20.06.2007 · Der dopende Athlet mag ein Betrüger sein. Aber er darf nicht derjenige sein, der für Netze, die sich im Sport eingerichtet haben, als Einziger den Kopf hinhält. Solches Krisenmanagement leugnet das wahre Dopingproblem.
Von Michael ReinschEine Idee aus dem Papierkorb des deutschen Spitzensports: Um Chancengleichheit zwischen den Athleten aus aller Welt zu schaffen, rücken diese Wochen vor den Spielen ins Olympische Dorf ein. Abgeschottet von allem Übel der Welt, breiten sich Fairness und Anstand schon allein dadurch aus, dass jeder einzelne Sportler auf sein Talent, seinen Willen und seinen Fleiß zurückgeworfen ist. Ein schöner Traum, dem die Präsidialkommission Leistungssport des Deutschen Olympischen Sportbundes nur kurz nachhing.
Eigentlich dürfen wir anderes erwarten von Sportfunktionären. Sie ersetzen derzeit markige Worte - wie Selbstreinigungskraft und Unschuldsvermutung - durch knackige Erklärungen. Erklärungen allerdings, die sie nicht abgeben, sondern einfordern. Ob es die Sporthilfe ist, die Eide auf die Sauberkeit schwören lässt; ob es ein Veranstalter ist, der von Triathleten das Attest lebenslanger Enthaltsamkeit in Sachen Doping verlangt; oder ob es neuerdings der Welt-Radsportverband ist, der seine Profis bei den sechs bis sieben Stellen ihres Jahresgehaltes schwören lässt, dass sie die Finger von verbotenen Substanzen lassen. Immer geht es darum, dass Athleten sich exponieren und sich mit immer höheren Strafen bedrohen lassen.
Krisenmanagement leugnet das wahre Dopingproblem
Wer soll solche Erklärungen exekutieren? Und wie? Sportler unterwerfen sich, indem sie zum Wettbewerb antreten, den Regeln ihres Sports. Sie müssen immer und überall bereit sein, für Dopingkontrolleure buchstäblich die Hosen herunterzulassen - selbst wenn der Test von einer so schlecht organisierten und miserabel finanzierten Einrichtung wie der Nationalen Antidopingagentur Deutschlands ausgewertet wird.
In den Arbeits- und Sponsorverträgen der Athleten steht, dass sie bei positivem Testergebnis zusätzlich zur Starterlaubnis ihr Einkommen verlieren. Radprofis, die der zusätzlichen Drohung einer Geldstrafe in Höhe eines Jahresgehaltes nicht zustimmen, will der Weltverband von der Tour de France ausschließen lassen. Juristisch dürfte das trotz der Demonstration der Einigkeit von 19 der 20 ProTour-Teams schwer zu realisieren sein in einer Sportart, in der Teams Arbeitgeber und Rennen wie die Tour Teile von Unterhaltungskonglomeraten sind.
Nicht nur der Athlet muss den Kopf hinhalten
Redundanz mag beim Bau von Raumstationen wichtig sein. Dem Sport verschafft sie keine höhere Moral. Im Gegenteil: Verzweifelte Offensive, bei der Sponsoren und Funktionäre immer neue Drohungen über einzelnen Athleten auftürmen, ist kontraproduktiv. Eine Öffentlichkeit, die Unschuldsbeteuerungen von Hochleistungssportlern nicht glauben will, überzeugt es nicht, wenn Hochleistungssportler massenhaft ihre Unschuld beteuern. Vor allem leugnet solch ein Krisenmanagement das wahre Problem.
Der dopende Athlet mag ein Betrüger sein. Aber er darf nicht derjenige sein, der für Netze, die sich in der Struktur des Sports eingerichtet haben, als Einziger den Kopf hinhält. Initiativen wie die des Radsports gehören, weil sie hartnäckig an der Idee vom Einzeltäter festhalten, in den Papierkorb der Sportgeschichte.