25.12.2008 · Der international anerkannte Epo-Experte Horst Pagel forscht an der Universität Lübeck. Er ist begeisterter Radsportler und seit Jahren Anti-Doping-Beauftragter des Radsport-Verbandes Schleswig-Holstein und warnt im F.A.Z.-Gespräch vor neuen, gefährlichen und billigen Dopingpräparaten.
Der international anerkannte Epo-Experte Horst Pagel forscht an der Universität Lübeck. Er ist begeisterter Radsportler und seit Jahren Anti-Doping-Beauftragter des Radsport-Verbandes Schleswig-Holstein- und warnt im FAZ-Gespräch vor neuen, gefährlichen und billigen Dopingpräparaten.
Gibt es gefährliche Produkte, die nach Ihrer Erkenntnis im Sport für Doping missbraucht werden, den Fahndern aber weitgehend unbekannt sind?
Aktuell wurden in unserem Labor ein über das Internet beschafftes Wachstumshormonpräparat (hGH) und ein insulinähnlicher Wachstumsfaktor (IGF-1) aus chinesischer Produktion analysiert. Sie waren hochrein, die angegebenen Konzentrationen stimmten, und sie kosteten nur ein Zehntel dessen, was sie als zugelassene Medikamente gekostet hätten. Der Nachweis für das gentechnisch hergestellte hGH funktioniert theoretisch innerhalb von rund 24 Stunden nach Applikation. Es gibt aber bis heute keine positive Probe auf hGH.
Liegt das auch an der Fähigkeit von Athleten und ihren Hintermännern, schnell auf eine mögliche Entdeckung zu reagieren?
Wahrscheinlich. Aus osteuropäischen Ländern kommt in letzter Zeit wieder vermehrt hGH auf den Markt, das aus Hirnanhangdrüsen von Leichen gewonnen wird. Das ist durch die Analytik nicht nachweisbar, aber die Gefahr der Erkrankung an HIV, Hepatitis, Creutzfeldt-Jakob (CJK) oder anderen Krankheiten ist enorm. Es sei hier nur an die über 100 Fälle von an CJK gestorbenen Kindern in Frankreich erinnert, die in den 1980er Jahren mit hGH behandelt wurden. Damals musste man auf das Leichen-Wachstumshormon zurückgreifen, weil das gentechnisch hergestellte hGH erst seit Ende der 80er Jahre zur Verfügung stand.
Wann werden hGH oder IGF-1 ärztlich verordnet?
Es gibt nur eine Indikation: der Kleinwuchs von Kindern. Die Häufigkeit dieser Erkrankung beiträgt 1–2 Fälle pro 10.000 Geburten, ist also erfreulicherweise äußerst gering. Es ist aber erstaunlich, wie viele Firmen, besonders in China, diese Präparate herstellen.
Die Europäer sind sauber?
Nein, auch seriöse Pharmaunternehmen in Europa forschen an Nachfolge-Präparaten mit anderen Wirkmechanismen. Ich will jetzt nicht die verschiedenen Bezeichnungen aufführen, aber sie werden in den einschlägigen Foren unter Sportlern bereits intensiv diskutiert. Es sind Präparate, die die körpereigene Produktion von hGH und IGF-1 stimulieren. Darunter sind auch Entwicklungen, die als Nasenspray oder in Tablettenform auf den Markt kommen sollen. Das wäre sehr praktisch für den Missbrauch, denn dann fällt die lästige Spritze weg, die bisher bei allen Präparaten notwendig war. Und alle diese neuen Präparate haben eines gemeinsam: Sie sind nicht nachweisbar.
Immer neue Varianten des Medikaments Erythropoietin (Epo) werden im Sport als Blutdopingmittel eingesetzt. Ist es möglich, wenigstens dieses Problem in den Griff zu bekommen?
Es gibt Varianten, wie Dynepo, für die es bis heute kein akkreditiertes, das heißt gerichtsfestes Nachweisverfahren gibt. Dynepo wird Ende des Jahres vom Markt genommen; folglich wird wohl niemand mehr Geld in ein justitiables Nachweisverfahren stecken. Derzeit decken sich daher potentielle Doper mit Dynepo ein. Es soll sogar Spezialisten geben, die es mit chemischen Zusätzen versetzen, um es dadurch länger haltbar zu machen. Daneben gibt es eine zunehmende Zahl von sogenannten Epo-Mimetika und -Biosimilars, die ähnlich wirken, für die es aber ebenfalls kein Nachweisverfahren gibt. Und es gibt in vielen Ländern genügend Garagenlabore, die sie illegal herstellen.
