18.05.2009 · Doping-Opfer Uwe Trömer fühlt sich durch die Entscheidungen von Sport und Politik verraten, Trainer, die ihre Teilnahme am DDR-Dopingsystem zugeben, weiter zu beschäftigen. Im Interview spricht er über Persilscheine für Trainer, über Vertrauensmissbrauch und Aufklärungsverweigerung im Sport.
Doping-Opfer Uwe Trömer fühlt sich durch die Entscheidungen von Sport und Politik verraten, Trainer, die ihre Teilnahme am DDR-Dopingsystem zugeben, weiter zu beschäftigen. Im Interview spricht er über Persilscheine für Trainer, über Vertrauensmissbrauch und Aufklärungsverweigerung im Sport.
Es gibt Stimmen im Sport, die einen Schlussstrich unter die Doping-Aufarbeitung Ost fordern. Was sagen Sie dazu?
Wenn einer von denen, die mir die Pillen und die Spritzen gegeben haben, 1995 mit mir gesprochen hätte, wäre es vielleicht noch gegangen. Zwanzig Jahre danach kann ich aber keine Absolution mehr erteilen. Das ist zu spät. Wir Opfer und einige Privatleute, einige Medien haben doch die Aufklärung alleine betrieben. Aber was ist von den Tätern gekommen? Nichts. Und der Sport? Absichtserklärungen und dann heiße Luft. Es geht offensichtlich nicht darum, die Geschädigten so zu behandeln, wie es sein müsste. Es geht nicht darum, neue Geschädigte zu vermeiden.
Die Trainererklärungen sind für Sie kein Beitrag für eine Befriedung des Themas?
Nach zwanzig Jahren genügt es nicht mehr, wenn ein paar Trainer, die mit Doping belastet waren, eine für sie folgenlose Selbstbezichtigung unterschreiben. Es geht ja schließlich über die moralische Verantwortung hinaus. Der vereinte Sport hat zwanzig Jahre Steuergelder an ehemalige Doper ausgezahlt. Und nun nickt Bundesinnenminister Schäuble das Vorgehen des DLV (Deutschen Leichtathletik-Verbandes) ab und damit die Fortsetzung eines zwanzig Jahre langen Schweigens. Denn die Trainer müssen ja gar nicht in die Details gehen. Es reicht, wenn sie zugeben, was wir schon wissen. Zu den wichtigen Dingen, wie in meinem Fall etwa zum Inhalt einer Spritze, müssen sie gar nichts sagen. Das hilft niemandem, ist schon gar kein Beitrag zur Aufklärung. Wir brauchen ein Platzverbot für diese Leute, und an ihrer Stelle müssen Menschen eine Chance kriegen, die konsequent gegen Doping sind.
Von den fünf Trainern, die bislang die Erklärung unterschrieben haben, war bislang nur einer bereit, öffentlich über seinen Fall zu reden. Rainer Pottel lehnt aber ein Doppelinterview mit Ihnen ab. Er sagt, er könne nur für seine Arbeit in der Leichtathletik sprechen . . .
. . . und dann behauptet er öffentlich, seine Sportler über die schädliche Wirkung von Doping-Mitteln aufgeklärt zu haben. Darüber hätten wir mal sprechen sollen. Ich glaube ihm das nicht. So wie ich seine Darstellung der Verhältnisse nicht akzeptieren kann. Doping war eine Geheimsache, da wurde nicht aufgeklärt. Im Gegenteil, die Stasi überwachte, dass es auch so blieb. Und eine freie Wahl hatte der Athlet auch nicht. Dann sprechen die Trainer in ihren Erklärungen noch von eventuellen Schädigungen. Eventuell? Was soll das? Es ist doch bewiesen. Wer heute noch dagegen anredet, der versucht nur die Situation im Nachhinein als nicht so schlimm darzustellen. Wir haben doch Leute im Osten wie im Westen gehabt, die schwere gesundheitliche Schäden davongetragen haben, es gab Tote.
Warum sind Doper von damals nicht bereit, mit Opfern zu reden?
Weil ihnen Menschen gegenübersitzen, die das System genauso gut kannten wie sie. Ich bin weder aufgeklärt worden, noch habe ich auf Nachfrage Erläuterungen bekommen über die Doping-Mittel. Es wurde nichts erklärt. Das ist doch die Wahrheit, die diesen Leuten dann ins Gesicht gesagt wird. Davor haben sie Angst.
