http://www.faz.net/-gu9-86b98

Doping-Dokumentation : „Ich sehe, wie unser Sport unter die Räder kommt“

„Ich glaube, in unserem Sport betrügen heute mehr Leute denn je“: Der Vorsitzende der amerikanischen Vereinigung der Schwimmtrainer, John Leonard, stellt seinem Sport ein vernichtendes Zeugnis aus. Bild: dpa

Die jüngsten Enthüllungen in der Leichtathletik schlagen hohe Wellen. Schwimmtrainer John Leonard spricht im F.A.Z.-Interview über Doping, das Versagen des Weltverbandes und merkwürdige Chinesen.

          Herr Leonard, kennen Sie die ARD-Dokumentation zu Korruption und Doping in der Leichtathletik?

          Kenne ich, natürlich.

          Sie führen die amerikanische Vereinigung der Schwimmtrainer seit 1985. Halten Sie Ähnliches im Schwimmen für möglich?

          Sprechen wir erst mal über Doping. Das ist schließlich der Elefant im Porzellanladen, über den niemand spricht in unserem Sport. Halte ich es für möglich, dass nicht nur russische Leichtathleten, sondern auch russische Schwimmer so dopen? Hundertprozentig. Habe ich Beweise? Nein.

          Warum halten Sie es für möglich?

          Erstens: Warum sollte eine korrupte Anti-Doping-Agentur, die sich für das Vertuschen von Proben bezahlen lässt, nur in einer Sportart Geschäfte machen? Aber ich halte Doping nicht nur für ein Problem russischer Schwimmer. Ich glaube, in unserem Sport betrügen heute mehr Leute denn je. Ich sehe, wie unser Sport unter die Räder kommt.

          Dezidierter Kritiker des Internationalen Schwimmverbandes: John Leonard
          Dezidierter Kritiker des Internationalen Schwimmverbandes: John Leonard : Bild: ASCA

          Wie kommen Sie darauf?

          Die Schwimmer sind unter enormem Druck, weil sie wissen, dass ihre Konkurrenten dopen. Sie wissen, dass mit Mikrodosierungen gearbeitet wird, dass nachts gedopt wird, wenn kein Kontrolleur kommt. Dass am nächsten Tag nichts mehr nachweisbar ist. Jeder weiß, dass das alles passiert. Der Anreiz für Schwimmer, in diesem Umfeld zu dopen, ist gewaltig. Noch mal: Wenn Sie mich fragen, ob das Ausmaß des Dopings so groß ist, wie es offenbar in der Leichtathletik der Fall ist, dann sage ich: halte ich absolut für möglich.

          Tut der Internationale Schwimmverband, die Fina, genug, um die Sportler vor diesen Anreizen zu bewahren?

          Die Fina hat meiner Ansicht genau einmal einen ernsthaften Versuch unternommen, das Schwimmen vom Doping zu reinigen. Das war zwischen Mitte der neunziger Jahre und Anfang der 2000er. Das war ein sehr ernsthafter Versuch, er war mittelmäßig erfolgreich.

          Doping-Videografik : Auf Abwegen an die Spitze

          Und heute?

          Heute werden Nationen, in denen gedopt wird, schlicht laufen gelassen. Schauen Sie sich den Fall von Sun Yang an. . .

          . . . dem chinesischen Olympiasieger von London über 400 und 1500 Meter Freistil, der am Sonntag ganz souverän Weltmeister über 400 Meter wurde.

          Er wurde erwischt, im Frühjahr 2014. Die Chinesen bestrafen ihn zunächst nicht. Sein Arzt kriegt eine zweitrangige Strafe. Er startet bei den Asienspielen und gewinnt drei Wettbewerbe. Bei den Asienspielen! Das ist doch kein lächerlicher Wettbewerb, das ist der wichtigste Wettbewerb des Kontinents.

          Aber die Fina hat die Chinesen gezwungen, Sun Yang zu sperren.

