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Ines Geipel : Der Schrecken steht mitten im Raum

Bis heute Anfeindungen und Drohungen ausgesetzt: Ines Geipel Bild: picture-alliance/ dpa

Für das Doping-Opfer Ines Geipel ist der Ethik-Preis der DJK wieder ein Stückchen Befreiung. Bis heute ist sie Anfeindungen und Drohungen ausgesetzt, Vandalismus und körperlichen Angriffen.

          Man hätte schön lamentieren können über den Verfall der Sitten und die Gefahren der Manipulation. Man wäre sich leicht einig gewesen im Lob derjenigen, die sich und ihre Werte nicht verraten. Wie das so ist bei der Verleihung von Ethik-Preisen. Doch plötzlich stand der Schrecken mitten im Raum.

          Michael Reinsch

          Korrespondent für Sport in Berlin.

          Ines Geipel, Schriftstellerin und Professorin in Berlin, nahm die Verleihung des Preises des katholischen Sportverbandes Deutsche Jugend Kraft (DJK) am Montag in Berlin zum Anlass, über ihre anhaltende Verletzung durch den Staatssicherheitsdienst der DDR zu berichten. Die Verleihung des Preises habe sie gezwungen, die Schlinge, die um sie ausgelegt sei, auch öffentlich zu lösen, um ein Stück mehr Souveränität über ihre eigene Geschichte zurückzuerlangen, sagte sie. Bis heute ist Ines Geipel, die den Opfern des Dopings in der DDR eine Stimme gegeben hat, Anfeindungen und Drohungen ausgesetzt, Vandalismus und körperlichen Angriffen. Lügen und Erfindungen aus den Akten der Staatssicherheit verfolgen sie. Eines Nachts, nach einer Lesung, riss ein Mann sie nahe ihrer Wohnung zu Boden und setzte ihr schweigend den Fuß auf den Bauch. Da wusste sie, dass er von ihrer Akte wusste und ihrer Verstümmelung.

          Die Liebe macht sie zum Staatsfeind

          Sie war Sprinterin, hieß Iris Schmidt und lebte und trainierte in Jena. Zum Staatsfeind wurde sie, als sie sich 1984 im Trainingslager in Mexiko in einen mexikanischen Athleten verliebte. Die Staatssicherheit, die Wind davon bekam, wusste ebenso wie die junge Frau, dass diese Liebe in der DDR keine Zukunft hatte. Sie, 23 Jahre alt, nahm sich vor, die Olympischen Spiele in Los Angeles zur Flucht zu nutzen. Der Staatssicherheitsdienst begann, sie zu bekämpfen. Wie zum Hohn gab er dem Vorgang den Namen des Mexikaners: „OPK Ernesto“.

          Ines Geipel, die sich von ihrer linientreuen Familie wie vom staatstragenden Sport abgenabelt hatte, verbarg ihre Schmerzen nicht, als sie den Preis annahm, der ihr zugleich mit dem Mainzer Sportwissenschaftler und Mitglied im päpstlichen Laienrat Norbert Müller verliehen wurde. Kurz vor dem Fall der Mauer war sie geflohen. Von Werner Franke wurde sie zur Nebenklage im Prozess gegen die starken Männer des DDR-Sports, Manfred Ewald und Manfred Höppner, überzeugt – und damit zur Rückkehr zum Thema ihres Lebens, dem Missbrauch durch die Macht. Sie setzte durch, dass wenn schon nicht der Weltrekord für Vereinsstaffeln, den sie im Juni 1984 gemeinsam mit Bärbel Wöckel, Marlies Göhr und Ingrid Auerswald lief, dann doch wenigstens ihr Name aus der Bestenliste gestrichen wird. Schließlich waren sie alle gedopt worden.

          Das löste eine Diskussion über den Fortbestand der Rekordlisten in Deutschland und der Welt aus. Sie demonstrierte gegen die Verletzung der Menschenrechte im Olympia-Land China und protestierte bei der Leichtathletik-Weltmeisterschaft 2009 in Berlin gegen anhaltendes Doping. Sie kämpft für eine Rente für Doping-Opfer. Und nun gestand sie, die so stark und kampfesmutig erscheint, dass sie nicht nur verletzlich, sondern auch tief verletzt ist.

          Haarsträubende Verleumdungen

          Das Ziel, „die Schmidt aus dem Leistungssport zu lösen“, wie es die Staatssicherheit formulierte, half der IM „Ilja Vogelberg“, der Speerwerfer Jürgen Falkenthal, Nachbar und vermeintlicher Freund, mit haarsträubenden Verleumdungen zu realisieren. „Um Spekulationen und anhaltende Denunziation auszuräumen“, zwang sie sich auf der Bühne zu sagen: „Ich war weder je Stasi noch Alkoholikerin, ich bin auch nicht talentiert in Sachen Rotlichtmilieu und habe mir auch keine Mittel besorgt, um mich zusätzlich zu dopen. Was der Sport für einen diesbezüglich vorsah, war bei weitem genug.“

          Eine Unterleibsoperation 1984 bot die Gelegenheit, „sie zumindest für längere Zeit auf Eis zu legen“, wie sie aus den Akten zitierte. Ein Chirurg der Virchow-Klinik in Berlin stellte 2004, zwanzig Jahre nach der perfiden Tat, fest, was die Ärzte in der DDR ihr angetan hatten. „Mein gesamter Bauch war samt Muskulatur durchschnitten worden“, erfuhr sie. „Alle inneren Organe waren verletzt.“

          „Die Wahrheit, von der es im Evangelium heißt, dass sie uns frei macht, ist eine Erfahrung, die wir alle haben könnten, wenn wir es versuchten. Sie befreit uns von der lebenslangen Bindung an dieses Zwangssystem“, hatte Joachim Gauck zuvor in seiner Laudatio konstatiert. Da sprach er lediglich von Doping. „Wir sind mit Ines Geipel traurig über diese Top-Athleten aus der DDR, die nicht aufwachen wollen, die nicht sehen und benennen wollen, was sie gemacht haben.“

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