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Doping-Opfer-Hilfe : Freie Phantasie und leere Phrasen

Die Doping-Opfer fühlen sich nicht nur im Stich gelassen vom organisierten Sport. Eine Sonntagsrede in Frankfurt empfanden sie nun gar als Provokation. Bekenntnisse zur moralischen Verantwortung sind nur eine leere Phrase

          Selten ist eine deutsche Sportorganisation so hart kritisiert worden. Von einer „Verhöhnung“ der Doping-Opfer spricht der Doping-Opfer-Hilfe-Verein (DOH) in einer Pressemitteilung. Von einer „Desinformationsstrategie“ durch den Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB), der seine „Verweigerungspolitik in eine hochmoralische Aktivität“ ummoderiert habe. Das sei verlogen. Was ist geschehen?

          DOSB-Präsident Alfons Hörmann hatte in seiner Bilanz zum zehnjährigen Bestehen des DOSB am vergangenen Freitag beim Festakt in der Frankfurter Paulskirche von der „moralischen Verantwortung“ des Sports gesprochen und damit auch an Hilfe für in Not geratene, unter den Folgekrankheiten des Zwangs-Dopings leidenden deutschen Athleten gedacht. Dabei verwies er auf die „Initiativen“ des organisierten Sports. Eigentlich selbstverständlich, aber doch eine schöne Sache: Es geht also nicht nur um Medaillen, sondern auch um einen menschenwürdigen Sport.

          Im Stich gelassen

          Nur hat die Selbstdarstellung vor weitgehend uninformierten Zuhörern einen Haken. Die Doping-Opfer fühlen sich vom DOSB seit langem nicht nur ganz und gar im Stich gelassen. Sie empfanden die Darstellung in der Paulskirche zusätzlich als unerträgliche Provokation. Deshalb die harsche Gegendarstellung, die in Ton und Inhalt die große Verzweiflung, aber diesmal auch die große Wut erkennen lässt. Denn die Betroffenen fragen sich, wie der DOSB behaupten könne, in ihrem Fall jemals eine Initiative ergriffen zu haben.

          Vor der Entschädigung in Höhe rund 10.500 Euro pro anerkanntem Doping-Opfer vor zehn Jahren hatte es einen erbitterten Streit um die Beteiligung des Nationalen Olympischen Komitees für Deutschland gegeben, das 2,6 Millionen Euro aus dem Vermögen des entsprechenden DDR-Verbandes erhalten hatte. 500 000 Euro flossen schließlich in den Fonds für die Doping-Opfer. Die Initiative dazu aber ging allein von den ehemaligen Sportlern aus - jedenfalls nicht vom Verband.

          Das gilt auch für das zweite Doping-Opfer-Hilfe-Gesetz. Die Regierung hat es durchgesetzt. Es soll der zweiten Welle der Erkrankten, die überwiegend als Kinder gedopt wurden, zugutekommen, Sportlern, die sich erst in der jüngeren Vergangenheit offenbart haben. Dass der DOSB „froh“ sei über den Beitrag des Bundes (10,5 Millionen Euro für etwa 1000 potentielle Doping-Opfer), hält nicht nur der DOH für geheuchelt. Die Paulskirchen-Formulierung „Der DOSB hat diese Aktivitäten vom ersten Tag bis heute stets aktiv unterstützt“ wertete ein Verhandlungsteilnehmer als freie Phantasie des Sports. Die Ablehnung des DOSB, selbst dem ausdrücklichen Wunsch des Innenministers zu folgen, die Weigerung, die Bundesgelder für die Doping-Opfer zu erhöhen, nicht um einen Cent, ist allerdings kein Hirngespinst.

          Zur Begründung führen DOSB-Vertreter aus der Führungsetage mal die Finanzlage des Verbandes und mal die Alleinverantwortung des Staates an: Denn die Vergiftung Minderjähriger auf dem (häufig abgebrochenen) Weg zum Medaillensammler sei allein Sache des DDR-Politbüros gewesen. Vor diesem Hintergrund ist die Bekenntnis zur moralischen Verantwortung eine leere Phrase.

          Anno Hecker

          Verantwortlicher Redakteur für Sport.

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