06.02.2012 · Radprofi Alberto Contador verliert den Tour-Sieg 2010 und erhält eine vorwiegend rückwirkende Sperre von zwei Jahren. Tour de France und Olympia 2012 verpasst er. Dazu droht dem spanischen Volkshelden eine Millionenstrafe.
Es geschah in den Pyrenäen, auf der 15. Etappe der Tour de France 2010: Der Luxemburger Andy Schleck war zusammen mit seinem spanischen Gegenspieler Alberto Contador den 1755 Meter hohen Port de Bales hinaufgefahren und attackierte nun wenige Kilometer vor dem Gipfel. Der Angriff zeigte Wirkung, Contador kam jedenfalls nicht mehr mit, aber dann trat Schleck plötzlich ins Leere - seine Kette war heruntergesprungen.
Der Spitzenreiter, überrascht von dem Missgeschick, musste anhalten und reparierte mit zittrigen Fingern den Schaden selbst. Contador - wenig kollegial - nutzte das Pech des Rivalen, fuhr ungerührt weiter und nahm Schleck das Gelbe Trikot und 39 Sekunden ab. Genau mit diesem Vorsprung gewann der Spanier später die Tour, als deren wahren Sieger schon damals viele Leute Andy Schleck sahen.
Jetzt ist es so weit. 18 Monate später wurden Contador der Tour-Sieg 2010, sein dritter, wie auch der Erfolg beim Giro d’Italia 2011, sein zweiter, wegen eines Dopingvergehens aberkannt. Er verliert alle seine Erfolge seit dem 21. Juli 2010. Der Internationale Sportgerichtshof (Cas) sperrte ihn für zwei Jahre, davon anderthalb Jahre rückwirkend. Weil der 29 Jahre alte Spanier erst vom 5. August an wieder fahren darf, verpasst er die Tour de France und die Olympischen Spiele 2012. In einem weiteren Verfahrensschritt wird der Cas über die Forderung des Radsport-Weltverbandes (UCI) nach einer Geldstrafe in Höhe von mindestens 2,485 Millionen Euro entscheiden. Außerdem ist zu erwarten, dass die betroffenen Veranstalter Preisgelder von Contador zurückfordern werden. Die 450.000 Euro vom Tour-Sieg 2010 zum Beispiel stünden nun dem Nachrücker Schleck zu.
Ob das Urteil das Ende von Contadors Karriere bedeutet, ist angesichts der Nonchalance der Branche zwar noch unklar. Doch der Absturz des gefeierten Radstars in den Doping-Abgrund ist gewaltig. Contador ist bereits der zweite Tour-Sieger, nach dem Amerikaner Floyd Landis 2006, der sein Gelbes Trikots wegen verbotener Leistungsmanipulation nachträglich wieder verlor.
Zwei Tage nach dem Ketten-Drama, am 21. Juli, hielt die Tour 2010 ihren zweiten und letzten Ruhetag ab, bevor das Duell zwischen Contador und Schleck am Aufstieg zum Tourmalet endgültig entschieden werden sollte. Zwei Dinge geschahen an diesem Tag. Contador aß angeblich ein Stück Fleisch, das sein Teamchef jenseits der Grenze in Spanien gekauft haben wollte. Und die Dopingkontrolleure kamen. Sie nahmen Contador Blut ab, in dem später im Kölner Anti-Doping-Labor minimale Spuren des Mittels Clenbuterol gefunden wurden.
Dieses Präparat ist bekannt aus der Kälbermast - allerdings als verbotener und in Europa schon lange nicht mehr eingesetzter Wachstums-Beschleuniger. Und als Dopingsubstanz bei Leistungssportlern. Unstrittig war, dass die Kleinstmenge Clenbuterol - das ja sowieso zum Aufbau von Muskeln eingesetzt wird - Contador am Tourmalet nicht helfen konnte. Unstrittig war auch, dass in vorangegangenen Dopingproben Contadors kein Clenbuterol gefunden worden war. Und unstrittig ist auch, dass der menschliche Körper Clenbuterol nicht selbst herstellt. Wo also kam das Mittel her?
Der spanische Radsportverband (RFEC) glaubte Contador, dass er die Substanz mit seinem Steak zu sich genommen habe und sprach ihn im Februar 2011 frei. Im Zusammenhang mit Clenbuterol wurden bereits andere Sportler juristisch vom Dopingverdacht reingewaschen. Der deutsche Tischtennisspieler Dimitrij Ovcharow etwa konnte glaubhaft machen, dass er sich beim Fleischverzehr in China unwissentlich Spuren des Mittels einverleibt hatte. Der Fußball-Weltverband sprach in einem Aufsehen erregenden Verfahren zwei Fußballspieler frei, die in Mexiko Fleisch gegessen hatten.