Was ist Ihnen passiert?
Ich bin mit 16, 17 Jahren in die Nachwuchsnationalmannschaft gekommen. In dieser Zeit bin ich das erste Mal mit Oral-Turinabol (DDR-Anabolikum) in Kontakt gekommen. Wir machten uns lustig über die Pillen, weil sie aussahen wie Antibaby-Pillen.
Haben Sie gefragt, was das für Pillen waren?
Ja. Sie sagten uns, nehmt mal, das sind Vitamine. Die Pillen lagen zu den Mahlzeiten auf dem Teller. Die Nationalmannschafts-Trainer wussten Bescheid. Die Trainer waren auch bei den Mahlzeiten dabei.
Sie haben geschluckt, obwohl es keine Aufklärung gab?
Ich hatte Vertrauen zu dem Arzt. Das ist ja der springende Punkt in dem ganzen System gewesen. Wir waren von zu Hause weg, Ärzte, Trainer, Betreuer waren für mich wie ein Elternersatz. Ich hatte Vertrauen, man konnte hingehen, wenn man Probleme hatte, man fühlte sich aufgehoben. Mein Vater würde mir doch nichts geben, was für mich schädlich ist. Davon bin ich ausgegangen. Und demzufolge gab es kein Misstrauen, sondern blindes Vertrauen.
Deshalb haben Sie mit 22, 23 Jahren im Kaderteam, heute würde man von der U-23-Auswahl sprechen, eine Spritzenkur über sich ergehen lassen?
Ja, das war 1983. Es hieß dann, statt Pillen werde nun gespritzt. Wir waren trotzdem dagegen. Die komplette Mannschaft. Dann gab es in der Sportschule Lindow eine ganz klare Ansage vom betreuenden Trainer: Wenn nicht, dann könnt ihr alle nach Hause fahren. Wir haben uns darauf eingelassen, es war in Vorbereitung auf einen Länderkampf gegen die BRD in München. Wir wurden alle jeden zweiten Tag gespritzt. Dazu wurden parallel Blut und Urin kontrolliert.
Was war in den Spritzen?
Das weiß ich bis heute nicht. Das ist es ja. Der Arzt, Dr. Heinz Löbel, sagt nichts, schweigt bis heute. Ich habe im Moment keine juristische Handhabe. Ich will natürlich wissen, was er mir gespritzt hat. Ich halte das für eine schwere Körperverletzung. Ich glaube, man hätte meinen Tod in Kauf genommen.
Wieso kommen Sie zu dieser Anklage?
Weil ich nach zwei, drei Wochen beim Training vom Rad gefallen bin. Ein paar Tage später passten mir die Turnschuhe schon nicht mehr. Ich hatte Kopfschmerzen, mein Körper füllte sich mit Wasser. Man sagte mir, ich hätte Grippe. Noch in der Sportschule in Lindow und später nach meiner Rückkehr in den Sportclub Erfurt hieß es immer, die Werte seien in Ordnung. Dabei hatte sich mein Urin erst dunkel und später schwarz gefärbt. Aber niemand brachte mich ins Krankenhaus, obwohl ich Atemprobleme, einen Wasserkopf und Brüste bekommen hatte. Nur Urin und Blut haben sie mir immer wieder abgenommen.
Warum?
Es gibt nur eine Erklärung. Die Ärzte haben mich bewusst in der Sportschule Lindow und in Erfurt liegen gelassen, damit die DopingMittel abgebaut würden. Man sollte keinen Hinweis mehr finden. Meine Rettung war der Sektionsarzt Radsport in Erfurt, Dr. Müller. Er kam aus dem Urlaub zurück und hat mich sofort in seinem Privatwagen in die Klinik gebracht. Der hatte sofort erkannt, dass ich unter beiderseitigem Nierenversagen litt. Der Klinik-Chef sagte, dass ich höchsten noch zehn Stunden überlebt hätte. Nicht mal meine Mutter hat mich auf Anhieb erkannt, so entstellt sah ich aus.
Sie haben, das hat der Staat anerkannt, schwere gesundheitliche Schäden erlitten. Sie mussten um Ihren Opferstatus kämpfen, sich quasi ausziehen, um alles belegen zu können. Sind Sie nicht unendlich wütend?
