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Veröffentlicht: 30.07.2013, 11:40 Uhr

Doping-Kommentar Dr. Zabel

Zabels Geständnis bringt den Kampf gegen Doping keinen Millimeter weiter. Dazu hätte er das System erklären, die Struktur schildern, die Beteiligten nennen müssen. Das ist ein großes Risiko. Und dazu ist ja nicht einmal der Staat bereit.

von
© Imago Erik Zabel im Jahr 2007 bei seinem Doping-Geständnis

Was ist es wert, dieses Geständnis von Erik Zabel? Es ist nicht aus freien Stücken entstanden, sondern unter dem Druck einer Veröffentlichung, zum zweiten Mal. Erst zwang ihn der frühere Betreuer und Doping-Verteiler Jeff D’hont, 2007 ein bisschen Manipulation einzuräumen, diesmal die akribische Arbeit des französischen Senats. Nun wissen wir aus seinem Munde, dass der frühere Sprinter nicht nur einmal für ein paar Wochen, sondern jahrelang in bestimmten Phasen intensiv gedopt hat. Aber das ist lange schon keine Überraschung mehr. Das systematische Doping im Team Telekom ab 1995 ist vor Jahren dokumentiert worden.

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Insofern ist der Wert dieser Selbstauskunft begrenzt. Sie hilft vielleicht Zabel, aber den Kampf gegen Doping bringt sie keinen Millimeter weiter. Dazu hätte er das System erklären, die Struktur schildern, die Beteiligten nennen müssen. Stattdessen erweckt er, begleitet von Selbstmitleid, den Eindruck, ein Solist gewesen zu sein, niemals umgeben von Doping-Experten.

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Zabel behauptet ernsthaft, nur hier und da etwas Stoff und Empfehlungen erhalten zu haben. Als hätte er sich die Kanüle zum Eigenblutdoping selbst eingeführt, den gefährlichen Austausch des Lebenssaftes überprüft, die Lagerung kontrolliert, die Epo-Dosierung persönlich ausgerechnet und sich Cortisonspritzen eigenhändig in den Allerwertesten gejagt: Der Sprinter ein Doktor?

Die Veröffentlichung seines Wissens würde reichen, diejenigen ins Visier zu rücken, die mitgewirkt und direkt oder indirekt mitverdient haben. Damit würde das Ausmaß und die Komplexität des Phänomens in seinem damaligen Team aufgedeckt, eine Grundvoraussetzung für einen Weg, den Radsport zumindest von dann bekannten Manipulateuren zu befreien, die Gefahr von Doping zu verringern. Aber so viel Mut, über das eigene Wohlbefinden hinaus zu handeln, also auch seinem Sport zu Diensten zu sein, bringt Zabel dann doch nicht auf.

Zabel, ein Rädchen im System

Doch wer geht schon große Risiken ein im Kampf gegen Doping, also Verschmähung, Isolierung durch die alten Kameraden, vielleicht auch juristische Auseinandersetzungen? Dazu ist ja nicht einmal der Staat bereit, der ständig und überall Sauberkeit fordert. Zumindest hat das Bundesinstitut für Sportwissenschaften (BISp) offenbar kein Interesse, den von ihm und dem Deutschen Olympischen Sportbund in Auftrag gegebenen Forschungsbericht „Doping in Deutschland“ zu veröffentlichen. Nach Angaben einiger Autoren sollen sie nun alleinverantwortlich ihre wahrscheinlich brisanten Erkenntnis zum Doping der Deutschen bis hinein in die Gegenwart der Öffentlichkeit präsentieren.

Im Klartext: Das BISp übernimmt keinen Rechtsschutz, falls die in dem 800 Seiten starken Bericht genannten Doper und Mitwisser Klage erheben sollten. Deshalb droht die mit Steuergeldern finanzierte Aufarbeitung im Archiv zu verschwinden, als gäbe es die Ergebnisse nicht, als seien nie Dokumente gefunden und ausgewertet worden. Wahrscheinlich ist das nicht jedem Funktionär in dieser Republik unangenehm. Aufatmen aber wird niemand können. Stück für Stück, peu à peu werden weitere Details zum Doping in Deutschland ans Tageslicht kommen und Geständnisse erzwingen. Wie bei Zabel, einem Rädchen im System.

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