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Jan Ullrich Mann ohne Mumm

13.02.2012 ·  Der Internationale Sportgerichtshof hat Jan Ullrich wegen seiner Kontakte zum Blutpanscher Fuentes verurteilt. Doch der Deutsche verpasst wieder die Chance, in seiner Vergangenheit aufzuräumen. Er ist schlecht beraten.

Von Michael Eder
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© REUTERS Keine ernsthaften Worte: Ullrich agiert mutlos

Ja, ich habe gedopt! Diesen Satz, diese vier Worte, hatte man sich von Jan Ullrich erhofft, nachdem der Internationale Sportgerichtshof Cas ihn am Donnerstag wegen seiner Kontakte zum spanischen Arzt Fuentes als Betrüger und Blutdoper verurteilt und mit einer Sperre von zwei Jahren belegt hatte, einer Sperre, die 2011 beginnt, vier Jahre nach Ullrichs Karriereende. Absurd nicht nur dies.

Aber Ullrich hat die vier Worte, das Unaussprechliche, nicht über die Lippen gebracht und damit seine vielleicht letzte Chance vertan, einen Schnitt zu machen und aufzuräumen in seiner Vergangenheit, die erst ein einziger Triumphzug war bis hin zum Sieg bei der Tour de France 1997 und dann ein teils lächerliches, teils tragisches Versteckspiel in seinem Schweizer Exil am Bodensee.

Um Ullrichs Statement vom Freitag zu formulieren, hatten er, seine Berater und Anwälte im Prinzip viele Jahre Zeit. Man muss sich die zentralen Sätze einmal genau anschauen, um sich ihre ganze Dürftigkeit vor Augen zu führen.

"Ich bestätige, dass ich Kontakt zu Fuentes hatte. Ich weiß, dass das ein großer Fehler war, den ich sehr bereue. Für dieses Verhalten möchte ich mich aufrichtig bei allen entschuldigen - es tut mir sehr leid."

Was sich liest, als hätten die Eltern ihrem Fünftklässler einen Entschuldigungsbrief für die Klassenlehrerin geschrieben, passt ins Bild, das Ullrich seit Jahren abgibt. Es tut ihm leid. Was? Dass er Kontakt zu Fuentes hatte. Doping? Kein Wort dazu. Kein Wort zu Blutaustausch, zu Wachstumshormon, zu Epo, kein Eingeständnis, kein Dementi, nichts.

Schon die Richter am Cas hatten sich verwundert gezeigt über Ullrichs Strategie der inhaltlichen Nicht-Verteidigung. Seine Anwälte hätten nur formale Hintertürchen gesucht, in der Sache aber nichts vorgebracht.

Die Frage ist: Warum bringt es Ullrich nicht fertig zu sagen, was jeder, der die Fakten kennt, weiß, und was der Cas nun offiziell bestätigt hat, dass Ullrich beim Blutpanscher Fuentes, wie viele andere Sportler auch, vorstellig wurde, um Eigenblutdoping vornehmen zu lassen und dafür mindestens 80.000 Euro bezahlte.

2008 gab es die Gelegenheit

War Ullrich schlecht beraten, ist Ullrich schlecht beraten? Das ganz gewiss. In Ullrichs Erklärung vom Freitag findet sich, ganz unfreiwillig, eine entlarvende Passage.

"Ich wollte schon damals, kurz nach meiner Suspendierung, den Fehler, den ich gemacht habe, öffentlich eingestehen, aber mir waren die Hände gebunden. Auf Anraten meiner Anwälte und wie es in solchen Fällen üblich ist, habe ich zu den Vorwürfen geschwiegen."

