07.04.2010 · Einspruch, Professor Ehninger! Arnold Ganser, Hämatologe der Medizinischen Hochschule Hannover, attackiert den wissenschaftlichen Kronzeugen für Claudia Pechstein scharf. Ganser wirft seinem Kollegen vor, seine Aussagen seien „wissenschaftlich nicht abgesichert“.
Einspruch, Professor Ehninger! Ein ebenso hochrangiger Universitätshämatologe, Professor Arnold Ganser, attackiert den wissenschaftlichen Kronzeugen für Claudia Pechsteins Unschuldsbeteuerungen scharf. Gerhard Ehninger, Professor für Innere Medizin in Dresden, hat behauptet, die durch den Internationalen Sportgerichtshof (Cas) bestätigte Doping-Sperre gegen die Eisschnellläuferin basiere auf wissenschaftlichen Fehlern, und bezeichnete den Umgang mit ihr als „Kreuzigung“. Ganser, Direktor der Klinik für Hämatologie, Hämostaseologie, Onkologie und Stammzelltransplantation der Medizinischen Hochschule Hannover, wirft seinem Kollegen vor, seine Aussagen seien „wissenschaftlich nicht abgesichert“. Auf der Basis von Ehningers Diagnose versucht Claudia Pechstein beim Schweizer Bundesgericht eine Revision des Cas-Verfahrens zu erwirken.
Ihr Kollege Professor Gerhard Ehninger hat behauptet, die Doping-Sperre für Claudia Pechstein fuße auf wissenschaftlichen Fehlern. Sie sagen, nicht für alle führenden Universitätshämatologen sei das überzeugend. Warum nicht?
Weil Herr Ehninger keinen direkten Nachweis für eine Sphärozytose (eine angeborene Kugelzellanämie) bieten kann. Eine defekte Membranstruktur, wie sie vorliegen müsste bei dieser Diagnose, ist bei Frau Pechstein bislang nicht nachgewiesen worden. Ich weiß, dass die entsprechende Untersuchung in England gemacht worden ist. Dabei ist keine Störung festgestellt worden.
Die Aussage Ehningers, es liege ein Membrandefekt vor, der die erhöhten, zur Sperre von Claudia Pechstein führenden Blutwerte auslöst, ist also falsch?
Man hätte sich nicht auf eine Sphärozytose festlegen dürfen. Hier soll es ja eine Form von Sphärozytose sein, deren Ursache noch unbekannt ist. Das hört sich so an wie: „Ich habe recht, aber die Daten, die das belegen, die gibt es noch nicht.“ Bei der Diagnose einer genetischen Erkrankung erwarte ich einen wissenschaftlichen Beweis in Form einer Genanalyse und biochemischer Daten. Solange diese fehlen, kann ein Wissenschaftler in dieser sensiblen Angelegenheit von öffentlichem Interesse eine Verdachtsdiagnose äußern, mehr aber nicht.
Herr Ehninger hat nicht nur mit zwei Kollegen eine Pressekonferenz in Berlin abgehalten, er hat auch als Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Hämatologie und Onkologie gesprochen, geschrieben und Pechsteins Fans Hoffnung gemacht. Also auch in Ihrem Namen?
Bestimmt nicht. Seine Aussage ist nicht wissenschaftlich abgesichert. Das ist es, was mich und eine Reihe von Lehrstuhlinhabern stört. Er hat versucht, die Mitglieder der Fachgesellschaft für seine Belange zu instrumentalisieren. Ich habe die Kollegen übrigens schon vor der Pressekonferenz gefragt, ob sie ihre Erkenntnisse belegen können, ob sie die härtesten zur Verfügung stehenden Verfahren angewandt haben. Ich habe aber keine Antwort erhalten. Jetzt weiß ich, warum.
Warum?
Weil diese Untersuchungen nicht gemacht worden sind. Es bleibt also bei einer indirekten Beweisführung. Das reicht nicht für eine Feststellung solcher Tragweite. Ich bin ein begeisterter Anhänger des Sports, ich freue mich über jede Goldmedaille. Aber das darf an meiner wissenschaftlichen Sicht- und Arbeitsweise nichts ändern. Die Beweise müssen hieb- und stichfest sein. Stattdessen ist ein persönlich gefärbtes Urteil gefällt worden, das mit Wissenschaft wenig zu tun hat.
In den vergangenen acht Monaten haben viele Wissenschaftler unterschiedliche Positionen zum Fall Pechstein eingenommen. Manche haben die Seiten sogar mehrmals gewechselt. Wann wird die Wissenschaft in Fall Pechstein eine klare, unangreifbare Antwort geben?
Das kann ich nicht sagen. Ein weiteres Problem ist ja auch, dass es keine systematischen Untersuchungen zum Einfluss von bestimmten Dopingmethoden auf das Blutbild gibt.
Sie meinen, statt einer Anomalie oder Doping mit Erythropoietin (Epo), wie bislang – je nach Lager – vermutet, könnten andere Medikamente oder Substanzen zu den festgestellten Veränderungen bei Frau Pechstein geführt haben?
Das wissen wir nicht. Ich kann da keine Antwort anbieten. Theoretisch kann aber eine Anomalie vorliegen und trotzdem gedopt worden sein. Dopingexperten wie der Heidelberger Molekularbiologe Professor Werner Franke berichten ja vom Einsatz ganzer Cocktails, von Epo, über Anabolika, Insulin, Wachstumshormon. Dass Anabolika die Blutbildung stimuliert, ist uraltes Wissen. Inzwischen gibt es zudem viele verschiedene Epo-Varianten, manche in Tablettenform, man muss also nicht mehr spritzen. Die Entwicklung von Testmethoden hinkt da weit hinterher.
Welche Konsequenzen sollte die Wissenschaft aus dem Fall Pechstein ziehen?
Wissenschaftler sollten sich, bevor sie mit Wertungen auch ins Ethische eintauchen, bevor sie Ausdrücke wie Sippenhaft benutzen, genau überlegen, ob ihre Daten auch wissenschaftlich unangreifbar sind: Sie müssen Gutachten einerseits und ihre persönliche Wertung andererseits streng trennen.
Mag ja sein, dennoch...
Jan Matthias (JanMatthias)
- 07.04.2010, 18:10 Uhr
und die Moral von der Geschicht'?
Zeh Haans (sonderhai)
- 07.04.2010, 19:38 Uhr
Quo Vadis Pechstein
Richard Hosch (HAL2342)
- 07.04.2010, 20:00 Uhr
Erwiesen ist, daß nichts erwiesen ist.
Dietmar Kober (dikob)
- 07.04.2010, 20:46 Uhr
Hallo, es geht um Leistungssport
Claudia Hahn (clhahn)
- 08.04.2010, 01:16 Uhr