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Dopingaffäre Fuentes Ein Prozess? Das muss ein Witz sein!

Doping-Arzt Fuentes steht in Madrid vor einem Gericht, das an Antworten nicht interessiert ist. Der Höhepunkt: Fuentes erklärt sich bereit, die Klarnamen seiner Patienten zu nennen. Doch die Richterin lehnt die Offerte ab.

© dpa Dopingarzt Fuentes: Würde vor Gericht wohl Namen nennen, darf es aber nicht

Mehr als siebzig akkreditierte Medien, darunter fast vierzig aus dem Ausland, und wofür? Das soll der „Prozess“ gegen den spanischen Doping-Arzt Eufemiano Fuentes sein, der am 23. Mai 2006, zum Finale der „Operación Puerto“, mit fast zweihundert Blut- und Blutplasmabeuteln sowie einer kodierten Namensliste seiner treuen Kunden, in ihrer Mehrheit Radrennfahrer, erwischt wurde? Hier soll Licht in die trübe Welt des systematischen Dopings im Profiradsport oder gar darüber hinaus geworfen werden? Das muss ein Witz sein.

Ermittlungen ausländischer Medien wurden ausgebremst

Die Experten wussten es natürlich schon vorher. Nicht nur, weil zu dem Zeitpunkt, als die mutmaßlichen Delikte begangen wurden, Doping in Spanien noch nicht unter Strafe stand, weshalb die Anklage in dem Madrider Prozess nur auf „Gefährdung der öffentlichen Gesundheit“ lautet. Sondern auch, weil die spanischen Behörden von Anfang an kein Interesse an einem exemplarischen Gerichtsverfahren gegen die zwielichtige Verbindung des Leistungssports zu Doping, Blutpanscherei, chiffrierten Aufzeichnungen und verschwörerische Zahlungen gezeigt haben. Auch Ermittlungen ausländischer Medien wie der französischen Tageszeitung „Le Monde“ zur Verbindung zwischen Doping und den Topklubs des spanischen Fußballs, zu der präzise handschriftliche Hinweise Fuentes’ vorlagen, wurden von höherer Stelle sogleich ausgebremst. Ohne den Druck ausländischer Verbände wäre wohl auch der Fall Fuentes schon längst auf den Aktenberg gewandert. „Die Richterin wird das Verfahren stark eingrenzen“, hatte ein spanischer Jurist kurz vor dem Prozessauftakt der Sportzeitung „As“ gesagt, die ausländischen Berichterstatter sollten sich „auf eine Ernüchterung gefasst machen“.

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Die ließ in der Tat nicht lange auf sich warten. Nach der ersten Prozesswoche hat sich der Eindruck von Wegschauen, Indifferenz und Pedanterie verfestigt. Wegschauen, wie man feststellen muss, seitens der Richterin Julia Patricia Santamaría, die dem Verfahren vorsitzt. Einer der wenigen Höhepunkte dieser Tage kam, als Fuentes sich bereit erklärte, die Klarnamen seiner Patienten zu nennen, sofern das Gericht ihn danach frage - Namen, die laut früheren Aussagen des Arztes weit über den Radsport hinaus in die Welt von Fußball, Tennis, Boxen, Schwimmen und Leichtathletik führten. Rund hundert Blutbeutel in Barcelona, die Beute aus der „Operación Puerto“, sind ja immer noch nicht zugeordnet und durften von Antidopingbehörden auch nicht analysiert werden. Doch Richterin Santamaría lehnte die Offerte des Angeklagten ab und überging auch den Antrag von Ignacio Arroyo, dem Anwalt des italienischen Olympischen Komitees (Coni), das Gericht möge Fuentes nach den Namen fragen. „Protest erfolgt, das reicht“, sagte die Richterin knapp. Ende der Debatte. Arroyo kündigte an, eine Klage vor dem höchsten spanischen Gericht anzustrengen.

Man muss das richtig verstehen. Die Entschlüsselung von Fuentes’ Namensliste ist im Grunde das Einzige, was die Welt-Anti-Doping-Agentur (Wada), die Radsportverbände oder Nebenkläger wie das Coni interessiert. Auch der Öffentlichkeit kommt es auf nichts anderes an. Waren es wirklich an die zweihundert Sportler, die zwischen 2002 und 2006 zu Fuentes’ riesigem Kundenkreis gehörten, darunter Tennis- und Fußballstars? Führt die Blutspur in die obersten Etagen des Leistungssports allgemein, so dass Fuentes’ Computer Aufschluss über das kriminelle Funktionieren der internationalen Sportmaschinerie geben könnte? Egal!, sagt das Madrider Gericht. Egal, weil es im Sinne der Anklage nicht um die Enthüllung der Identität von Gedopten gehen darf, sondern nur um die sachgemäße Durchführung „therapeutischer Transfusionen“, wie Fuentes sie hartnäckig nennt, also um Kühlung, Lagerung, Hygiene und korrekte Zuordnung des Blutmaterials.

Bild Dopingprozess © REUTERS Vergrößern Vor Gericht: Fuentes (links), seine Schwester Yolanda sowie drei ehemalige Manager von Radrennställen

Von den Sportlern steht deshalb niemand vor Gericht. Bis Ende März erwartet man allenfalls mit mäßiger Spannung die Zeugenaussagen von Radrennstars wie Alberto Contador oder Tyler Hamilton. Contador, auf den das Kürzel „A.C.“ in Fuentes Notizen hinweisen könnte, wurde schon wegen Dopings rückwirkend von 2010 bis 2012 gesperrt und verlor dadurch den Toursieg 2010 und seinen Giro-Triumph im Jahr darauf. Das war die Sache mit dem angeblich verseuchten Rindersteak, in der sich die spanischen Behörden nicht gerade durch Enthüllungseifer hervortaten.

Eigentlich wisse er gar nicht, warum er hier sei

Hier wäre vom unterschiedlichen schauspielerischen Talent der fünf Angeklagten zu sprechen, denen bis zu zwei Jahren Haft drohen - neben Fuentes noch dessen Schwester Yolanda sowie drei ehemalige Manager der Radrennställe Kelme (später Comunidad Valenciana), Liberty und Once. Der ehemalige Hürdenläufer Eufemiano Fuentes, Jahrgang 1955, ist der unumschränkte Kopf der Gruppe. Ruhig und jederzeit kontrolliert pflegt er mit den Medien einen lässig-ironischen Umgang. Eigentlich wisse er gar nicht, warum er hier sei, sagte er zu Prozessbeginn, er habe auf den Kanaren zu tun, die Klinik, in der er arbeite, werde mit öffentlichen Geldern finanziert. Die Komik setzte sich fort in der rührenden Schilderung der familiären Kalamitäten, die ihn zur Verwendung des Doping-Mittels Epo geführt hätten: Seine krebskranke kleine Tochter habe damals eine Chemotherapie benötigt, deswegen. Und das Wachstumshormon Norditropin habe nicht ihm gehört, sondern seinem kranken Vater, der dringend darauf angewiesen gewesen sei. Nach der Beschlagnahmung sei das Medikament übrigens nie zurückgegeben worden, und einige Monate darauf sei sein Vater gestorben.

Fuentes’ Schwester Yolanda, die ehemalige Kelme-Ärztin, sorgte derweil für die Burleske, gab sich mal pampig, dann wieder weinerlich. Sie ging so weit, den anwesenden Journalisten eine Nase zu drehen und klagte, sie werde „wie ein Zirkustier vorgeführt“. Könnte sein, dass sie mit dem „Zirkus“ nicht weit danebenlag.

Quelle: F.A.S.

 
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