Home
http://www.faz.net/-gua-vxjy
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Jörg Jaksche Gegen Schurkenstaaten und Seilschaften

12.10.2007 ·  Mit seinem Geständnis hat sich Jörg Jaksche herauskatapultiert aus dem Kartell des Schweigens. Damit steht der frühere Radprofi für Aufklärung und Veränderung. Nun fordert Jaksche ein Mitspracherecht bei der Neufassung des Welt-Anti-Doping-Kodex.

Von Evi Simeoni, Hamburg
Artikel Bilder (1) Lesermeinungen (0)

Wenn es Jörg Jaksche nicht gäbe, man müsste ihn erfinden. Er ist ein geständiger Doper, der sein Wissen nun in den Anti-Doping-Kampf einbringen will. „Zehn Jahre lang habe ich mich damit beschäftigt, wie man die Kontrollen umgehen kann, um gleiche Bedingungen für alle herzustellen“, erklärte der Radprofi aus Ansbach in der vergangenen Woche bei einem Symposion in Hamburg selbstironisch. Das war die Kurzfassung einer typischen Doping-Karriere im Profisport.

Mit seinem Geständnis in den Medien und mit seiner Aussage beim Bundeskriminalamt hat Jaksche sich aber herauskatapultiert aus dem Kartell des Schweigens und steht nun für Aufklärung und Veränderung. „Ein Hobbyjurist“ sei er inzwischen geworden, sagte Jaksche bei der vom Max-Planck-Institut für ausländisches und internationales Privatrecht sowie vom Forum für internationales Sportrecht ausgerichteten Veranstaltung. Er fände es deshalb angebracht, wenn in das internationale Anti-Doping-Reglement auch seine Erfahrungen einflössen. Das Bild, das er von der Situation der Leistungssportler entwarf, war nämlich düster. In Kurzfassung: reglementiert und doch alleingelassen.

„Athleten werden in den Prozess kaum einbezogen“

In Hamburg, wo hochkarätige Juristen über die Revision des international gültigen Anti-Doping-Reglements, des Welt-Anti-Doping-Kodex, diskutierten, wurde die Kluft zwischen Theorie und Praxis besonders deutlich. „Ich sehe ein Problem darin, dass Athleten in den Prozess kaum einbezogen werden“, bemängelt Jaksche. Die wichtigsten Änderungen des Kodex betreffen den Strafenkatalog für ertappte Doping-Sünder. Bei Erstverstößen soll der Strafrahmen flexibilisiert, die Maximalstrafe künftig von zwei auf vier Jahre Sperre ausgedehnt werden.

„Mehr Einzelfallgerechtigkeit“ kündigt etwa der Mainzer Jurist Ulrich Haas als einer der Autoren der Neufassung an. Allerdings betont Jaksche, dass er in seinen zehn Doping-Jahren keine einzige positive Probe abgab und darum bereits das Testprogramm für unzuverlässig hält. Immerhin soll vor diesem Hintergrund in der Neufassung des Wada-Kodex die Kronzeugenregelung ausgebaut werden. Jaksche profitierte bereits von der alten Fassung - er wurde vom für ihn wegen des Wohnsitzes zuständigen österreichischen Verband nur für eines statt der üblichen zwei Jahre gesperrt.

„Ohne solche Helfer bekommen wir nur Doofe“

Künftig soll eine Strafreduzierung bis zu 75 Prozent möglich werden, wenn ein Athlet wertvolle Informationen weitergibt. Zu viel Milde? Mit seiner Rechtfertigung bestätigte Haas Jaksches Misstrauen gegenüber dem Testsystem: „Ohne solche Helfer bekommen wir nur Doofe und Cannabinoide“, sagte er gegenüber dem Sport-Informationsdienst. (Positive Tests auf Cannabis stehen an der Spitze der Statistik - obwohl sie oft auf rein gesellschaftlichen Konsum zurückzuführen sind.)

Trotz aller Kritik stellte in Hamburg niemand - nicht einmal Jaksche oder sein streitbarer Rechtsanwalt Michael Lehner - den Nutzen des Wada-Kodex in Frage. „Die Einführung im Jahr 2003 war ein herausragendes Ereignis in der Geschichte des Sports“, sagte etwa der Münchner Rechtsanwalt Dirk-Reiner Martens, der als Richter beim Internationalen Sportgerichtshof (Cas) in Lausanne engagiert ist. „Der Kampf gegen Doping wäre nicht da, wo er ist.“ Tatsächlich handelt es sich beim Wada-Kodex um eine außergewöhnliche juristische Konstruktion: Ein Regelwerk, von Privatleuten formuliert, das eines Tages in allen Ländern und Sportverbänden der Welt gelten und befolgt werden soll.

