Home
http://www.faz.net/-gua-uq5a
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Jaksches Geständnis „So geht es los, das Fixertum“

01.07.2007 ·  Jörg Jaksche zeichnet bei seinem Doping-Geständnis als erster Radprofi aus eigener Erfahrung das Bild eines flächendeckenden Systems - in der Gegenwart. Er belastet die Teamchefs und berichtet von „Deals“ zwischen Teams und dem Weltverband UCI.

Von Anno Hecker, Frankfurt
Artikel Bilder (10) Lesermeinungen (9)

Und noch ein Doping-Geständnis. Auf den ersten Blick scheint die Aufklärung des Radprofis Jörg Jaksche im jüngsten „Spiegel“ in die Reihe zu passen. Aber diesmal reicht die Beichte, für die vermutlich ein hohes Honorar gezahlt worden ist, viel weiter als bei den einstigen Kollegen vom Team Telekom, deren Offenbarung an der Verjährungsgrenze 1999 jäh abbrach. Als habe es in den vergangenen acht Jahren kein Doping im Radsport gegeben.

Jaksche wagt den Schritt. Auch weil er im Sinne der Kronzeugenregelung auf eine Halbierung der Sportstrafe spekuliert, auf ein Jahr. Als Voraussetzung schildert der 30 Jahre alte Ansbacher mit Wohnsitz in Österreich nicht nur seine neunjährige Tour de Dopage vom ersten (Polti) bis zum fünften Rennstall (Liberty Seguros) und zeichnet damit als aus eigener Erfahrung das Gesamtbild vom flächendeckenden System.

„Nicht mafiös, aber skrupellos“

Jaksche beschreibt auch die knallharte Sozialisation unter den mitwissenden Teamchefs von der ersten harmlosen Pille bis hin zur „ekeligen“ Blutdoping-Prozedur in der Obhut des spanischen Arztes Eufemiano Fuentes. Und er bringt damit alle Interessierten auf den Stand von Mai 2006, als die Aufdeckung der Blutbank von Fuentes durch die spanische Polizei den Anfang vom Ende der deutschen Radikone Jan Ullrich einleitete.

Jaksche räumt auch mit der Mär auf, die Szene sei eine große Familie, die gefallenen Kindern helfe: „Der Radsport ist nicht mafiös“, sagt er, „der Radsport ist skrupellos.“ Namen will er nicht nennen, weil die Fahrer für ihn nur Rädchen im Getriebe sind. Aber um Namen kommt Jaksche nicht herum, um Teamchefs, die weiter am großen Rad drehen (wollen): Gianluigi Stanga (heute Teammanager bei Milram), bei dessen damaligem Team Polti Jaksche 1997 seine Profikarriere als Fahrer und Doping-Konsument begann; Manolo Saiz, für dessen Rennstall Once Jaksche 2001 bis 2003 fuhr, bevor er dann 2005 zum Once-Nachfolger Liberty Seguros ging, der im Zuge der Fuentes-Affäre aufgelöst wurde, weil Saiz dort eine Schlüsselrolle zugeschrieben wurde; Bjarne Riis (CSC), geständiger, aber keineswegs reuiger Doping-Sünder der neunziger Jahre; schließlich Walter Godefroot (inzwischen Berater bei Astana) vom einstigen deutschen Vorzeigeteam Team Telekom, der nach wie vor nichts gewusst haben will.

„Ausschließen, dass jemand ungeschickt dopt“

Jaksche widerspricht dem Belgier: „Offiziell hieß es: keine Sachen mit zu den Rennen! Aber in Wahrheit war es natürlich ganz anders. Wer bei einem Rennen nur mit einem Hämatokritwert von 44 (50 Prozent waren erlaubt) auftauchte, war ein braver Junge, der bemitleidet wurde“, erzählte Jaksche. „Der mit 48 galt als knallharter Kalkulierer und der mit 49,5 als jemand, der das Team in Gefahr bringt. So krank war das. Es ging Godefroot nicht darum auszuschließen, dass jemand dopt, sondern dass er ungeschickt dopt.“ Von Doping sprach der Chef nie. Nur von den „Sachen“.

Wenigstens einmal ist Godefroot blass geworden. Als ihm die Ärzte (Telekom beschäftigte die geständigen Freiburger Lothar Heinrich und Andreas Schmid) von alarmierenden Hämatokritwerten berichteten. Es ging um die Gefahr, erwischt zu werden, nicht um die Gesundheit: „Die Mannschaftsleitung wusste alles“, sagt Jaksche, „es war ein fest installiertes System.“ Die Versorgung funktionierte länderübergreifend. Vor allem beim Doping mit Eigenblut. Diese Methode hatten sich Experten einfallen lassen, nachdem das Modemittel Erythropoietin (Epo) in standardisierten Verfahren von 2001 an nachgewiesen werden konnte.

