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Doping-Studie : „Angst vor der Debatte“

Erhebt schwere Vorwürfe gegen Forschergruppe: Innenminister Hans-Peter Friedrich vor dem Sportausschuss Bild: dpa

Im Sportausschuss kritisieren Politiker und Kollegen die Urheber der umstrittenen Doping-Studie. Eine offene Debatte gibt es nicht. Die Forschergruppe der Humboldt-Universität darf sich kaum verteidigen.

          „Der Bericht war nicht das, was wir in Auftrag gegeben hatten“, sagte Innenminister Hans-Peter Friedrich. „Deshalb wollten wir ihn nicht veröffentlichen.“ Eigentlich verteidigte sich der CSU-Politiker im Sportausschuss des Bundestages am Montag gegen den Vorwurf, sein Haus habe die brisante historische Doping-Studie aus Berlin unter Verschluss halten wollen. Doch seine Bemerkung geriet zum Auftakt einer Reihe von Vorwürfen, die der Forschergruppe der Humboldt-Universität unter Führung des Historikers Giselher Spitzer galten.

          Opposition warnt vor Ende des Sports

          Michael Reinsch

          Korrespondent für Sport in Berlin.

          Was sie vorgelegt habe, sei journalistisch spannend, urteilte Staatssekretär Christoph Bergner (CDU), aber entspreche nur bedingt den Kriterien wissenschaftlicher Praxis. Der Sozialwissenschaftler Henk Erik Meyer von der Uni Münster konstatierte erhebliche Auffassungsunterschiede seiner und der Berliner Forschergruppe in verschiedenen Bereichen und distanzierte sich von deren Forderung, für die Publikation von Namen Rechtsschutz zu erhalten. Der Hamburger Sportmediziner Klaus-Michael Braumann, Mitglied des Projektbeirats, warf den Berlinern vor, sie hätten ergebnisorientiert geforscht, sie hätten Doping aus dem Bauch heraus definiert und sie hätten Ethos mit moralischer Entrüstung verwechselt. Zudem zitierten sie überwiegend eigene Publikationen und hätten eigenmächtig den Forschungsauftrag verändert. Andrea Gotzmann, die Geschäftsführerin der Nationalen Anti-Doping-Agentur (Nada), machte bekannt, dass der Projektbeirat deshalb kurz davor gestanden habe, geschlossen zurückzutreten. Den Vorwurf der Forscher, die Nada hätte ihnen Einblick in Akten verweigert, wies sie als unhaltbar und wahrheitswidrig zurück. Sie habe deshalb juristische Schritte eingeleitet, sagte sie. Spitzer bestritt einige der Vorwürfe. „Was uns überzeugte“, sagte er zu den Änderungswünschen, „haben wir akzeptiert.“ Er bat, seine Antworten an den Beirat zu veröffentlichen; sie seien wichtiger Bestandteil der Diskussion.

          Es hätte eine muntere Debatte werden können im Sportausschuss. Doch Spitzer kam kaum dazu, sich zu verteidigen. Die Koalitionsfraktionen diktierten dem Ausschuss mit ihrer Mehrheit, zunächst für fast anderthalb Stunden allein Friedrich zu befragen - und in den folgenden zwei Stunden nur so viel oder so wenig zu reden, wie es, in Minuten umgerechnet, der Fraktionsstärke entsprach. Viola von Cramon (Grüne) warf der Mehrheit vor, das Rederecht der Opposition zu beschneiden, der Linke Jens Petermann drohte gar mit einem Untersuchungsausschuss. Schwarz-Gelb scheine „Angst vor der Debatte“ zu haben, schimpfte der SPD-Abgeordnete Martin Gerster, und gebe die Veranstaltung der Lächerlichkeit preis. Da hatte Friedrich schon süffisant ausgeführt, dass er nicht vor habe, sich schützend vor die sozial-liberale Koalition der siebziger Jahre zu werfen - eine Regierung der in der Studie behandelten Doping-Jahre. Der Minister gab sich als einziger Unionspolitiker offen. Am 26. September, vier Tage nach der Wahl, wolle er Experten zum Für und Wider einer strafrechtlichen Verfolgung von Doping anhören, kündigte er an, darunter Staatsanwälte und Justizminister der Länder. Wenn aber sportrechtliche Verfahren bis zu einem strafrechtlichen Urteil ausgesetzt würden, wie es häufig mit zivilrechtlichen geschehe, warnte er, wäre dies das Ende des Sportrechts. Die Opposition warnte vor dem Ende des Sports.

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