Home
http://www.faz.net/-gua-10q9o
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Dopingkontrollen in Peking Verschlampt, verschwunden, verschwiegen

12.10.2008 ·  Als wären immer neue Dopingsünder nicht schon schlimm genug für den Sport: Unabhängige Beobachter haben jetzt auch noch eklatante Mängel im Anti-Doping-Programm von Peking festgestellt. Noch immer fehlen dreihundert Laborberichte. Ein positiver Test wird vermisst.

Von Evi Simeoni
Artikel Bilder (2) Lesermeinungen (4)

Hat das Anti-Doping-Labor in Peking während der Olympischen Spiele positive Proben verschlampt – oder gar verschwinden lassen? Diese Möglichkeiten legt der Bericht der Unabhängigen Beobachter der Welt-Anti-Doping-Agentur (Wada) nahe, der bereits am 19. September abgeschlossen und in aller Stille auf die Website der Agentur gestellt worden ist.

Dieser Report, der dem Internationalen Olympischen Komitee (IOC) schon seit Wochen vorliegen dürfte, weist gravierende Mängel im Anti-Doping-Programm der Sommerspiele nach. So fehlten bis zum Abschluss des Reports immer noch Berichte von 300 Testergebnissen, die das Labor hätte weitergeben müssen. Auch die Medizinische Kommission des IOC, die über alle Analysen informiert sein müsste, konnte diese Ergebnisse bis dahin nicht auftreiben.

NOKs verweigerten Meldeangaben

Im Kleingedruckten des Berichts findet sich schließlich die brisanteste Beobachtung des Experten-Teams. Es fehlt auch das Ergebnis einer Probe, die lediglich zur Qualitätskontrolle an das Labor gegeben wurde. „Dies ist besorgniserregend“, schreiben die unabhängigen Beobachter, „denn sie enthielt eine verbotene Substanz und hätte als positives Ergebnis gemeldet werden müssen.“ Im Bericht wird allerdings auch betont, dass keine der Beobachtungen die Ergebnisse der Dopingkontrollen während der Spiele ungültig machen könnte. In Peking wurden neun von mehr als 10.000 Athleten positiv getestet.

Ein zweites gravierendes und vom IOC nicht sanktioniertes Versäumnis beging die Hälfte aller an den Spielen teilnehmenden Nationalen Olympischen Komitees (NOK). Sie waren nicht bereit, dem IOC Meldeangaben über ihre Sportler zu machen. Nach dem Reglement waren die Delegationen verpflichtet, den Aufenthalt ihrer Sportler vom 27. Juli an lückenlos zu dokumentieren, um unangemeldete Trainingstests zu ermöglichen. Am 7. August, also einen Tag vor der Eröffnungsfeier, erklärte Patrick Schamasch, der Medizinische Direktor des IOC, gegenüber den Mannschaftsärzten, dass sie die Angaben nachreichen müssten. Danach sank die Zahl der säumigen NOK von 110 auf 102. Insgesamt nahmen 204 NOK an den Olympischen Spielen in Peking teil.

Arbeit der Fahnder wurde unterminiert

„Die Arbeit der von IOC, Wada und dem Organisationskomitee gebildeten Task Force, gezielte Kontrollen vor den Spielen vorzunehmen, wurde unterminiert“, heißt es in dem Report. Vorsitzende der Kommission, die sich aus zwölf Fachleuten von sechs Kontinenten zusammensetzte, war die Britin Sarah Lewis, Generalsekretärin des Internationalen Skiverbandes (FIS).

Die Meldepflicht der NOK entspringt den schlechten Erfahrungen vor den Spielen 2004 in Athen, als die griechischen Sprinter Ekaterina Thanou und Konstantinos Kenteris im olympischen Dorf getestet werden sollten, aber rechtzeitig gewarnt wurden und die Flucht ergriffen. In Peking mussten sich die Doping-Tester in Eigeninitiative behelfen: So fragte einer von ihnen im olympischen Dorf ein säumiges NOK gleich nach der kompletten Beherbergungsliste seiner Athleten, um den Namen der Gesuchten nicht angeben zu müssen.

Nur 817 Urinproben auf Epo getestet

Einen weiteren Schwachpunkt bei der Arbeit des Labors in Peking, das vor den Spielen von Wada-Repräsentanten noch enthusiastisch gepriesen worden war, sieht die Gruppe im Umgang mit verdächtigen Werten. 100 Proben hätten ein Testosteron/Epitestosteron-Verhältnis von mehr als 4:1 aufgewiesen, 40 hätten andere vom Normalen abweichende Phänomene gezeigt. Der auf verdächtige Testosteronwerte folgende Test, der zwischen körpereigenem und körperfremdem Hormon unterscheiden soll, habe allerdings keine Handhabe für gerichtsfeste Doping-Nachweise ergeben. Das Labor ist verpflichtet, solche verdächtigen Werte als „untypisch“ zu melden. Die Ergebnisse wurden jedoch als „negativ“ eingestuft.

Kritik übten die Wada-Gesandten auch am Spektrum der Anti-Doping-Tests. So seien nur 817 Urinproben auf das weitverbreitete Dopingmittel Epo untersucht worden. Das hält die Gruppe angesichts einer Rekord-Gesamtzahl von 4770 Tests für verhältnismäßig wenig. In unterschiedlichen Sportarten wurden nur die Sieger, in anderen die Medaillengewinner, Rekordler und manchmal auch noch ausgeloste Athleten auf Epo getestet.

Auch Insulin soll Ziel von Nachkontrollen werden

Die Tatsache, dass der in Köln entwickelte, mittlerweile validierte Dopingtest auf Insulin nicht angewandt wurde, erklären die Experten mit einem Kommunikationsproblem zwischen Labor, Wada und IOC. Die Voraussetzung für ein Labor (wie Peking), von der Wada akkreditiert zu werden, sei, dass es für die Analyse aller verbotenen Substanzen ausgestattet ist. „Sollte dem Labor die Ausstattung oder das Knowhow fehlen, um mit einer betreffenden Substanz oder Methode umzugehen, muss das IOC (der Kunde) informiert werden, dass es dies mit dem Labor klären kann“, heißt es.

Nun will das IOC das Versäumnis nachholen. Vizepräsident Thomas Bach kündigte in einem Interview des ZDF an, dass neben dem bisher genannten Epo-Präparat Cera auch Insulin Ziel der angekündigten Nachkontrollen sei. Bisher hatte das IOC lediglich seine Absicht erklärt, Blutproben noch einmal analysieren zu lassen. Für den Insulintest müssten im Labor in Lausanne, wo die 4770 brisanten Behälter in Kürze eintreffen sollen, auch Urinproben aufgetaut werden. Insulin gilt als derzeit weitestverbreitetes Dopingmittel. Es verbessert zum Beispiel eine bei den Spielen in Peking sehr gefragte Fähigkeit: Die schnelle Regeneration zwischen rasch aufeinanderfolgenden Wettkämpfen.

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen

Jahrgang 1958, Sportredakteurin.

Jüngste Beiträge

Nicht gewonnen, nicht verloren

Von Peter Heß

Im Formel-1-Tempo sollte in der durch Korruptionsvorwürfe durchgeschüttelten Fifa aufgeräumt werden. Im Moment bewegt sie sich mit der Geschwindigkeit eines Motorrollers. Mehr 1