„Eine Anleitung, ja sogar ein Befehl zum Dopen“

Gerade die Hoffnung, dass der Wada-Kodex zu internationaler Chancengleichheit führen wird, hat Praktiker Jaksche allerdings nicht. Er spricht von „Schurkenstaaten“ auch in Mitteleuropa, die den Anti-Doping-Kampf unterliefen. „In diesen Ländern regeln Seilschaften die Doping-Kontrollen politisch.“ Er und Lehner beklagten zum Beispiel, dass die spanische Regierung weitere Erkenntnisse aus der „Operacion Puerto“ blockiere, um ihre Spitzenathleten zu schützen. „Seit ein Spanier das Gelbe Trikot gewonnen hat, geht gar nichts mehr“, sagt Lehner. Tour-Sieger Alberto Contador steht ebenfalls im Verdacht, Fuentes-Kunde gewesen zu sein.

Auch in anderen Ländern gebe es „Agreements zwischen Verbänden und Sportlern“, sagt Jaksche und verweist vage auf „Beneluxländer“. Nach seiner Kenntnis hätten dort Radrennfahrer die Möglichkeit bekommen, sich von Trainingskontrollen „abzumelden“. „Eine Anleitung, ja sogar ein Befehl zum Dopen“, sagt Jaksche. Zwar soll die - jetzt schon strapaziöse - Meldepflicht der Athleten über den jeweiligen Aufenthaltsort im neuen Wada-Kodex klarer geregelt werden. Zusätzlich soll jeder Leistungssportler künftig eine Stunde täglich angeben, in der er unbedingt für Trainingstests erreichbar sein muss.

„Wie man das richtig macht, weiß ich auch nicht“

Wie viele Praktiker beklagt allerdings auch Jaksche, dass in vielen Ländern Trainingskontrollen gar nicht oder nur vereinzelt stattfinden. Deswegen, sagt der Radprofi, halte er auch die Koppelung von Medaillengewinn und staatlichen Fördermitteln für falsch. „Da liegen Anspruch und Wirklichkeit auch in Deutschland weit auseinander.“ Wenn ein Sportler sich unter den besten acht plazieren müsse - „zum Beispiel gegen Athleten aus Russland, Griechenland, Moldawien oder China“ -, dann müsse man sich angesichts der fehlenden Kontrolldichte in diesen Ländern nach dem Sinn der Sache fragen.

„Das muss man zweifellos hinterfragen“, bestätigte ihm Cas-Richter Martens ein wenig hilflos. „Wie man das richtig macht, weiß ich auch nicht.“ Dass die Kontrolleure die Betonung immer mehr auf Trainingskontrollen legten, könne die Lage aber verbessern. Jaksche ist damit nicht zufrieden: „Die Trainingstests in vielen Sportarten sind ineffektiv und realitätsfern.“

„Dafür kann ich nur wenig Verständnis aufbringen“

Hockey-Olympiasiegerin Marion Rodewald, Mitglied des Aktivenbeirats im Deutschen Olympischen Sportbund, beklagte bei dem Symposion mit Blick auf Jaksche, dass sie „aufgrund von schwarzen Schafen einem Generalverdacht ausgesetzt“ sei. „Leider hat man ihm hier ein Forum gegeben, seine Weste reinzuwaschen“, sagte sie vom Rednerpult herab. „Dafür kann ich nur wenig Verständnis aufbringen.“ Sportler treffen Sportler: Da prallte plötzlich heile Amateur-Welt auf die bittere Erfahrung der verdorbenen Profi-Szene.

Dabei haben die beiden ein gemeinsames Ziel. Rodewald forderte die Einbindung von Präventionsmaßnahmen ins Reglement. Und Jaksche, der Mann mit der beschmutzten Vergangenheit, machte deutlich: „Es geht um die Frage: Wie kann man einen jungen Sportler davor bewahren, in die falsche Richtung abzudriften?“

Quelle: F.A.Z., 12.10.2007, Nr. 237 / Seite 39
Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel

Jahrgang 1958, Sportredakteurin.

Jüngste Beiträge

Franz Putin

Von Peter Sturm

Franz Beckenbauer dürfte wissen, dass in Russland das System Putin auch auf Unternehmen wie Gasprom ruht. Sein von Gasprom bezahltes Engagement als Sportbotschafter Russlands sollte er sich nochmal überlegen. Mehr 3 8