Natürlich ist man das manchmal. Aber wenn man emotional reagiert, dann macht man sich angreifbar. Ich weiß, dass ich im Sport nicht mehr gern gesehen bin. Man legt keinen Wert darauf, mit mir zu reden. Ob das Rudolf Scharping (Präsident des Bundes Deutscher Radfahrer) ist oder die Leichtathletik-Trainer sind, die jetzt den Persilschein bekommen. Die wollen nicht hören, was wir ihnen zu sagen haben.
Schmerzt es Sie, dass Trainer, die zu DDR-Zeiten gedopt haben, ohne Probleme ihr Auskommen haben?
Ich neide niemandem seinen Erfolg. Aber wenn der Leichtathletik-Präsident Clemens Prokop sagt, es sei die beste Lösung für die ehemaligen Doping-Trainer, jetzt, losgelöst von finanziellen Sorgen und Nöten, die Vergangenheit zu bewältigen, dann stellt man sich schon Fragen. Was soll ich denn machen? Solche Sprüche sind unglaublich zynisch. Die Täter bekommen Streicheleinheiten. Die werden umsorgt, bekommen Jobs, erzählen nur, was man schon weiß, und tun noch so, als habe es eine Sportlerfamilie gegeben. Entschuldigung, da könnte ich glatt auf den Tisch kotzen. Verdammt, was muss ich mir eigentlich noch alles bieten lassen?
Hat Ihnen der Sport nicht geholfen?
Wir haben jahrelang um die Entschädigung gekämpft. Ich habe vom Sport 6000 Euro bekommen und von Jenapharm 8000. Das Geld ist schon weg. Wenn man 50 Euro im Monat für Medikamente ausgibt oder mehr, dann geht das schnell. Prokop hat diese Diskussion bei uns wieder entfacht mit seinem Plädoyer für die finanzielle Sicherheit für die ehemaligen Doping-Trainer. Wenn ein Bundestrainer - geschätzt - zwischen 6000 und 8000 Euro verdient, dann habe ich insgesamt eineinhalb Monatsgehälter bekommen. Da muss ich sagen, sorry, ihr seid die Täter, ich bin der Geschädigte. Ich muss versuchen, mit einem Krankengeld über die Runden zu kommen. Da stimmen die Relationen nicht. Ich würde auch gerne, finanziell abgesichert, über meine Vergangenheit nachdenken oder wenigstens ein paar Jahre älter werden.
Wann haben Sie begriffen, dass Sie gedopt worden sind?
1992 durch einen Zeitungsartikel, der im „Freitag" erschienen ist. Da beschrieb eine Sportlerin ihr Leben mit Doping. Ich dachte, wow, das ist ja auch meine Geschichte. Zu Ostzeiten hatte ich keine Chance, aufgeklärt zu werden. Ich habe einmal aus Wut über meine Behandlung, ich durfte ja nicht mal abtrainieren, meine Medaillen in ein Paket gepackt an den Radsportverband der DDR geschickt. Es kam kommentarlos zurück.
Wie sind Trainer und Athleten während Ihrer Krankheit mit Ihnen umgegangen?
Ich bekam einen Besuch vom Kaderchef des Sportklubs Erfurt. Der hat mir zehn Minuten erklärt, dass ich über alles die Schnauze zu halten habe. Meinen Sportkollegen wurde erzählt: „Ihr kennt doch den Trömer, der war immer so, der hat einfach aufgehört.“
Haben Sie versucht, Ihre Geschichte zu recherchieren?
Ja. Ich habe 1992 nach der Lektüre des Artikels spontan Dr. Löbel angerufen, den Arzt, der mich gespritzt hat, bevor ich das Nierenversagen bekam. Ich war naiv. Ich glaubte, der muss mir sagen, was gelaufen ist. Er sagte, er kenne mich nicht, und hat aufgelegt. Das hat er noch bis zum vorletzten Jahr behauptet. Dann habe ich ihm ein Foto aus dem gemeinsamen Trainingslager in Äthiopien gezeigt. Darauf stand er neben mir.
Fanden Sie denn Halt bei ehemaligen Sportkollegen?