„Ölwechsel“ wirkt nach zwei Tagen

Fuentes nahm Jaksche und Kollegen einen halben Liter Blut ab. Vier Wochen später noch einmal einen Liter, füllte die zuerst abgezapfte und dann konzentrierte Menge aber wieder zurück. So existierten trotz der maximal vierwöchigen Haltbarkeit immer zwei frische Blutbeutel. In der Medizin spricht man vom Bocksprung. Im Sport war die heikle, bei Verunreinigung lebensgefährliche Transfusion in einer Hinsicht eine sichere Sache: bei der Analyse nicht zu finden. Trotzdem ist es in Spanien aufgefallen. Und in Deutschland wird die Göttinger Staatsanwaltschaft jetzt weiterkommen. Denn Jaksche will auch den Fahndern berichten, dass der Mediziner Markus Choina ihm 2005 in Bad Sachsa Blut abzapfte und bei der Tour-Etappe in Karlsruhe wieder infundierte.

So ein „Ölwechsel“ (Jaksche) wirkte nach zwei Tagen: „Du merkst, dass du am Berg länger vorne mitfahren kannst. Du hast dabei nicht weniger Schmerzen, aber die Schmerzgrenze liegt höher“, berichtete Jaksche dem „Spiegel“. „Denn in den Blutbeuteln ist ja mehr drin als die roten Blutkörperchen, die du zum Transport des Sauerstoffes brauchst: körpereigenes Wachstumshormon und Testosteron, Vitamine, Proteine. Das wirkt wie eine Verjüngungskur.“ Choina, nach einer Hausdurchsuchung im Sommer unter Verdacht, wirkte offenbar als eine Art Tankstellenpächter von Fuentes und erhielt von der spanischen Doping-Zentrale für seine Dienste ein Honorar, allein in einem Monat laut Aktenlage 1200 Euro. Was die Frage aufwirft, ob Jaksche der einzige Kunde war. Fuentes ließ seine Fahrer zwar im Glauben, er behandle alle exklusiv. Die Listen mit den vielen Namen, die Beschreibung in den Untersuchungsakten, der Spanier habe vor großen Rennen sogar mal 72 Stunden am Stück gearbeitet, deuten auf eine Rundumbehandlung hin.

Die Einstiche mehrten sich

Was aber denkt ein intelligenter Arztsohn über das Leben in der „Parallel-Welt“? Jaksche nahm Epo, Wachstumhormon, Insulin, Kortikoide, das ganze Programm und leugnete doch Doping. Anfangs fand er die Spritzerei „asozial“. Später gehörte die „Medizin zum Alltag, man sieht vieles nicht mehr (. . .), man bekommt ja beigebracht, dass es so schlimm ja nicht ist. (. . .) Du passt dein Leistungsniveau dem Rest an, weil jeder es tut.“ Und so war „Blutdoping“ für Jaksche kein Doping. „Für mich war das Anpassung an das System.“ Als Amateur nahm Jaksche einen „Aufputscher“ für die letzten Kilometer bis zum Ziel. Angeblich nichts, was damals auf der Dopingliste stand. „Aber man gewöhnt sich daran, etwas zu schlucken, damit es dir morgen bessergeht.“

Beim Profiteam Polti machte er den nächsten Schritt, erlebte den „Crashkurs“, eine Beschleunigung auf das Niveau der Kollegen. Die Einkünfte stiegen von 40.000 Mark über 80.000, 300.000 (Telekom) bis auf 500.000 Euro bei Liberty Seguros und CSC. Die Einstiche mehrten sich auch. „So geht das los, das Fixertum, es ist ein fließender Übergang.“

„Lasche Trainingskontrollen“

Zum Einsatz aus der Apotheke, 10.000 Epo-Einheiten samt Kühlung ließen sich im doppelten Boden eines Staubsaugers des Herstellers und Sponsors Polti vor den scharfen französischen Beamten gut verstecken, gehörte auch Synacthen. Ein Medikament etwa für Patienten mit multipler Sklerose und mit vielen möglichen Nebenwirkungen bis zum allergischen Schock bei Asthmatikern. Es ist seit zehn Jahren im Radsport, einer Enklave vermeintlicher Lungenkranker, verbreitet und seit einem Jahr entdeckbar. Die Methode des Kölner Analytikers Mario Thevis aber wartet auf ihre Zulassung durch die Welt-Anti-Doping-Agentur. Fast ein Jahr schon. Das Gleiche gilt für Insulin.

Es sind diese Kleinigkeiten, die Jaksche zweifeln lassen, ob das System durchbrochen werden kann. Er berichtet von „laschen Trainingskontrollen“, wie die sogenannten Asthmatiker im Feld ihre Atteste als Persilscheine nutzen. Und er hörte von einer Allianz, die, falls sie denn stimmt, alles zusammenbrechen ließe: „Mir hat ein Fahrer erzählt, dass es wegen der Trainingskontrollen Deals geben soll zwischen ein paar Mannschaften und dem Weltradsportverband. (. . .) Das hat mir dieser Fahrer ganz stolz erzählt. Da wusste ich: Nichts hat sich geändert.“

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel

Jahrgang 1964, Sportredakteur.

Jüngste Beiträge

Stürmer in der Defensive

Von Michael Ashelm

Die Anforderungen an Angreifer haben sich stark verändert – und damit die Auswahl des Personals. Der Stürmertyp, der vorne wartet, bis er bedient wird, stirbt aus. Mehr 1