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Dopingkampf im Radsport : Angriff des Jedermanns

Jörg Jaksche fährt Rennen nur noch zum Spaß - der hört aber schnell auf, wenn es um die Profis geht. Bild: ZB

Jörg Jaksche will mit Gleichgesinnten den Radsport umkrempeln. Vor allem die Funktionäre Pat McQuaid und Hein Verbruggen stehen im Visier der Doping-Gegner. Aber nicht alle Mitstreiter sind willkommen.

          Glaube bloß keiner, dass ihn jetzt wieder der große Ehrgeiz gepackt hätte. Jörg Jaksche sagt, dass er keine sportlichen Ambitionen hege. Dass er die Buffetstationen während eines Rennens zu schätzen wisse und dass er gerne ohne Schwitzen ins Ziel komme. So stellt er sich seine Zukunft als Radfahrer vor, denn der ehemalige Profi kehrt zurück in den Radsport. In einem Aachener Team, das sich Jedermannrennen verschrieben hat. „Ein Freund von mir hat nach Fahrern gesucht“, sagt Jaksche, „jetzt fahre ich halt ein bisschen mit.“

          Rainer Seele

          Sportredakteur.

          Sofern er Freiraum hat als Student der Wirtschaftswissenschaften in Innsbruck - und als Kämpfer für einen Wandel im Radsport. Auch da macht Jaksche nun wieder von sich reden, er gehört der Interessengruppe „Change cycling now“ an, die den Radsport umkrempeln möchte. Und die Spitzenpositionen im Internationalen Radsportverband (UCI) gerne neu besetzt sähe. „Die UCI hat Schindluder mit dem Radsport getrieben“, klagt Jaksche, „sie hat sich in eine Situation verfrachtet, aus der sie nicht mehr herauskommt.“

          Nicht, dass der ehemalige Doping-Kronzeuge die UCI komplett in Frage stellte, er betont: „Es gibt ganz kompetente Leute bei ihr.“ Aber zu ihnen gehören auf alle Fälle nicht Pat McQuaid und Hein Verbruggen, der Präsident der UCI und ihr Ehrenvorsitzender. „Change cycling now“ arbeitet auf deren Rücktritte hin, und dass Jaksche ihnen nicht über den Weg traut, formuliert er so: „Wenn man einen von den beiden Köpfen sieht, hält man schon seine Brieftasche fest.“

          Sollte McQuaid allen Widerständen trotzen und im Herbst 2013 wiedergewählt werden, wäre das, so Jaksche, „der GAU“ für den Radsport. McQuaid und Verbruggen stehen im Zuge der Affäre um Lance Armstrong längst im Visier. Die Allianz um Jaksche allerdings fordert nicht nur die Demission der beiden umstrittenen Funktionäre, sie strebt Neuerungen an, die über diese beiden Personen hinausgehen: Sie hält die Einführung von unabhängigen Doping-Kontrollen für unabdingbar - und sie will eine Wahrheits- und Versöhnungskommission für geständige Doper installieren.

          „Im Endeffekt spielt man damit der Omertà in die Arme“

          Just in diesem Punkt brachte Jaksche bei der Gründungsversammlung von „Change cycling now“ in London wichtige Erfahrungen ein. Profis, die sich zu einer Doping-Beichte durchringen, sollen von ihrer Zunft nicht geächtet, sondern in gewisser Weise aufgefangen werden.

          Es müsse dafür gesorgt werden, sagt Jaksche, „dass ein Bekenntnis nicht zum totalen Verlust des Einkommens und der wirtschaftlichen Basis führt, dass man nicht gemobbt oder ausgeschlossen wird. Das muss man anders aufgreifen.“ Die bisherige „Null-Toleranz-Politik“ im Radsport hält der Franke eher für kontraproduktiv: „Im Endeffekt spielt man damit der Omertà in die Arme.“ Dem Bündnis der Schweigsamen also.

          Doping-Kronzeuge Jörg Jaksche (Foto von 2006) gehört auch zur Bewegung „Change Cycling Now“
          Doping-Kronzeuge Jörg Jaksche (Foto von 2006) gehört auch zur Bewegung „Change Cycling Now“ : Bild: dpa

          Die Reformwilligen von London, angeführt von dem australischen Sportbekleidungshersteller und Radsportsponsor Jaimie Fuller, haben immerhin schon Interesse bei der Untersuchungskommission geweckt, die die Vorwürfe gegen die UCI im Zusammenhang mit dem Fall Armstrong klären soll. „Sie hat sich bei Fuller gemeldet“, sagt Jaschke. „Man muss ihr Informationen geben.“

          So wie Fuller und seine Gefolgsleute, vom früheren Armstrong-Mentor Johan Bruyneel als „Schwachköpfe“ bezeichnet, sich an die nationalen Radsportverbände wenden und dort Überzeugungsarbeit leisten wollen. Dabei geht es nicht zuletzt um finanzielle Perspektiven für die Branche. „Mit der derzeitigen Politik“, behauptet Jaksche, „kommt es auch zu keiner Verbesserung der Sponsorensituation im Radsport.“

          „Ein Punkt, an dem es kein Zurück mehr gibt“

          In der Not macht inzwischen auch die „Bewegung für einen glaubwürdigen Radsport“ (MPCC) wieder stärker auf sich aufmerksam. Dabei handelt es sich um einen Zusammenschluss von Rennställen, die angeblich einen sauberen Sport propagieren. In den vergangenen Tagen beantragte zum Beispiel das Team Lampre aus Italien die Mitgliedschaft. „Wir sind alle an einem Punkt angekommen, an dem es kein Zurück mehr gibt“, sagte Teamchef Giuseppe Saronni.

          Jaksche steht dieser Gemeinschaft jedoch kritisch gegenüber. Er spricht von „Leuten, die das ganze Doping-System teilweise über Jahre mitgetragen haben. Die können nicht so offen und ehrlich sein wie jemand, der von außen kommt.“ Er äußert sich selbst zurückhaltend über Männer wie Jonathan Vaughters oder David Millar, die Doping gestanden haben: „Sie haben noch nicht die Transparenz dargelegt, die wir wirklich brauchen.“

          Jaksche könnte sich künftig Richard Pound, den ehemaligen Chef der Welt-Antidoping-Agentur, oder den australischen Wissenschaftler Michael Ashenden in führenden Rollen im Radsport vorstellen. Auch wegen ihres Vorteils, unabhängig von diesem Sport zu sein. „Bei uns hängt keine Existenz am Radsport.“ Schon gar nicht als Jedermann.

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