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FAZ.NET-Fernsehkritik Beckmann fragte nicht

22.05.2007 ·  Der frühere Radprofi Bert Dietz hat ausgepackt. Doch Beckmann verpasste die Chance, etwas zu erfahren, was über die Enthüllung hinausging: Wie lebt es sich als Doper, wenn man doch eigentlich gar nicht dopen will? Von Anno Hecker.

Von Anno Hecker
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Das war mutig! Bert Dietz hat ausgepackt, als Gast bei „Beckmann“ in der ARD, zu später Stunde am Montagabend. Selbst ehemalige Radprofis, die nicht mehr von ihrem Sport leben, müssen Bedrohungen fürchten, wenn sie das Dopingsystem öffentlich erklären, in dem sie und ihre Kollegen gelebt haben: Diesmal im Team Telekom, dem so erfolgreichen Rad-Rennstall der neunziger Jahre.

Dietz ist im Rennstall von Jan Ullrich gefahren, von 1994 bis 1998, und hat in den letzten drei Jahren, wie er frank und frei erklärte, Dopingmittel eingenommen, von Cortison bis zum Wachstumshormon (HgH) und Erythropoietin (Epo). Die systematische pharmakologische Manipulation bei Telekom hatte der frühere Betreuer Jef D'Hont vor drei Wochen im Magazin „Spiegel“ en Detail beschrieben. Wenn aber ein ehemaliger deutscher Radprofi alles bestätigt und dabei die gerade erst suspendierten Team-Ärzte Lothar Heinrich und (mehr oder weniger) auch Andreas Schmid schwer belastet, dann bekommt die Enthüllung neuen Schwung: Denn Dietz sagte auch, dass die Ärzte Epo, das für gesunde Menschen gefährliche Medikament zur Vermehrung der roten Blutkörperchen, anboten, dass sie die lebensgefährliche Thrombosegefahr mit Blutverdünnung (Aspirin) und regelmäßige Messungen ausschließen wollten, dass sie eigenhändig ohne Indikation Epo spritzten und auf Nachfrage besorgten oder zuschicken ließen. Und: Dass Heinrich ihm auch nach dem Wechsel zum Team Nürnberg weiter Epo verabreichte.

Verpasste Chance

Jetzt wird auch dem Letzten klar, warum die deutschlandweit vernetzten Mediziner von der Uniklinik Freiburg den Belgier D'Hont bislang nicht verklagen wollten. Ihr Spiel dürfte aus sein. Und damit wohl auch das Betreuungssystem der Freiburger Institution hinfällig, um die sich seit Jahrzehnten Dopinggerüchte ranken.

Vielleicht erledigt sich zudem die Frage nach der Zukunft des inzwischen umbenannten Teams T-Mobile. Zwar wollte Dietz seine ehemaligen Kollegen nicht belasten. Aber er machte deutlich, dass sich kaum jemand dem Druck entziehen konnte, Ergebnisse jeweils bis zum Mai eines Jahres erzielen zu müssen. Dass dies alles nur Machwerk von Teamchef Walter Goodefroot gewesen sein soll, ohne Wissen eines Telekom-Verantwortlichen, ist schwer vorstellbar. Auch für Dietz.

Vor ein paar Wochen saß Jan Ullrich, der gefallene Tour-Held, in derselben Talkshow und sagte doch nichts. Am Montag saß einer da, der reden wollte, aber nicht wirklich zum Zuge kam. Fragen und Antworten wirkten wie abgesprochen, Beckmann wirkte konditioniert auf den Enthüllungserfolg und hörte nicht zu. Er verpasste die Chance, etwas zu erfahren, was über die Bestätigung der Enthüllung hinausging: Wie lebt es sich als Doper, wenn man eigentlich gar nicht dopen will, wie Dietz immer wieder betonte? Wenn man Spritzen hinnehmen oder sich selbst setzen muss? Wenn man sich zu Lügen gezwungen glaubt, obwohl man die Wahrheit sagen möchte? Wenn man Getränke zu sich nimmt, von denen man nicht weiß, was sie enthalten, gefährliche Medikamente einwirft, um im Rennen zu bleiben?

Zum Doping erzogen?

Ist es vielleicht würdelos? Ist es die Reduzierung eines in seiner Kindheit mit den hehren Idealen des Sports verlockten Menschen auf ein willfähriges Objekt der Gehilfen im rein-weißen Kittel?

Beckmann fragte nicht. Er fragte nicht mal nach den beschriebenen Nebenwirkungen des Wachstumshormons HgH: Unter anderem wachsen der Knorpel, Nase, Ohren, auch die Zunge. Der Kiefer verschiebt sich, weshalb mancher HgH-Konsument zur Zahnspange greift.

Dass muss man Beckmann nachsehen. Denn er hat von der Komplexität des Dopings keine Ahnung. Sonst hätte er versucht, Dietz' ausgesprochenes Unrechtbewusstsein tiefgreifend zu ergründen: Ist der Mann vielleicht schon als Jugendlicher zum Doping erzogen worden oder bei den Amateuren etwa ohne leistungsfördernde Mittel ausgekommen?

Insider und Betroffene berichten von Aspirin-Gaben an Jugendliche vor Rennen, vom Einstieg in einen Medikamenten-Konsum auf der Amateur-Ebene, von physischer wie psychischer Abhängigkeit unter den Profis. Der beliebte Italiener Marco Pantani starb einsam an einer Überdosis Kokain.

Hinweis in eigener Sache

Vielleicht hätte Dietz Einblick für das Elend des Dopers gewährt. Aber auch so wird es Beckmann in die Schlagzeilen schaffen. Obwohl er übersah, dass Dietz keineswegs der erste deutsche Radprofi war, der auspackte, wie in den „Tagesthemen“ und in der Sendung behauptet. Nicht mal im Team Telekom. Von Doping im eigenen Rennstall berichtete schon Uwe Ampler. Vom Dopingsystem en detail bereits Jörg Paffrath, im „Spiegel“, vor ziemlich exakt zehn Jahren.

Das war zu einem Zeitpunkt, als die ARD von Manipulationen mit verbotenen Mitteln nichts wissen wollte. Der öffentlich-rechtliche Sender beteiligte sich schließlich als Sponsor indirekt am Unterhalt des Telekom-Systems. Radsport-Experte und Reporter Hagen Boßdorf, inzwischen als Stasimitarbeiter enttarnt, bemühte sich gleichzeitig erfolgreich um eine kritiklose Nähe zu Ullrich und zum Team: „Sagt die Telekom, es gibt keinen Dopingfall“, erklärte er im Juli 2002, „dann gibt es auch keinen für die ARD.“

Insofern ist der Aufruf bei „Beckmann“ zum Kampf gegen Doping wohl eher ein dringender Hinweis in eigener Sache gewesen: „Die Medien sollen wachsam sein.“

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