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Doping West : „Lüge oder unterlassene Hilfe?“

  • Aktualisiert am

Ost und West auf gleicher Höhe? Bild: picture-alliance/ dpa

In der vergangenen Woche hat Helmut Digel der F.A.Z. geschildert, dass es auch im westdeutschen Sport in einigen Sportarten ein nahezu flächendeckendes Doping gab. Die frühere Leichtathletin Claudia Lepping antwortet auf seine Aussagen.

          „War es dann nur eine Lüge oder nichts anderes als gezielte unterlassene Hilfeleistung, dass der Deutsche Leichtathletik-Verband (DLV) mir antwortete, es handele sich ,um ein Missverständnis’, als ich, knapp 20 Jahre alt, Juniorenmeisterin, ungedopt, ihm inmitten der Enthüllungen um das DDR-Doping Folgendes besorgt mitteilte, in einem Brief: ob der DLV denn wisse, dass nämlich Athletinnen in einem westdeutschen Sprinterinnen-Klub nach Anabolika-Doping an Herz und Leber erkrankt seien? Dass der Vereins- und Bundestrainer dort ein Doping-Netzwerk mit Drähten in die DDR und nach Übersee unterhielt? Dass Doping-Kontrolltermine frühzeitig verraten wurden?“, schreibt Frau Lepping.

          Sie war mehrmalige deutsche Jugend- und Juniorenmeisterin über 200 Meter, Fünfte der Junioren-WM, Elfte der EM 1986 in Stuttgart. Frau Lepping lehnte Doping gegenüber ihrem Trainer unmissverständlich ab, engagiert sich heute unter anderem mit einer Website „www.dopingalarm.de“ im Kampf gegen Doping.

          Digels Aussagen im Interview bestätigt die frühere Athletin. Seine Rolle als Funktionär in dieser Zeit aber betrachtet sie mit Skepsis: „Im Interview sagt Herr Digel: ,Man kann den Athleten nicht aus der Verantwortung entlassen.’ Ich wollte, der DLV hätte Verantwortung übernommen. Er wusste doch schon vor dem Fall des eisernen Vorhangs, was passierte, spätestens seit dem qualvollen Tod der mit mehr als 100 Medikamenten abgefüllten westdeutschen Siebenkämpferin Birgit Dressel mussten auch die nicht Eingeweihten verstanden haben, was lief. Ich habe damals dem DLV präzise von einem westdeutschen Trainer und Bundestrainer berichtet, der Talente mit dem vermeintlich attraktiven Versprechen in seinen Klub lockt: ,Dann zeigen wir dir, warum die DDR-Mädels so schnell sind.’ Nein, auch der DLV war nie eine glaubwürdige Schiedsinstanz, sondern Mitwisser und damit Mittäter. Nach dem Mauerfall wurden Originale übernommen: Doping-Trainer, -athleten. Auch Mediziner, die als Dopingforscher für die Leichtathletik der DDR arbeiteten, sollten das Spiel fortsetzen.

          Seine Worte haben Aufmerksamkeit erregt: Sport-Soziologe Helmut Digel
          Seine Worte haben Aufmerksamkeit erregt: Sport-Soziologe Helmut Digel : Bild: picture alliance / M.i.S.-Sportp

          Ich erinnere mich, dass Herr Digel mit seinem DLV-Präsidium einen Honorarvertrag mit dem Doping-Trainer der Sprinterinnen Katrin Krabbe und Grit Breuer beschloss und das ,Resozialisierung’ nannte. Im F.A.Z.-Interview bemühte er nun ernsthaft den Vergleich zur Aufarbeitung des Apartheid-Systems in Südafrika. Liebe Athleten und Athletinnen: So zynisch sind Sportfunktionäre, Trainer und Ärzte. Wollt Ihr das? Wollen Sie das, liebe Väter und Mütter talentierter Kinder? Wollen wir alle Leistungssport um diesen Preis? Ich will keinen anschwärzen, ich will Athleten von heute warnen: Es sieht so aus, als ob Trainer, die mit Dopingmitteln arbeiten, im deutschen Sportsystem immer wieder auf die Füße fallen. Den meisten passiert nichts.“

          „Ich will das nicht herunterspielen“

          Konfrontiert mit dieser Kritik, hat Digel am Mittwoch so reagiert: „Frau Lepping hat recht. In der Amtszeit Digel hat es in der Tat diese Sünde gegeben. Frau Breuer wollte Springstein als Trainer behalten. Sie war damals die beste 400-Meter-Läuferin, war vor dem Oberlandesgericht freigesprochen worden. Sie war Europameisterin und Staffelsiegerin. Athleten haben die freie Wahl des Heimtrainers. Da entstand ein Wertekonflikt. Ich will das nicht herunterspielen. Aber wenn wir den Honorarvertrag verweigert hätten, hätte es einen Aufschrei der Nation gegeben. Aber es ist doch wohl klar, dass ich Springstein für den größten Betrüger halte. Der DLV hat später Anzeige gegen ihn erstattet.“

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