23.05.2007 · Die Doping-Geständnisse der deutschen Radprofis haben die Abgründe eines pervertierten Fernseh- und Showsports aufgedeckt: eines kommerziellen Sports, bei dem Gewinn alles und Ethik nichts zählt. Ein Kommentar von Jörg Hahn.
Von Jörg HahnVor fast genau zehn Jahren zerstörte der wenig bekannte Radprofi Jörg Paffrath die heile Welt des Radsports, in der sich damals Jan Ullrich aufmachte, die Tour de France zu gewinnen, mit einem Dopinggeständnis. Es wurde in einer Zeitschrift gedruckt. Das ist aber auch schon der größte Unterschied zur Enthüllung des Bert Dietz am Montag im Ersten Deutschen Fernsehen.
Paffrath wurde nicht nur nicht ehrlich und mutig genannt, er wurde von der Branche verstoßen. Niemand rief nach schonungsloser Aufklärung, nach Kronzeugenregelung und einer Amnestie für geständige Sportler; niemand drohte dem Sport mit dem Entzug der finanziellen Mittel; niemand machte sich für einen Bruch mit dem alten System des Hochleistungssports und für einen Neuanfang stark; niemand nahm Ärzte, Manager, Betreuer und andere im Umfeld des Sports als Teil eines geheimen Dopingnetzes ins Visier. All das passiert gerade, so als hätte der ehemalige Radprofi Dietz wirklich grundlegend Neues erzählt.
Pervertierter Fernseh- und Showsport
Wenn jetzt die Rolle der Sportmedizin im deutschen Hochleistungssport hinterfragt wird, passt das nur zu dem verlogenen (Rad-)Sportzirkus. Vor zwanzig Jahren, als die Leichtathletin Birgit Dressel an einem Medikamentencocktail starb - offiziell "komplexes toxisch-allergisches Geschehen" genannt -, wurde diese Diskussion leider nicht geführt. Was also ist geschehen, dass Dietz einen Stein ins Wasser wirft und damit eine Flut auslöst?
Inzwischen haben viele, Politiker und Funktionäre, die sich gerne im Glanze sportlicher Erfolge sonnen, vor allem auch jene, die gutes Geld mit dem Sport verdienen, endlich eines erkannt: Es ist geschäfts- und rufschädigend, wenn der Sport seine traditionellen Werte und sein Ethos selbst zerstört, weil er durch dauerndes Regelübertreten von innen heraus verfault. Diese Erkenntnis ist nicht radsport- oder länderspezifisch, sie gilt für den Hochleistungssport überall auf der Welt.
Der geständige Dietz, so ist der Fernsehauftritt zu verstehen, hat zwar nur das Dopingsystem in seinem Rennstall in einem bestimmten Zeitraum beschrieben, aber eigentlich die Abgründe eines pervertierten Fernseh- und Showsports aufgedeckt: eines kommerziellen Sports, bei dem Gewinn alles und Ethik nichts zählt. Es ist höchste Zeit, umzukehren.
Ignorieren!
Markus Köcher (MKoecher)
- 23.05.2007, 00:26 Uhr
Umkehr
uwe mildner (recfarm2)
- 23.05.2007, 00:28 Uhr
Falsch, Jörg Hahn
gisbert heimes (gisbert4)
- 23.05.2007, 00:54 Uhr
wie lange
Dagmar Hohl (DolceDaggi)
- 23.05.2007, 01:02 Uhr
Zwischen Naivität und Polemik
Sebastian Olbrich (Basti1976)
- 23.05.2007, 01:43 Uhr