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Im Gespräch: Gian Franco Kasper „Hoffentlich war das eine Warnung an alle“

29.11.2009 ·  Gian Franco Kasper, Präsident des Internationalen Skiverbands, über die Konsequenzen des Pechstein-Urteils, seine Bewunderung für den Mut des Eislaufverbands, gegen Pechstein vorzugehen und sein Argument für ein Anti-Doping-Gesetz.

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Gian Franco Kasper, Präsident des Internationalen Skiverbands, über die Konsequenzen des Pechstein-Urteils, seine Bewunderung für den Mut des Eislaufverbands, gegen Pecvhstein vorzugehen und sein Argument für ein Anti-Doping-Gesetz.

Ist die Entscheidung des Cas, des Internationalen Sportgerichtshofes, die Sperre der Eisschnellläuferin Claudia Pechstein nicht aufzuheben, der Startschuss zur Doping-Verfolgung?

Das Urteil aufgrund eines Indizienbeweises ist ein Schritt vorwärts. Man ist nicht mehr darauf angewiesen, die Doping-Substanz selbst nachzuweisen.

Können Sie fertige Fälle aus der Schublade ziehen, in denen Ihnen bisher der letzte Beweis fehlte?

So ist es nicht. Wir haben natürlich eine schwarze oder graue Liste von Athleten, bei denen der Verdacht besteht, dass sie manipulieren. In diesen Fällen müssen unsere Experten unter dem neuen Aspekt beurteilen, ob wir zusätzliche Proben brauchen, um eine Anhörung zu machen, und ob es zu Sanktionen kommt. Bisher waren wir der Meinung, dass wir ohne positiven Test früher oder später vor Gericht verlieren. Das sieht nun anders aus.

Wie viele Namen stehen auf der Liste?

Sieben oder acht oder zehn. Ich habe mich nie um die Namen gekümmert; ich kenne sie nicht. Solche Listen gibt es, glaube ich, in jedem Verband: Darauf stehen die, die man zusätzlich testet, die man besonders verfolgt. Ich erinnere an einen Deutschen, der für Spanien startete und den wir verfolgten, bis wir ein Resultat hatten.

Johann Mühlegg, der 2002 in Salt Lake City drei Goldmedaillen im Skilanglauf gewann . . .

Wir hatten verschiedene Indikatoren dafür, dass bei ihm etwas passiert, aber keine brauchbaren Beweise. Also haben wir zusätzliche Kontrollen vorgenommen. In einer ist er hängengeblieben. Heutzutage sind ja die Fenster, in denen man einen Athleten erwischen kann, sehr, sehr klein geworden. Die Mittel verflüchtigen sich sehr schnell und sind dann nicht mehr nachweisbar. Auch deshalb ist der Indizienbeweis so zu begrüßen.

Halten Sie den Beweis auf Basis eines einzigen Parameters, der anomalen Retikulozytenwerte, für sicher?

Die Mediziner scheinen das so beurteilt zu haben, und die Richter haben ihnen recht gegeben. Wir gingen bisher davon aus, dass es zwei oder drei Parameter brauchen würde. Nun war es so, dass die Richter nicht anerkannten, dass die von Claudia Pechstein angegebenen Blutkrankheiten die Werte erklären.

Sind Sie, was Fehlurteile und Schadensersatzforderungen angeht, nun auf der sicheren Seite bei Sanktionen aufgrund eines Blutprofils?

Auf der sicheren Seite ist man nie. Aber wir haben nun eine weitere Methode, gegen Blutdoping anzukämpfen. Wenn man Fehler macht – wir oder die Laboratorien – verliert man vor Gericht.

Hatten Sie den Eindruck, dass der Internationale Eislaufverband Isu zu viel wagt?

Ich war schon sehr erstaunt, dass die Isu so gehandelt ist. Sie scheint ein großes Risiko eingegangen, aber sehr sicher in der Beurteilung des Falles gewesen zu sein. Ich bewundere ihren Mut, gegen einen großen Champion wie Claudia Pechstein vorzugehen und nicht, wie man es von den Radfahrern gehört hat, gegen einen Sportler aus dem dritten Glied. Umso wichtiger und wertvoller ist das Urteil auf der obersten Ebene.

Hat die Isu riskiert, dass der Nachweis durch Blutparameter im Fall einer Niederlage diskreditiert wird?

Das war das Risiko. Aber Sie wissen in keinem Einzelfall, wie ein Gericht entscheiden wird.

Glauben Sie, dass sich nun indirekte Nachweisverfahren auch für Wachstumshormon und Genmanipulation durchsetzen lassen?

Das ist gut möglich, ob das nun die Fis oder ein anderer Verband tut. Auf alle Fälle haben die sogenannten Doping-Jäger einen Schritt nach vorn getan.

Was erwarten Sie von den Olympischen Winterspielen in Vancouver: Werden die Doping-Kontrolleure dort groß zuschlagen?

Ich hoffe, dass dies eine Warnung an alle Athleten und deren Betreuer war. Darum geht es doch in der Doping-Bekämpfung: um die abschreckende Wirkung. Jeder dürfte wissen, dass vor und während der Spiele in Vancouver mehr getestet wird als je zuvor. Ich bezweifle zwar, dass man dopingfreie Spiele bekommt. Aber schon Peking hat gezeigt: Die Anzahl erwischter Athleten war reduziert.

Wie stehen Sie zu einem Gesetz gegen Doping, das Strafen für dopende Sportler vorsieht?

Man sollte Athleten nicht kriminalisieren. Aber Turin hat gezeigt, dass harte Anti-Doping-Gesetze notwendig sind, insbesondere dort, wo Olympische Spiele und Weltmeisterschaften stattfinden. Wir haben ja, im Gegensatz zur Staatsanwaltschaft, keinerlei Handhabe gegen Leute aus dem Umfeld. Dopende Athleten sollten vom Sport sanktioniert werden.

Die Fragen stellte Michael Reinsch.

Quelle: F.A.Z.
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