Epo-Produktion für Hobbychemiker?
Es ist kein größeres Problem, wirksames Epo herzustellen; das kann heutzutage ein Student der Molekularbiologie spätestens im 6. Semester. Oft hat man aber ein großes Problem mit der Reinheit der Produkte, was sich dann in schweren allergischen Reaktionen oder Blutvergiftungen äußern kann. Wem das egal ist, kann die Produkte im Sport missbrauchen, ohne Gefahr zu laufen, entdeckt zu werden. Ich befürchte, dass dies viele tun.
Sie zeichnen keine rosige Zukunft für einen sauberen Sport. Welchen Einfluss hat das auf Ihre ehrenamtliche Funktion des Anti-Doping-Beauftragten?
Das ist leider so. Und ich bin der festen Überzeugung, dass wir es Sportarten-übergreifend nicht nur mit einzelnen schwarzen Schafen zu tun haben. Ich würde mich auch viel lieber Doping-Präventions-Beauftragter nennen. Denn darin sehe ich die Zukunft. Eine Kontrolle funktioniert nämlich immer: Das ist die Selbstkontrolle. Wir müssen Athleten so erziehen, dass für sie Doping kein Wert ist, aber Werte wie Gesundheit, Ehrlichkeit und Fair Play zählen. Und wir müssen ihnen von Beginn an eine vernünftige berufliche Karriere ermöglichen. Die Sportkarriere muss in die Lebenskarriere integriert werden. Es gibt ein Leben nach dem Sport. Wer alles auf die Karte Sport als Broterwerb setzt und so dem systemimmanenten Problem des Dopings unterliegt, setzt damit möglicherweise auch sein Leben als Ganzes aufs Spiel.
Vor kurzem haben Sie einen offenen Brief an den Bund Deutscher Radfahrer (BDR) verfasst. Was war der Anlass?
Bereits vor mehr als einem Jahr forderten Teile der Trainerschaft den BDR auf, die Bewerbung und Propagierung von Nahrungsergänzungsmitteln zu unterlassen. Trotzdem firmiert er aktuell neben anderen Verbänden als Kooperationspartner einer Vertriebsfirma für die angesprochenen und weitestgehend überflüssigen Nahrungsergänzungsmittel. Ich habe den BDR um Stellungnahme gebeten, da das ehrliche Engagement an der Trainerbasis dadurch meines Erachtens konterkariert wird. Obgleich ich auf diesen Brief noch keine Antwort von Seiten des BDR erhalten habe, sehe ich mich veranlasst, gewissermaßen eine Fortsetzung zu schreiben: Selbst in der Zeitschrift ‚Radsport‘, dem offiziellen Organ des BDR, werden Anzeigen für Nahrungsergänzungsmittel geschaltet.
Was erwarten Sie vom BDR?
Ich erwarte, dass seriöse Kritik auch ernst genommen wird. Und zwar zeitnah. Nur so kommen wir weiter.
Was haben Sie gegen Nahrungsergänzungsmittel?
Es ist, zumindest in unseren Breiten, nahezu ausgeschlossen, in eine ernährungsbedingte Mangelsituation zu geraten. Trotzdem werden mit sogenannten Nahrungsergänzungsmitteln zur Freude der Hersteller Milliardenumsätze gemacht. Allein in Deutschland schätzungsweise 1,3 Milliarden Euro pro Jahr. Darüber hinaus gibt es wissenschaftlich validierte Hinweise, dass einzelne Substanzen, zum Beispiel Vitamine, auch schädlich sein können.
Warum können Vitamine schädlich sein?
Wenn sie über einen längeren Zeitraum in höheren Konzentrationen zugeführt werden, was ja bekanntlich in Sportler-Kreisen eine durchaus übliche Praxis ist. Das gilt natürlich insbesondere für Kinder und Jugendliche. Schließlich kann es sogar zur „Down-Regulation“ einzelner Stoffwechselprozesse kommen. Vereinfacht heißt das: Der Organismus „verlernt“ wichtige Stoffwechselvorgänge, wenn er von außen durch unnatürliche Stoffe überreizt wird.
hGH
stefan sosnowski (passogavia)
- 24.12.2008, 14:14 Uhr