Nein, nach meiner Anzeige bei der Zentralen Ermittlungsstelle für Regierungs- und Vereinigungskriminalität lief mir in Erfurt ein Sportler über den Weg, mit dem ich einige Zeit befreundet war. Er spuckte auf den Boden vor mir und sagte: „Mit so einem wie dir will ich nichts zu tun haben.“ Bis ich das kapiert habe, verdammt, dass ich jetzt der Nestbeschmutzer bin, hat es etwas gedauert. Das war deprimierend. Der Sport war doch ein so wichtiger Bestandteil meines Lebens. Das war wieder so ein Schock. Ich war eben der irrsinnigen Meinung, dass die Dinge im neuen Staatsgebilde angepackt und geklärt würden. Statt dessen sind Leute wie Dr. Löbel weiter im Radsport tätig gewesen, bis 2008.
Sie glaubten, im Westen sei nicht gedopt worden?
Nein, das nicht. Ich kannte ja den Namen Joseph Keul (Chef der Sportmedizin an der Uniklinik in Freiburg), der wurde zu Ostzeiten als Oberdoper der BRD hingestellt. Und Rudi Altig bezeichnete man bei uns als die rollende Apotheke. Aber ich hoffte doch, dass sich etwas ändern wird. Dass Doping keine Chance mehr bekommen würde. Zwanzig Jahre später muss man feststellen, dass der AntiDoping-Krieg der letzten 16 Jahre nicht viel bewirkt hat.
Warum gibt es vergleichsweise wenige Athleten, die in Ost wie West gegen ihre Doper auftreten?
Weil Trainer nicht nur die Verantwortung für die sportliche Entwicklung eines Athleten übernehmen. Zwischen Trainer und Athlet entsteht in der Regel ein besonderes Verhältnis. Das kann man schwer verstehen, wenn man es nie erlebt hat. Das ist aber der Grund, warum viele Ehemalige bis heute ihren Trainern nichts nachsagen. In der DDR vielleicht noch weniger als in der alten Bundesrepublik. Das war auch das Ziel des Systems. Man sollte so wenig wie möglich Kontakt nach Hause haben. Alles sollte über den Sport reguliert werden. Viele wollen darüber nicht mehr reden. Über die Verletzung, den Vertrauensmissbrauch, den man erst viel später erkennt. Das erzeugt das Gefühl, hintergangen worden zu sein. Man kommt zu dem Ergebnis, „Mensch, der hat mich ja gar nicht geliebt, der hat mich ja nur benutzt“. Diese Erkenntnis ist viel schwerer auszusprechen, als den Mund zu halten.
Trotzdem: Hat nicht jeder Mensch eine zweite Chance verdient?
Die ehemaligen Doper hatten und haben im Gegensatz zu vielen Opfern viele Möglichkeiten, außerhalb des Sports ein normales Leben zu führen. Ich finde, dass ein Trainer im Sport nur eine Chance hat: Wer Athleten gedopt hat, egal, ob im Osten oder Westen, hat im Sport nichts mehr zu suchen. Wir müssen die Begeisterung der Kinder für den Sport fördern, nicht die ehemaligen Doping-Vermittler.
Der ehemalige Bahnradfahrer Uwe Trömer ist als Mitglied der Junioren-Nationalmannschaft der DDR gedopt worden. Nach einer intravenösen Behandlung erlitt der heute 47Jahre alte Erfurter 1983 ein Nierenversagen, wurde lange nicht angemessen behandelt und musste den Sport aufgeben. Bis heute sagt der damals behandelnde Arzt nichts zum Inhalt der Spritzen. Trömer weiß nur, dass ihn die Folgen schwer krank gemacht haben. Er ist nach langem Kampf mit Leidensgenossen als Doping-Opfer von der Bundesrepublik zwar anerkannt worden, fühlt sich aber durch die jüngsten Entscheidungen von Sport und Politik verraten. Trömer protestiert gegen die von maßgeblichen Institutionen getragene Entscheidung des Leichtathletik-Verbandes (DLV), ehemalige Trainer, die zwanzig Jahre nach dem Mauerfall ihre Beteiligung am Doping-System zugeben, unbehelligt weiterarbeiten zu lassen (siehe: Doping in der DDR: Fünf Trainer bekennen sich zu Verfehlungen). Trömer war bereit, mit einem Unterzeichner der DLV-Erklärung über die Bedingungen in der DDR und die Verantwortung des Coachs gegenüber seinem Athleten zu sprechen. Die Anfrage wurde abgelehnt. ahe.