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Fall Contador : Weiches Blut

  • Aktualisiert am

Im Zwielicht: Alberto Contador auf seiner Pressekonferenz in Pinto am 30. September Bild: dapd

In Alberto Contadors Blut sollen Spuren von Weichmachern gefunden worden sein. Diese Rückstände könnten demnach aus einem Plastikbeutel mit Eigenblut stammen. Dies wäre eine mögliche Erklärung für die positive Dopingproben. Unterdessen bringt Contador seine Verteidiger in Stellung.

          Im Fall des positiv auf das Tiermastmittel Clenbuterol getesteten Alberto Contador liegen womöglich weitere belastende Indizien gegen den dreimaligen Toursieger vor. Wie die französische Sporttageszeitung „L'Equipe“ und die ARD berichten, sollen die Wissenschaftler in Köln bei der Analyse von Contadors Dopingprobe auch Spuren von kunststoffähnlichen Resten gefunden haben, wie sie nach Bluttransfusionen häufig zu finden sind. Diese Rückstände, auch Weichmacher oder Diethylhexylphthalat genannt, könnten demnach aus einem Plastikbeutel mit Eigenblut stammen. Dies wäre eine mögliche Erklärung für Contadors positiven Dopingbefund.

          Dem Spanier könnte demnach kurz vor der Dopingprobe Eigenblut reinfundiert worden sein, in dem sich noch geringe Spuren von Clenbuterol befanden. Contador hatte am Donnerstag den positiven Dopingtest, der vom zweiten Ruhetag (21. Juli) der Tour de France in Pau stammt, mit verunreinigtem Fleisch zu erklären verursucht. Er habe ein Stück Kalbsfilet gegessen, das ein Bekannter des Teamkochs aus dem spanischen Irun mitgebracht habe. Dieses sei mit dem Kälbermastmittel Clenbuterol verunreinigt gewesen.

          Diese Verteidigungsstrategie scheint namhafte Experten nicht zu überzeugen. „Verunreinigtes Essen? Wenn das Datum stimmt, ist es wahrscheinlicher, dass Alberto Contador den Landis gemacht hat und womöglich beim Eigenblut-Doping unvorsichtig gewesen ist“, sagte der dänische Anti-Doping-Fachmann Rasmus Damsgaard. Der frühere amerikanische Radstar Floyd Landis hatte jüngst in seinem Doping-Geständnis ausführlich von Eigenblut-Transfusionen während der Tour de France berichtet. Demnach könnte der dreimalige Toursieger Contador vor der Dopingprobe Eigenblut reinfundiert bekommen haben, das ihm Monate zuvor entnommen worden war. „Zu dieser Zeit war vermutlich Clenbuterol in seinem Körper“, sagte Damsgaard und ergänzte: „Eine andere Erklärung wäre, dass im Labor bei der A- und B-Probe Fehler gemacht worden sind. Das ist aber schier unmöglich.“ Das Nachweisverfahren auf die sogenannten Weichmacher sei einst vom Anti-Doping-Labor in Barcelona entwickelt worden, was von der Welt-Anti-Doping-Agentur (Wada) aber noch nicht zugelassen ist.

          Beauftragter Wissenschaftler verteidigt Contador

          Dagegen hat der von Contador beauftragte Wissenschaftler Dr. Douwe de Boer hat im Dopingfall des Spaniers das Kölner Labor wegen seiner Analysemethoden kritisiert. Der Niederländer bemängelte in seiner Expertise das viel zu empfindliche Testverfahren, da der bei Contador festgestellte Wert von 50 Pikogramm an Clenbuterol 180-mal unter dem Wert liege, der erst eine Leistungssteigerung ermögliche.

          De Boer zeigte dabei eine lange Liste von Beispielen auf, in denen Lebensmittel mit Clenbuterol kontaminiert sind. In dem Report von de Boer werden ferner die Werte von Contador vor und nach der positiven Probe dargestellt. So waren beim Madrilenen am 19. und 20. Juli keine Spuren von Clenbuterol zu finden, am besagten 21. Juli dann 50 Pikogramm, einen Tag später nur noch 20 und danach gar nichts mehr.

          „Die Kenntnis von kontaminierten Lebensmitteln in Spanien und die Tatsache, dass heutzutage Clenbuterol in äußerst geringen Mengen nachgewiesen werden kann, macht offensichtlich, dass in diesem besonderen Fall das Szenario einer versehentlichen Einnahme von Clenbuterol durch den Verzehr von Fleisch sehr wahrscheinlich ist“, heißt es in dem Bericht. In der niederländischen Zeitung „NRC Handelsblad“ sagte de Boer ergänzend, dass ein Sportler der Gelackmeierte sei, wenn er nur ein Molekül Clenbuterol in seinem Körper habe. „Wir haben eine Phase erreicht, in der wir wissen, dass das wissenschaftlich gesehen Unsinn ist“, sagte de Biochemiker. Er ist für das niederländische Radteam Vacansoleil als Antidopingberater tätig ist.

          Massive Kungeleivorwürfe gegen Weltverband

          Der Radsport-Weltverband UCI sieht sich derweil im Zuge des Skandals immer mehr dem Verdacht der Günstlingswirtschaft ausgesetzt. Offenbar gab der Verband Contador schon vor über vier Wochen die Verteidigungslinie in seinem Fall vor. Die Vorwürfe der Kungelei sind massiv. Aber Pat McQuaid, Präsident des Verbandes UCI, zieht es vor zu schweigen. „Ich bin sehr eingeschränkt in dem, was ich sagen kann, also sage ich nichts“, teilte der Ire am Freitag in der Vorhalle des Melbourner Park Hyatt- Hotels mit und verwies auf weitere wissenschaftliche Untersuchungen des Falles.

          „McQuaid lügt“, hatte die ARD behauptet, die den UCI-Chef mit den Erkenntnissen der Contador-Analysen am Firmensitz in Aigle/Schweiz konfrontierte. Er wisse von nichts, teilte er mit, um am folgenden Tag den Fall in einer Presseerklärung zu bestätigen - mit dem Fakt, dass das Ergebnis schon am 24. August vorgelegen hatte. Der Fall des dreifachen Tour-de-France-Siegers Contador hat einmal mehr den Verdacht genährt, dass die UCI in seiner Zusammensetzung als Kontrollorgan wenig taugt. Der Weltverband wirkt wie ein Kartell, dass sich zusammen mit den Fahrern mit allen Mitteln wehrt gegen schlechte Nachrichten, die die Sponsoren weiter vertreiben könnte und dem Image der Problembranche weiter schaden.

          Dazu passte auch die Verbandspolitik im Umgang McQuaids mit Lance Armstrong. Vor knapp zwei Jahren wurde dem Texaner, gegen den mittlerweile die US-Behörden ermitteln, durch eigenwillige Interpretation der Regeln der erste Comeback-Start in Australien gewährt. Später geriet der UCI-Chef in Erklärungsnot, wann und warum Armstrong den Verband mit einer großzügigen Geld-Spende bedacht hatte. Es ist von insgesamt 125 000 Dollar die Rede, die gezahlt wurden, nachdem in nachkontrollierten Armstrong-Proben Epo nachgewiesen worden war. Sanktionen gegen den Seriensieger, der Doping stets bestritt, waren 2005 ausgeblieben.

          Quelle: FAZ.NET mit dpa und sid

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