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Experten-Interview : „Wenn ein Lkw mit Blutkonserven entdeckt wird“

  • Aktualisiert am

Marcel Wüst: Meine Blutwerte waren immer unauffällig Bild: dpa

„Wenn ein einzelner Fahrer ertappt wird, ist ein Ausstieg aus der Berichterstattung das falsche Signal“, meint der frühere Radprofi und Fernsehexperte Marcel Wüst, der einen Fernsehboykott nur bei extremen Vorfällen für gerechtfertigt hält.

          Der Kölner Marcel Wüst war als Radprofi zwölfmaliger Etappensieger bei der spanischen Vuelta sowie Etappensieger bei Giro d'Italia und Tour de France. Im Jahr 2000 stürzte er schwer und erblindete auf dem rechten Auge. Nach einem Engagement als Mitarbeiter bei einem kleinen deutschen Radteam arbeitete er bis vor kurzem als Experte der ARD.

          ARD und ZDF haben nicht nur auf ehemalige Radrennfahrer als Mitarbeiter bei der Tour-Berichterstattung verzichtet, um Distanz zu demonstrieren, sondern sind nach der positiven A-Probe von Patrik Sinkewitz sogar ganz ausgestiegen. War das richtig?

          Die Verantwortlichen werden schon wissen, was sie tun. Und die Radsportfans schalten auf andere Sender um. Ich selbst halte einen Fernsehboykott nur bei extremen Vorfällen für gerechtfertigt - überspitzt formuliert, wenn ein Lkw mit Blutkonserven für das gesamte Fahrerfeld entdeckt wird. Aber wenn ein einzelner Fahrer ertappt wird, ist ein Ausstieg aus der Berichterstattung das falsche Signal. Wir wollen doch alle effektivere, schärfere Kontrollen. Es ist nicht der richtige Weg, dann auszusteigen, wenn das Kontrollsystem Wirkung zeigt.

          Aber waren es nicht Sie, der vor ein paar Wochen noch gefordert hat, die Fernsehanstalten sollten diesmal erst gar nicht von der Tour berichten, um Druck auszuüben?

          Das habe ich so nicht gesagt. Wenn die Fernsehanstalten absolute Konsequenz zeigen wollten, dann müssten sie einen kompletten Ausstieg in Erwägung ziehen. Das waren meine Worte. Ich bin der Meinung, dass die Tour auf jeden Fall übertragen werden muss. Bringen die Sender nichts mehr, trifft das vor allem die jüngeren Fahrer, die mit einem engmaschigeren Kontrollnetz groß geworden sind.

          Mit Patrik Sinkewitz ist ausgerechnet einer dieser jüngeren Fahrer erwischt worden . . .

          Der Fall Sinkewitz zeigt leider, dass immer noch nicht alle begriffen haben, um was es jetzt geht. Er beweist aber auch, dass die Trainingskontrollen Wirkung zeigen. Dass einer seiner Fahrer betroffen ist, muss für Bob Stapleton wie ein Schlag ins Gesicht sein. Dabei hat T-Mobile tatsächlich eine Vorreiterrolle eingenommen. Die Blutvolumen-Tests sind vorbildlich. Der Radsport-Weltverband könnte das allgemeinverbindlich machen. Es gilt, die Kontrollverfahren weiter zu verbessern, damit am Ende der Fahrer glaubhaft machen kann: Seht her, ich bin sauber, weil ich alle Kontrollsysteme durchlaufen habe. Derzeit herrscht ein Generalverdacht, gute Leistungen machen misstrauisch. Egal, wer die Tour gewinnt, die Leute werden nachher sagen: Der war sowieso gedopt. Davon müssen wir wegkommen.

          Hatten Sie Verständnis dafür, dass die ARD diesmal ohne Marcel Wüst von der Tour berichten wollte?

          Es ist doch irgendwie paradox: Rolf Aldag und Christian Henn sind bei T-Mobile und Gerolsteiner als sportliche Leiter dabei, Erik Zabel als Fahrer. Alle drei haben zugegebenermaßen gedopt. Und ich, der ich mir nichts habe zuschulden kommen lassen, sitze zu Hause vor dem Fernseher. Schade, dass ich bei dieser Vergangenheitsbewältigung unter die Räder gekommen bin. Ich habe die Entscheidung der ARD akzeptiert. Aber akzeptieren heißt noch lange nicht, dass ich die Entscheidung auch gut finde. Ich habe verstanden, dass dem Thema Doping diesmal mehr Raum eingeräumt worden ist und damit weniger Zeit für die Analyse der Renntaktik blieb. Aber es fehlt dann der Mehrwert, den ich als ehemaliger Radprofi dem Zuschauer gern liefere.

          Ist in diesen Tagen jener Mehrwert überhaupt noch gefragt?

          Ich habe viele E-Mails von Leuten bekommen, die mich vermissen. Scharenweise haben Zuschauer in den ersten Tagen auf Eurosport umgeschaltet. Es hat ja auch wirklich keinen besonderen Spaß gemacht, bei ARD und ZDF zuzuschauen. Weil der Sport zweitrangig und das Doping-Thema dominant war. Dabei ist die Begeisterung der Leute für die Tour immer noch riesig. In anderen Ländern spielt das Doping-Thema bei weitem nicht die Rolle wie in Deutschland. Ich habe mit französischen und englischen Journalisten gesprochen. Bei denen stößt die Art der Berichterstattung in den deutschen Medien komplett auf Unverständnis.

          Haben Sie die Doping-Geständnisse der vergangenen Wochen und Monate überrascht oder gar schockiert?

          Weder - noch. Ähnliche Dinge haben ja meine Festina-Teamkollegen vor acht, neun Jahren schon zugegeben. Das ehrlichste und offenste Geständnis war für mich das von Jörg Jaksche. Es könnte den Radsport am ehesten weiterbringen, weil Jörg Jaksche auch die Hintermänner anspricht.

          Stichwort Festina-Affäre 1998. Sie waren damals beim Skandal-Team angestellt und behaupten, selbst stets sauber gewesen zu sein . . .

          Meine Blutwerte waren immer unauffällig. Ich war Sprinter und habe die meisten meiner Etappensiege bei Rundfahrten zu Beginn eingefahren. Es fällt auch auf, dass ich meine beste Zeit hatte, als die Hämatokritwerte aller Fahrer kontrolliert wurden und damit die Chancengleichheit stieg. Das sind alles Hinweise dafür, dass ich sauber war. Ich kann nur gute Argumente dafür liefern, dass ich sauber war. Beweisen kann ich es sieben Jahre nach Karriereende leider nicht mehr. Das ist das Dilemma.

          Die Leute irritiert diese eigenartige Solidarität unter den Fahrern, die Doping-Sünder quasi in Schutz nehmen. Wenn Sie sagen, Sie selbst seien immer sauber gewesen, dann müssen Sie ja auf die gedopten Kollegen ziemlich sauer sein?

          Ein gewisser Ärger ist unterschwellig schon da. Dafür sage ich mir heute, dass ich bestimmt gesünder bin und älter werde als die, die während ihrer Karriere gedopt haben.

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