ist: Die Wissenschaftler stellen fest, dass Hauptgeschäftsführer Beilschmidt mit seinen Informationen an die Stasi nicht nur Menschen geschadet, sondern bei seiner Darstellung der Dinge auch die Unwahrheit gesagt hat. Aber das macht offenbar nichts. Wo bleibt der Wechsel, wo bleibt, nach 25 Jahren Floskeln, die Wende in der Spitzensportorganisation?

          Am Ende der Veranstaltung stand ein Mann auf und räusperte sich. Er sei Vizepräsident des LSB, Jahrgang 1970, er habe kein Mandat, für den Verband zu sprechen, aber er bestätige das Gesagte: Es gebe unter der Führung keine Bereitschaft zur Aufarbeitung, kein Umdenken im Verband, es herrschten Zustände wie im ZK der SED. Ein gewaltiges Wort mitten heraus aus dem Innenleben des LSB.

          Dirk Eisenberg fügte gleich hinzu, dass er mit Repressionen rechnen müsse. Auf dem Parlamentarischen Abend in Berlin bemerkte Thüringens LSB-Präsident Gösel zur Zukunft seines Vize: „Der wird nie Präsident.“ Vielleicht ist das so. Aber Eisenberg macht all denen, die am Abend ihres Kampfes noch keinen Schimmer sehen, plötzlich große Hoffnung.

          Anno Hecker

          Verantwortlicher Redakteur für Sport.

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