Der Radsport-Weltverband und die Welt-Antidoping-Agentur hielten Contadors Angaben aber für nicht glaubhaft. Sie zogen vor den Cas, der nach vielen Verzögerungen am Montag sein Urteil sprach. In seiner Urteilsbegründung erklärt das Gericht, es halte verunreinigte Nahrungsergänzungsmittel für die wahrscheinlichste Quelle. Contador erfuhr von der Entscheidung in seiner Heimatstadt Pinto im Beisein seiner Familie und seiner Anwälte. Dem Spanier bleibt nun noch der Gang vor das Schweizer Bundesgericht - er hat eine Einspruchsfrist von 30 Tagen. Allerdings prüft diese letzte Instanz die Cas-Urteile nicht inhaltlich, sondern nur auf Verfahrensfehler hin.
Der Präsident des Weltverbandes, der zu ähnlichen Gelegenheiten auch schon die Effektivität des eigenen Anti-Doping-Kampfes gepriesen hat, reagierte bedrückt auf das Urteil. „Dies ist ein trauriger Tag für unseren Sport“, sagte der Ire Pat McQuaid. „Manche werden von einem Sieg reden, aber das ist nicht der Fall. Es gibt beim Thema Doping keine Gewinner.“ Noch am Wochenende hatte man in Aigle, bei der von Dopingfällen strapazierten UCI, kurz aufgeatmet. Da hatte die amerikanische Justiz mitgeteilt, sie werde ihre Ermittlungen gegen den siebenmaligen Tour-Sieger Lance Armstrong einstellen.
Zu den großen Verlierern zählt der Rennstall Saxo-Bank des Dänen Bjarne Riis, dessen Kapitän Contador ist. Offenbar fühlte man sich sicher, obwohl Contador bereits eine dubiose Vergangenheit hatte: Er wurde bereits im Zusammenhang mit den Ermittlungen gegen den spanischen mutmaßlichen Blutdoper Eufemiano Fuentes erwähnt. Trotz des ausstehenden Urteils hatte die Teamleitung ihre Formation komplett auf Contador ausgerichtet. Nun könnte sogar die Zulassung zur Tour de France gefährdet sein.
Am 18. August, zum Start seines Heimatrennens, der Spanien-Rundfahrt, könnte Contador allerdings schon wieder am Start sein. Seine Fans äußern im Internet bereits die Erwartung, dass er dann bei der „Vuelta“ den Tour-Sieger von 2012 schlagen und die sportlichen Verhältnisse wieder herstellen werde. Das Team Saxo-Bank ging auf seiner Internet-Seite nicht auf das Cas-Urteil ein. Teamsprecher Anders Damgaard sagte der Nachrichtenagentur Ritzau am Montag in Kopenhagen: „Wir brauchen Zeit für ein genaueres Studium, ehe wir kommentieren.“
Andy Schleck (Luxemburg), designierter Tour-Sieger 2010: „Es gibt keinen Grund, glücklich zu sein. Alberto tut mir leid. Das ist ein trauriger Tag für den Radsport. Ich habe immer an seine Unschuld geglaubt. Das einzig Positive: 566 Tage der Ungewissheit sind vorbei.“
Michele Scarponi (Italien), designierter Giro-Sieger 2011: „Es tut mir leid für Alberto.“
Eddy Merckx (Belgien), fünfmaliger Tour-Sieger von 1969 bis 1974: „Ich bin empört. Das ist ein weiterer großer Schlag gegen den Radsport. Es ist, als ob jemand unseren Sport töten will. Ich würde mich freuen, wenn auch in anderen Sportarten nach winzigen Spuren von Clenbuterol gesucht werden würde.“
Carlos Sastre (Spanien), Tour-Sieger von 2008: „Das Urteil entbehrt jeder Logik.“
Pedro Delgado (Spanien), Tour- Sieger von 1988: „Im Kampf gegen das Doping verlieren die Verantwortlichen die Orientierung.“
Juan Carlos Castaño, Präsident des spanischen Radsportverbandes: „Wir hatten auf eine positive Entscheidung des Internationalen Sportgerichtshofs gehofft.“
Frank Schleck gibt zu, Geld an den Dopingarzt Fuentes (ein Frauenarzt
aus Spanien) gezahlt zu haben.
Markus Vogel (dmwv)
- 07.02.2012, 12:10 Uhr
Beste Headline
lothar kempf (wilkem)
- 07.02.2012, 09:09 Uhr
Quo vadis, Radsport?
Ali Gültekin (Siedler93)
- 07.02.2012, 08:20 Uhr
Doping im Hochleistungssport ist zu komplex
gisbert heimes (gisbert4)
- 06.02.2012, 19:28 Uhr
Diese Sportart ist schon selten dämlich
Norbert Schiefer (nobbl63)
- 06.02.2012, 19:22 Uhr