http://www.faz.net/-gu9-8p14k

Russische Sportler : Leichtathletik als Schrittmacher

Zumindest einige russische Leichtathleten sind mit einem Bein wieder zurück im internationalen Sport Bild: dpa

Mit dem Mut der Verzweiflung stemmt sich die IAAF gegen den Niedergang der Leichtathletik durch den Dopingmissbrauch und will erste russische Athleten resozialisieren. Damit ist der Verband anderen Disziplinen weit voraus.

          Wieder einmal scheinen die Leichtathleten dem übrigen Sport voraus zu sein. Während insbesondere die Wintersport-Verbände wie in Tiefschnee durch die Konsequenzen aus dem McLaren-Report stapfen, hier ein paar Russen sperren, dort ein paar Russen laufen lassen und ansonsten räsonnieren, dass unschuldige Russen vor Strafe zu schützen seien, beginnt der Weltverband IAAF mit der Wiedereingliederung von Läufern, Springern und Werfern.

          Rund sechzig Russinnen und Russen sind eingeladen, in der kommenden Saison zurückzukehren in den internationalen Wettbewerb mitsamt der Weltmeisterschaft in London. Das ist ein starkes Signal gerade fünf Monate nach dem Beginn der Olympischen Spiele von Rio, von deren Leichtathletik-Wettbewerben das russische Team wegen systematischen Dopings ausgeschlossen war.

          Die IAAF stand mehr als jeder andere Verband unter Druck. Schließlich waren nicht nur Korruption und Doping in großem Maßstab ans Licht gekommen, sondern auch deren unheilvolle Verbindung. Die Clique um Präsident und IOC-Mitglied Lamine Diack soll sich, unter anderem, dadurch bereichert haben, dass sie russischen Athleten, russischen Trainern und russischem Verband Geld dafür abpresste, dass sie Doping-Befunde verschleppte und Doping-Sperren verhinderte.

          Und alle Welt fragte sich, wie um Himmels Willen Diacks Nachfolger Sebastian Coe in all den Jahren als dessen Stellvertreter von dem Treiben aber auch gar nichts mitbekommen haben will.

          Neuerfindung der IAAF

          Coe erfand sich selbst neu und seinen Verband noch dazu; gerade hat die IAAF sich eine beispielhafte neue Verfassung verordnet. Seit Monaten kontrolliert sie drei, vier Dutzend russische Leichtathleten in eigener Verantwortung und auf eigene Kosten. Diese Konsequenz erlaubt nun den nächsten Schritt. Kandidaten, vorrangig wohl aus dem Test-Pool der IAAF, können sich unter der Adresse applications.neutralathletes@iaaf.com darum bewerben, 2017 als neutraler Athlet anzutreten.

          Zum Vorkämpfer entwickelt: Lord Sebastian Coe hat sich als IAAF-Präsident neu erfunden
          Zum Vorkämpfer entwickelt: Lord Sebastian Coe hat sich als IAAF-Präsident neu erfunden : Bild: AP

          Sie müssen nachweisen, dass sie regelmäßig und glaubwürdig, also nicht von der suspendierten russischen Anti-Doping-Agentur kontrolliert wurden, dass sie nicht mit Doping-belasteten Trainern und Ärzten zusammengearbeitet haben. Und sie dürfen nicht auf der Liste des unabhängigen Ermittlers Richard McLaren stehen, auf der dieser zweihundert Leichtathleten nennt, die Teil oder Begünstigte des Doping-Systems waren.

          Unbelastete russische Leichtathleten dürfen zurückkehren in die Stadien der Welt. Der russische Verband, der wie seine Sport- und Staatsführung immer noch systematisches Doping bestreitet, bleibt mitsamt russischer Flagge und russischer Hymne ausgeschlossen. Mit dem Mut der Verzweiflung hat die Leichtathletik gegen den Verlust von Ansehen und Glaubwürdigkeit gekämpft. Immer noch ermitteln Staatsanwaltschaften. Doch im Vergleich zum übrigen Sport Olympias wirkt sie inzwischen wie ein Schrittmacher.

          Michael Reinsch

          Korrespondent für Sport in Berlin.

          Folgen:

          Quelle: F.A.Z.

          Weitere Themen

          Mehrkampf mit Verbänden

          Freitag führt Sportausschuss : Mehrkampf mit Verbänden

          Die SPD-Politikerin Dagmar Freitag wird doch wieder den Sportausschuss des Bundestags führen. Höchste Zeit, dass auch die öffentliche Debatte über Sport ein Comeback erlebt. Ein Kommentar.

          Niedergang einer Ski-Hochburg Video-Seite öffnen

          Mahnendes Beispiel : Niedergang einer Ski-Hochburg

          Für die Olympischen Winterspiele in Südkorea wurden viele neue Wintersportanlagen gebaut. Doch was passiert mit ihnen, wenn die Spiele vorbei sind? Ein Beispiel, nicht weit vom Austragungsort in Pyeongchang entfernt, zeigt die Folgen, wenn die Wintersportgäste ausbleiben.

          Ein gesamt-koreanisches Team Video-Seite öffnen

          Olympische Winterspiele : Ein gesamt-koreanisches Team

          „Es ist hart, dass unser Team für politische Zwecke genutzt wird“, so die Trainerin der Eishockey-Frauenmannschaft. Das Team soll gesamt-koreanisch aufgestellt sein: So sollen 23 Spielerinnen aus Südkorea und 12 aus Nordkorea mitspielen.

          Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben.

          Topmeldungen

          Ein verletztes Mädchen wird in einem Krankenhaus der nordsyrischen Stadt Afrin behandelt.

          Türkische Offensive : Tausende Menschen auf der Flucht

          Humanitäre Organisationen sorgen sich angesichts der türkischen Offensive um Hunderttausende Menschen in den Kurdengebieten. Die Linkspartei fordert den Abzug deutscher Truppen aus dem Stützpunkt in Konya.
          Angelique Kerber feiert ihren Sieg gegen Madison Keys.

          Australian Open : Kerber schafft es ins Halbfinale

          Das ging erstaunlich schnell: Für ihren Halbfinaleinzug bei den Australian Open braucht Angelique Kerber nur 51 Minuten. Ihre Gegnerin zeigt sich völlig überfordert.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.