          Klar, im Nachhinein, und so, dass die Sperre zu den Asienspielen im Herbst schon abgelaufen war. Und dann tritt er dort auf – und lässt sich am Wettkampfbecken vom gesperrten Arzt betreuen! Das müsste zwangsläufig ein weiteres Verfahren der Fina nach sich ziehen. Aber es passiert nichts. Stattdessen startet er jetzt bei der WM in Kasan.

          Was muss sich ändern bei der Fina?

          Wir haben eine Verbandsspitze, die selbstsüchtig auf ihren eigenen Vorteil schaut. Das ist das Versagen von Einzelpersonen. Die Fina wird von ihrem Präsidenten und ihrem geschäftsführenden Direktor geführt. Wir brauchen eine komplett neue Verbandsführung. Wir brauchen Leute, ganz neue Leute, denen es tatsächlich um einen sauberen Sport geht.

          Fina-Präsident Julio César Maglione aus Uruguay hat gerade eine Amtszeitbeschränkung aufheben lassen, so dass er 2017 ein drittes Mal gewählt werden kann.

          Wann haben Sie das letzte Mal einen uruguayischen Schwimmer gesehen? Und 2019 wird dann Hussein al Musallam gewählt, einer der engsten Freunde von Scheich Ahmad al Sabah. Ich bin der Fina gegenüber sehr misstrauisch. Meiner Meinung nach gibt es überhaupt keinen Grund, in Sachen Korruption und Doping nur den Leichtathletikverband anzugreifen.

          Neue App Der TAG jetzt auch auf Android
          Neue App Der TAG jetzt auch auf Android

          Das neue Angebot für den klugen Überblick: Die wichtigsten Nachrichten und Kommentare der letzten 24 Stunden – aus der Redaktion der F.A.Z. – bereits über 100.000 mal heruntergeladen.

          Mehr erfahren

          Seit wann sind Sie Schwimm-Trainer?

          Seit 1958. Ich bin Geschäftsführer der amerikanischen Schwimmtrainervereinigung seit 1985 und seit 2004 wieder der Weltvereinigung der Schwimmtrainer. Zusammengenommen, haben wir 17.500 Mitglieder weltweit.

          Sie haben ein bisschen was gesehen im Schwimmen.

          Ich habe mehr gesehen als nur ein bisschen was.

          Quelle: F.A.Z.

          Weitere Themen

          Im Luxuszug durch Andalusien Video-Seite öffnen

          Nostalgie pur : Im Luxuszug durch Andalusien

          Ein „Palast auf Rädern“ nennt die spanische Bahngesellschaft ihn in aller Bescheidenheit: den Tren Al Andalus. Nicht mehr als 64 Gäste pro Fahrt können darin den Süden Spaniens in Salon-Wagen der 20er Jahre erkunden.

          Das Rating der wichtigsten Länder Video-Seite öffnen

          Für Europa : Das Rating der wichtigsten Länder

          Bunt ist die Rating-Welt. Die FAZ.NET-Karte zeigt von Grün bis Rot zu welchen Rating-Klassen die Staaten Europas gehören. Hier unser interaktiver Überblick.

          Topmeldungen

          Sie scheint gestärkt, nicht geschwächt: Bundeskanzlerin Angela Merkel nach dem Abbruch der Sondierungsgespräche.

          Jamaika-Ende bei ARD und ZDF : „Ich fürchte nichts“

          Die Auftritte der Bundeskanzlerin im Fernsehen nach dem Scheitern der Sondierungsgespräche setzen ein Zeichen. Dafür sorgen nicht die Journalisten, das macht Angela Merkel schon selbst. Sie will es nochmal wissen und regieren. Am liebsten, hören wir heraus, mit Schwarz-Grün.

          Nach Aus für Jamaika : Ihr gelbes Wunder

          Auch die AfD hatte auf eine große Koalition gehofft. Sie versprach sich von Jamaika goldene Zeiten in der Opposition – nun muss sie jedoch die Liberalen fürchten.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.