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Veröffentlicht: 03.04.2014, 12:53 Uhr

Opfer des DDR-Dopings Der Sadismus der Sachbearbeiter

Krebs, Fehlgeburt, Depression: Die einstige DDR-Kanutin Kerstin Spiegelberg führt all das auf die Steroide zurück, die sie als ahnungslose Minderjährige bekam. Dafür fordert sie eine Rente, doch die Ämter quälen sie nur.

von , Berlin
© IMAGO Langer Prozess: Kerstin Spiegelberg, die als Opfer des DDR-Dopings eine Rente fordert, mit ihrem Anwalt Sven Leistikow

Wie kaltblütig ihre Trainer sie missbraucht hatten, realisierte Kerstin Spiegelberg erst, als sie längst wusste, dass sie im Sportclub Grünau jahrelang gedopt worden war. Die sogenannten unterstützenden Mittel waren anabole Steroide gewesen, das teilten ihr ein Jahr nach dem Fall der Mauer Brigitte Berendonk und Werner Franke mit; die beiden Experten aus Heidelberg hatten Einblick in ihre Trainingspläne gehabt. Nun aber, als sie 1991 mit dem Berliner Kanu-Verband nach Frankreich reisen wollte, stand sie unerwartet dem Mann gegenüber, der einst in ihr den Traum von Olympia geweckt hatte. Wie sie so sprechen über vergangene Zeiten, da lässt er fallen, dass ihr großes Ziel eine Schimäre war. Sie sei doch lediglich das Zugpferd im Team gewesen, sagt er, nur dabei, um das Talent der Truppe auf Trab zu halten. Von Anfang an sei klar gewesen, dass sie niemals Olympiasiegerin würde.

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„Immerhin war er ehrlich“, sagt Kerstin Spiegelberg über den Moment, der ihr den Atem verschlug. 23 Jahre sind vergangen seitdem und viele Verletzungen dazu gekommen. Vielleicht ist sie nicht weit genug weggegangen, als sie 1988 aus dem Spitzensport aussortiert wurde und bald darauf die DDR unterging. Aber so klein ist Berlin nicht, und zwischen Ost und West liegen in mancher Hinsicht heute noch Welten. Sie aber erlebt, wie nah sich West und Ost im Unrecht sind. Der Schmerz auch darüber treibt die drahtige blonde Frau an. „Erst der Krebs“, sagt sie, „dann die Therapie und nun die Scheidung. Jetzt holt mich alles ein.“ Sie paddelt, als sei sie auf der Flucht, sie schwimmt, sie rennt, sie fährt Rad. „Ich kann nicht noch mehr Sport machen“, sagt sie. „Ich kann nicht immer davonrennen.“

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Deshalb stürmt sie an gegen das Unrecht. Als erste Athletin Deutschlands, die als Minderjährige gedopt wurde, hat sie vor Gericht ihren Anspruch auf eine Opferrente durchgesetzt. Das ist kein Triumph, sondern eine schreckliche Erfahrung. Im September vergangenen Jahres akzeptierte das Sozialgericht Berlin, dass der Brustkrebs, der bei ihr im November 2000 diagnostiziert wurde, Folge des Dopings mit Oral-Turinabol und STS 646 war, denen sie als Sechzehn- bis Neunzehnjährige ausgesetzt war. Deshalb stehe ihr staatliche Unterstützung zu - allerdings nur für ein halbes Jahr. Lediglich so lange sei sie zu fünfzig Prozent geschädigt gewesen.

Auch vor Gericht ein Leidensweg

2007 reichte sie Klage ein. 2013, sechs Jahre später, verhandelte das Sozialgericht zum ersten und einzigen Mal. Der Tod eines ungeborenen Kindes, Hautkrebs, Bandscheibenvorfall, Depression - sie ist mehr oder weniger stark überzeugt, dass all das vom Hormondoping und den damit verbundenen Belastungen verursacht wurde. Doch über das Mamma-Karzinom hinaus hat das Gericht nichts anerkannt. Ihre Berufung dürfte frühestens Ende des Jahres verhandelt werden, womöglich erst 2015. „Es gibt einen Stillstand der Rechtspflege“, konstatiert ihr Anwalt Sven Leistikow. Der Zug vor Gericht, so scheint es, verlängert nur den Leidensweg.

Denn hartnäckig weigerten sich Sachbearbeiter des Amtes anzuerkennen, dass es im DDR-Sport und schon gar in ihrem Fall so etwas wie Zwangsdoping gab; die Verabreichung von Pillen und Kapseln von der Hand des Trainers in den Mund der ahnungslosen Athletin. Die Antragstellerin musste zur Klägerin werden und fragte sich, ob Verwaltungsmitarbeiter, die aus der DDR stammen, das Ansehen ihres untergegangenen Staats verteidigten. Eine Sachbearbeiterin war nicht bereit, die in Zeitungen und im Fernsehen, in Büchern, in Filmen und nicht zuletzt in Strafverfahren bis zum Bundesgerichtshof belegte Körperverletzung zur Kenntnis zu nehmen. Kerstin Spiegelberg beschimpfte sie so heftig, dass sie Sorge hatte, angezeigt zu werden. Ein anderer Sachbearbeiter warf ihr so aggressiv, so bösartig und so persönlich vor, das Dopingsystem der DDR zum eigenen Vorteil genutzt und die Mittel freiwillig genommen zu haben, dass nun sie erwog, ihn zu verklagen. „Entweder sind die aus dem Osten und wollen das nicht wahrhaben“, dachte sie, „oder die machen ihre Arbeit nicht richtig.“ Als sie den Mann vom Amt vor Gericht fragte, ob er aus der DDR stamme oder aus dem Westen, antwortet dieser, das tue nichts zur Sache.

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