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Doping-Kommentar : Wenigstens ein bisschen Hoffnung

Rette sich wer kann? In der Leichtathletik stehen jetzt auch Stars am Pranger Bild: picture alliance / dpa

Die Befunde bei Gay, Powell und Simpson haben auch eine gute Seite: Jetzt stehen keine Bauernopfer, sondern veritable Stars am Pranger. Offenbar gibt es niemanden mehr, der seine schützende Hand über sie hält.

          Vor 25 Jahren versetzte eine Sprinterin im grellen Outfit und mit langen Fingernägeln die Fachwelt in blankes Staunen, wenn nicht in Fassungslosigkeit. In 10,49 Sekunden raste die Amerikanerin Florence Griffith-Joyner die 100 Meter bei den Olympischen Spielen 1988 herunter - eine Männerzeit, an der sich seitdem drei Generationen von Sprinterinnen die Zähne ausgebissen haben. Vergeblich.

          Dass „Flo-Jo“ nur 38 Jahre alt wurde, nährte den Verdacht weiter, obwohl sie weder positiv getestet wurde, noch bei der Obduktion Folgeschäden von möglicherweise eingenommenen verbotenen Substanzen festgestellt worden sind. Ihren Fabelweltrekord und ihren frühen Tod hat Ines Geipel, Vorsitzende des Dopingopfer-Hilfe-Vereins und früher selbst Sprinterin in der DDR, jetzt als „absolutes Mahnmal“ bezeichnet. Ohne dass die Mahnung angekommen sei: „Wir haben kein Stück Boden gewonnen, den Sport sauberer zu bekommen.“

          Nichts gibt ihr mehr recht als die Aktualität. Tyson Gay, Asafa Powell, Sherone Simpson - drei Topsprinter des Dopings verdächtig, das ist - zusammen mit den jüngsten Dopingvergehen in der Türkei und den offenkundigen Problemen in Russland - der neueste Beleg dafür, dass die Mentalität, sich auf unlautere Art Vorteile zu verschaffen, ungebrochen ist. Fehlt eigentlich nur noch einer für den GAU. Die Versuchung ist so groß wie eh und je - trotz Kontrollen, Sanktionen bis hin zum Strafrecht, trotz aller Aufklärungsversuche.

          Und mag die Empörung jetzt noch so groß sein - manche sprechen vom schwärzesten Tag seit dem Fall Ben Johnson -, so muss man doch die Frage stellen, ob jemand im Ernst glaubt, dass in einer Sportart, bei der es ähnlich wie im Radsport um Leistungen im absoluten Grenzbereich geht, um schnellen Ruhm, auch um viel Geld, immer alles mit rechten Dingen zugeht. Die Leichtathleten mögen zwar nicht mit der hundertjährigen Doping-Tradition im Radsport mithalten können, aber ihre Historie bietet doch schlechten Stoff genug, um den Zweifel zum Standard zu erheben - selbst wenn längere Zeit nichts passiert.

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          Angefangen von Ben Johnson, er wurde im Gegensatz zu Florence Griffith-Joyner in Seoul überführt, über Linford Christie oder Justin Gatlin - die Liste der namhaften Manipulateure ist lang, von den kleinen Fischen ganz abgesehen. Und der sogenannte Balco-Skandal mit Superstar Marion Jones und Tim Montgomery ist auch erst zehn Jahre her. Zeit genug, um verspielten Kredit zurückzugewinnen? Offenbar lange genug, um zu vergessen. Auch wenn man immer wieder eines Schlechteren belehrt wird.

          Und jetzt setzt sich die unheimliche Reihe fort. Selbstverständlich sind die Verdächtigen noch nicht überführt, noch ist kein Urteil gesprochen, aber der Vertrauensverlust, sofern man denn noch welches gehabt haben sollte, ist auch so immens. Und doch hat diese wie inszeniert wirkende, nahezu zeitgleiche Veröffentlichung von positiven Befunden, die zeitlich und räumlich weit auseinander liegen, eine gute Seite: Der Kampf gegen Doping wird in der Leichtathletik offenbar ernst genommen.

          Keine Bauernopfer, sondern veritable Stars stehen da jetzt am Pranger. Und offenbar gibt es niemanden mehr, der seine schützende Hand über sie hält. Das war nicht immer so. Aber wer hätte in Zeiten, in denen viele Experten die Effektivität der Doping-Kontrollen anzweifeln, gedacht, dass es so einfach sein würde, auf einen Schlag gleich eine ganze Handvoll Jamaikaner zu erwischen? Das macht dann doch ein bisschen Hoffnung - in einem nahezu aussichtslosen Kampf.

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