Damals, 2006, erzählen Insider, sei alles vorbereitet gewesen für Ullrichs Outing im Fernsehen, er sei tatsächlich dazu bereit gewesen, doch dann hätte ihn seine Entourage wieder umgedreht. Über Jahre hinweg haben seine Einflüsterer, Berater und Anwälte ihm dann eine Taktik vorgegeben, die ihn in die Isolation trieb, es gab nur ein einziges plumpes Konzept, nur einen einzigen dreisten Satz: "Ich habe niemanden betrogen!" Das ließen sie Ullrich immer und wieder sagen: "Ich habe niemanden betrogen!" Übersetzt hieß es: Ja, ich habe gedopt, aber die anderen auch, und deshalb habe ich niemanden betrogen.

Berater, die nicht weiterhelfen

Hat er keinen Mumm? Einer, der die Tour de France gewonnen hat, mit welchen Mitteln auch immer? Die Ullrich näher kennen, beschreiben ihn als liebenswerten Burschen, als guten Kumpel, als einen, der sich immer nach Harmonie sehnte, der Konflikten aus dem Weg ging. Ullrich hat Mumm auf dem Fahrrad, ansonsten ist er ein Aussitzer.

Dass er immer noch von Beratern umgeben ist, die ihm nicht weiterhelfen, hat auch diese Woche gezeigt. Die Stuttgarter Agentur von Charly Steeb hat sich seiner angenommen und einen Betreuer zugewiesen. Ziel ist die allmähliche öffentliche Resozialisierung des einstigen Lieblings der Nation. Man setzte ihn letztes Jahr beim Ötztalmarathon aufs Rad, bei der Fahrradmesse in Friedrichshafen gab er nichtssagende Interviews und Autogramme, beim Ball des Sports in Wiesbaden letzte Woche ließ er sich wieder im Kreis der Sportelite blicken.

Am vergangenen Mittwoch dann, einen Tag vor dem Cas-Urteil, setzten ihn seine Berater in Bielefeld bei einem Sponsor, der mit ihm im Breitensport arbeiten will, aufs Podium, ein Sponsor, der für sein Haarwasser mit dem Slogan "Doping für die Haare" wirbt. Marketingleute schlugen die Hände über dem Kopf zusammen: Ist das fehlendes Fingerspitzengefühl oder schon Kabarett?

Kurzsichtige Taktik

Warum redet Ullrich nicht? Jetzt, wo ihn das höchste Sportgericht ganz offiziell als Doper verurteilt hat? Was hat er noch zu verlieren? Hat er Angst vor Regressansprüchen, obwohl er ein Betrugsverfahren zum Nachteil seines einstigen Arbeitgebers Telekom gegen die Zahlung von 250 000 Euro längst vom Tisch bekommen hat? Von der Telekom hat er nichts zu befürchten, der Konzern wird einen Teufel tun und die alten Geschichten noch einmal aufwärmen, zu groß wäre die Gefahr, dass seine eigene Rolle im umfassenden Doping-System des Teams diskutiert und womöglich geklärt würde.

Ullrichs Berater haben eine Taktik gewählt, die genau so kurzsichtig und durchschaubar ist wie das unsägliche "Ich habe nicht betrogen!". Nennen wir sie die Schlussstrich-Kampagne. Sie geht so: Beim Doping-für-die-Haare-Auftritt verkündet Ullrich, der bevorstehende Cas-Spruch sei ein Glückstag für ihn, weil er danach endlich einen Schlussstrich ziehen könne.

Nach dem Schuldspruch im Fuentes-Fall erklärt er dann sein Bedauern, mit dem Spanier Kontakt gehabt zu haben, vermeidet aber das Wort Doping, schließt Nachfragen aus und zieht ihn, den Schlussstrich. Ab heute keine Kommentare mehr dazu. Ein dreister Plan: Nicht nur die Fuentes-Causa bleibt im Nebel, der Schlussstrich soll automatisch auch alle anderen offenen Fragen beenden: Was ist mit der Zeit vor 2005? Was ist mit den Praktiken an der Freiburger Uniklinik? Was ist mit systematischem Doping im Team Telekom, bei T-Mobile? Mit welchen Mitteln hat er die Tour 1997 gewonnen? Der Schlussstrich ist gezogen? Nein, alle Fragen sind offen.

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Jahrgang 1957, Sportredakteur.

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