25.04.2007 · Die Hauptdarsteller der österreichischen Doping-Affäre sind überführt. Auf die verlogene Tour können Doper ihren Verfolgern nicht mehr kommen, seit die Richter nicht mehr auf positive Proben angewiesen sind. Ein Kommentar von Hans-Joachim Waldbröl.
Von Hans-Joachim WaldbrölBlutbeutel sind wirksame Behälter für betrugsbereite Sportler - und wertvolle Konserven für Dopingbekämpfer: Athleten, die über ihr natürliches Durchhaltevermögen hinaus mithalten wollen, bedienen sich der künstlich vermehrten und hormonell gesteuerten Sauerstoff-Transporteure, um sich einen verbotenen Leistungsvorteil zu verschaffen. Auch Fahnder benötigen einen langen Atem, bis sie die Analysen in die Hände und deren Konsumenten zu fassen bekommen.
Das Internationale Olympische Komitee hat ein gutes Jahr gebraucht, um die Hauptdarsteller der österreichischen Doping-Affäre bei den Winterspielen 2006 in Turin für überführt zu halten und lebenslänglich sperren zu können. Vier Langläufer und zwei Biathleten aus dem Nachbarland haben jetzt ihre Richter gefunden (Siehe auch: Doping: IOC sperrt sechs Österreicher auf Lebenszeit).
Flucht vor den Dopingfahndern
Ein ähnliches Schlussurteil müssen die Ausdauersportler Jan Ullrich und Ivan Basso fürchten. Wenn auch nicht vom IOC, sondern von ihrem internationalen Sportverband und den Strafrichtern ihres Landes. Einst als erbitterte Gegner Rad an Rad unterwegs, hätten sie längst umsteigen und gemeinsame Sache machen können - auf einem Tandem. Der Deutsche vorne, der Italiener dahinter, haben sich beide auf der Flucht vor den spanischen, italienischen, schweizerischen oder deutschen Dopingfahndern in eine Sackgasse manövriert. Ullrich ist als Erster am Point of no return angekommen und endgültig abgestiegen.
Ende Februar trat er, trotz aller Beteuerungen seiner Unschuld vom Makel eines Dopers gebrandmarkt, vom Profiradsport zurück. Auch Basso dürfte, nach neuester Lage der Dinge ziemlich allein im Sattel, die Kurve nicht mehr kriegen. Am Dienstag ist er vom Team Discovery Channel suspendiert worden (Siehe auch: Doping: Basso in der Falle). Die Dopingkommission des Nationalen Olympischen Komitees von Italien hat die Nachforschungen, die sie mangels Beweisen zunächst eingestellt hatte, wieder aufgenommen.
Blutbeutel als unwiderlegbare Indizien
Und die Staatsanwaltschaft Bergamo soll, so die verlässliche „Gazzetta dello Sport“, abermals in der Causa Basso ermitteln. Auch hier reichen inzwischen Blutbeutel, die bei den österreichischen Wintersportlern schon 2002 in Salt Lake City die Nachforschungen in Gang brachten, zum Anfangsverdacht. Bei Ullrich waren es neun, sieben bei Basso.
Ein DNA-Vergleich, genährt aus dem fließenden Blut und dem Inhalt der beim spanischen Dopingdoktor Eufemiano Fuentes tiefgekühlten Beutel, hat Ullrich Lügen gestraft und dürfte Bassos Unschuldsbehauptung demnächst widerlegen.
Justitia hat einen langen Arm
Auf die verlogene Tour können die Doper ihren Verfolgern nicht mehr kommen, seit sportliche oder staatliche Richter nicht mehr auf positive Proben angewiesen sind. Belege wie etwa eindeutig zuzuordnende Blutbeutel werden, falls ihre Aussagekraft „jenseits begründbarer Zweifel“ liegt, zu unwiderlegbaren Indizien mit dem Gewicht von Beweisen.
Die Mühlen der sportlichen wie staatlichen Justiz mahlen mitunter so langsam, dass IOC-Vizepräsident Thomas Bach seine Ablehnung eines deutschen Anti-Doping-Gesetzes vor einem halben Jahr ironisch feststellen konnte: Wie (un)wirksam eine solche staatliche Grundlage sei, sehe man schließlich an den Beispielen Italien und Spanien. Doch Justitia scheint sich mitunter zwar Zeit zu geben. Aber sie hat offensichtlich einen langen Arm, dessen Reichweite man nicht unterschätzen sollte.
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