http://www.faz.net/-gu9-7ecuq

Doping-Kommentar : Melden Sie sich!

Birgit Dressel kann nichts mehr sagen: Die Mehrkämpferin starb 1987 an einem Doping-Cocktail Bild: dpa

Es ist Zeit, die Wahrheit zu sagen. Ehemalige deutsche Doper sollten nun ihr Schweigen brechen und zur Aufklärung beitragen, bevor es zu spät ist. Auch aus Fairness gegenüber den bloßgestellten Kollegen aus dem Osten.

          Wo sind sie geblieben, die Heldinnen und Helden unserer Jugend? Athleten, die mit Elan auf den Olymp stürmten, Begeisterung entzündeten bei Kindern, die ihnen prompt nachliefen und sprangen.

          Einige haben sich in diesen Tagen, vermutlich auf Anfrage, zu Doping in ihrer Zeit geäußert, etwa so: Nämlich nichts gewusst und schon gar nichts gemacht zu haben. Andere wiederholten ihre frühen Geständnisse und Schilderungen der Doping-Realität, als sie jung waren. Nur eine Gruppe schweigt weiter: Spitzensportler, wie sie Hans-Georg Aschenbach (siehe Interview auf dieser Seite) kennt. Menschen, die heute den Preis zahlen für ihre Unbekümmertheit damals, als sie nur den Sieg im Auge hatten; also für ihre Bereitschaft, gefährliche Doping-Mittel eingenommen zu haben. Athleten, die vielleicht ihren vertrauten Trainern wie Ärzten glaubten, der Stoff sei ungefährlich. Er war es nie. Manche Mixtur, das ist keine grausame Phantasie, hat nicht nur den Weg zum Podium, sondern auch zum Grab verkürzt. Doping macht krank.

          Aber selbst wenn der kausale Zusammenhang zwischen einer Krebserkrankung viele Jahre nach Anabolika-Kuren schwer, vielleicht gar nicht zu belegen ist. Das Gefühl, ein Opfer, vielleicht nur seiner selbst zu sein, ist richtig. Es war und ist falsch, seinen Leib mit Doping-Substanzen zu tunen. Und deshalb sollten nun auch Spitzensportler des Westens mit entsprechenden Erfahrungen ihre Stimmen erheben und ihre Enkel warnen: Lasst die Finger davon!

          Bevor es zu spät ist

          Das wäre heldenhaft und trüge dazu bei, vielleicht zu retten, was verloren scheint; zum Beispiel die Fairness als Grundwert des Wettkampfes. Während die Veröffentlichung von Stasi-Dokumenten seit gut zwei Jahrzehnten das Bild vom gläsernen, abgefüllten DDR-Sportler recht genau skizzieren, könnten die ehemaligen Konkurrenten im Westen dieser „Aufarbeitung“ bislang erfolgreich davongelaufen, falls sie ihr Gewissen nicht allzu sehr quälte angesichts Vergleiche wie dieser: „Ich war im Vorlauf eines olympischen Rennens langsamer als meine westdeutsche Konkurrentin und werde als gedopt dargestellt. Sie aber gilt bis heute als sauber und wird gefeiert.“

          Das hat eine erfolgreiche frühere Athletin dieser Zeitung gesagt und vorgeschlagen, gemeinsam Rede und Antwort zu stehen. Dazu ist es bis heute nicht gekommen. Das ist verständlich, weil sehr viel Mut dazu gehört. Aber es lohnt sich, noch einmal ein Risiko einzugehen. Und sei es, andere vor dem eigenen Schicksal zu bewahren. Melden Sie sich! Bevor es zu spät ist.

          Anno Hecker

          Verantwortlicher Redakteur für Sport.

          Folgen:

          Topmeldungen

          Wahlkampf der Demokraten

          Wahlkampf : Mehr Millionen für die Demokraten

          Im amerikanischen Wahlkampf läuft nichts ohne private Spenden. Diesmal haben die Demokraten beim Geldsammeln die Nase vorn. Doch der Enthusiasmus der Kleinspender bedeutet nicht automatisch auch einen Vorsprung bei der Wahl.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.