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Im Gespräch: Doping-Experte Pound : „Am Kampf gegen Doping ist niemand interessiert“

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Ein Verteidiger Ben Johnsons, heute Kämpfer gegen Doping: Richard Pound Bild: dpa

Vor 25 Jahren in Seoul war es Richard Pound, der den gedopten Sprint- Olympiasieger Ben Johnson als Jurist verteidigte. Inzwischen greift das Schwergewicht der olympischen Bewegung all die an, die für die Doping-Bekämpfung zu wenig Engagement und zu wenig Geld aufbringen.

          Der kanadische Jurist und Autor Richard Pound, Jahrgang 1942, war Vizepräsident des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) und Gründungspräsident der Welt-Anti-Doping-Agentur (Wada). Bei den Olympischen Spielen 1960 in Rom war er Sechster über 100 Meter Freistil im Schwimmen. Achtzehn Jahre später nahm ihn das IOC als Mitglied auf. Pound lebt in Montreal.

          Sie haben den Weltrekord-Lauf Ihres kanadischen Landsmanns Ben Johnson im 100-Meter-Finale der Olympischen Spiele von Seoul miterlebt, am Dienstag vor 25 Jahren. Wie erinnern Sie sich?

          Es war ein aufregender Tag. In Ben Johnsons Halbfinale wurde ihm ein Fehlstart zugeschrieben. Ich ging runter und sagte zu Artur Takac, dem Technischen Delegierten: Ben Johnson gewinnt seine Rennen am Anfang, und Carl Lewis gewinnt seine am Ende. Unserem Mann einen Fehlstart zu geben, heißt, ihn seines Starts zu berauben. Er sagte: Das macht alles die Elektronik. Sie misst die Reaktionszeit. Ich würde das gerne sehen, sagte ich, und er verschwand, um die Aufzeichnungen zu holen. Nach zwanzig Minuten kam er und sagte: Na ja, das ist nicht so ganz klar hier. Und ich sagte: Artur, mach das im Finale nicht noch mal!

          Hat er nicht. Ben Johnson hatte einen super Start.

          Ich saß etwa fünfzig, sechzig Meter die Gerade runter entfernt und dachte, jetzt würde Carl Lewis aufholen, und dann würde sich zeigen, ob Ben durchhielt. Aber dann war es so: Mein Gott, Lewis holt kein bisschen auf! Als er an mir vorbeilief, war klar, dass Lewis ihn nicht schnappen würde. Johnson wusste es bei neunzig, fünfundneunzig Meter, und er hob seine Hand. Und dann auch noch die Zeit!

          9,79 Sekunden.

          Noch ein Weltrekord! Ob man nun glaubt, dass die Läufer sauber waren oder nicht: Dies war eines der aufregendsten Rennen, das ich je gesehen habe.

          Am nächsten Tag, bevor jemand Bescheid wusste, wurden Sie von der kanadischen Mannschaft zu Hilfe gerufen. Warum Sie?

          Ich war vermutlich der einzige kanadische Rechtsanwalt in Seoul. Er hatte ein Recht auf faire Anhörung und die Chance, seine Seite der Geschichte zu erzählen. Sportorganisationen haben damals nicht viel auf die Rechte von Athleten gegeben. Deshalb habe ich ihn vertreten.

          Wie verlief Ihr erstes Gespräch?

          Als die Delegation in mein Zimmer kam, zog ich ihn ins Badezimmer und fragte: Ben, hast du irgendwas genommen? Er guckte mir in die Augen und sagte: Nein. Okay, sagte ich, ich werde tun, was ich kann. Du steckst tief in der Scheiße. Wenn sie etwas gefunden haben, bedeutet das, dass etwas da war.

          Haben Sie ihm geglaubt?

          Die Devise war: Im Zweifel für den Angeklagten. Ich hatte seine körperliche Entwicklung nicht so genau verfolgt, aber er hatte Akne, das Weiße in seinen Augen war gelb. Ich habe mir das später erst auf Fotos angeschaut, wie viel mehr Muskeln er bekam, wie sich seine Figur verändert hatte. Ich hoffte, dass er sauber ist.

          Wie ging es Ihnen persönlich?

          Ich war stolz gewesen, das ganze Land war stolz gewesen. Johnson hatte nicht mal Zeit für eine Dusche, da rief schon der Premierminister an. Es war ein Riesentag für Kanada.

          Als klar war, dass Johnson gedopt hatte, war das ein Schock, der um die Welt ging. Wie haben Sie das empfunden?

          Ich konnte nicht einmal mehr ins Stadion gehen für ein paar Tage. Es war so niederschmetternd und eine ungeheure Enttäuschung.

          Ben Johnson, sein Trainer Charlie Francis und der Arzt Jamie Astaphan gaben zu, mit Steroiden und Wachstumshormon gedopt zu haben. Aber sie sagen, es sei eigentlich unmöglich, dass Stanozolol in seinem Urin war. Glauben Sie an eine Manipulation?

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