23.02.2009 · Erwartungen und Zeitdruck sind groß: Eine pauschale Erklärung soll den Konflikt um die Vergangenheit deutscher Trainer im DDR-Sport lösen. Damit arbeitet der Sport daran, die Funktionsfähigkeit seines Höchstleistungsbereichs aufrecht zu erhalten. Keine Kleinigkeit - aber längst nicht genug.
Von Michael ReinschWas in zwanzig Jahren deutscher Einheit nicht gelang, ist jetzt im Werden: eine Erklärung, die Trainer davor schützen soll, von ihrer Vergangenheit im DDR-Sport eingeholt zu werden. Der Fall Goldmann macht die Zauberformel notwendig (siehe: Spezial zum Fall Goldmann: Versagen der Athleten).
Alle Trainer, die im DDR-Sport tätig waren und zur deutschen Olympiamannschaft von Peking gehörten, erklärten im Sommer 2008, dass sie niemals gedopt hätten. Das ist zwar absurd - schließlich ist das staatlich und zentral angeordnete Doping im DDR-Sport gut dokumentiert und publiziert. Trotzdem unterschrieben selbst diejenigen, die in den Namensregistern der Doping-Dokumente zu finden waren.
Die Ungerechtigkeit liegt auf der Hand
Sie, die Verbände und der Staat, der die Reise finanzierte, glaubten sich so auf der sicheren Seite. Und dann erinnerte sich, im Fernsehen, ein ehemaliger Athlet daran, dass er als Jugendlicher Dopingmittel von Werner Goldmann bekommen hatte. Der Trainer verlor seine Arbeit, Weltmeisterschafts-Favorit Robert Harting verlor seinen Trainer.
Die Ungerechtigkeit liegt auf der Hand: Goldmann hat seit nun fast zwanzig Jahren im vereinten Deutschland gearbeitet, ohne sich etwas zu Schulden kommen zu lassen (siehe: Fall Goldmann: Sie wollen reden - aber nicht vor Gericht). Es dürfte weitgehend Zufall gewesen sein, dass sich ein Zeuge fand, der ausgerechnet ihn belastete und nicht einen anderen Trainer aus dem Dopingsystem der DDR. Und nicht zuletzt wird nun auch öffentlich immer deutlicher, dass auch eine Vergangenheit im westdeutschen Sport die Verstrickung in Doping bedeuten kann (siehe: Die westdeutsche Vergangenheit: Doper, vereint Euch).
Eine pauschale Erklärung soll die Lösung bringen
Die goldene Brücke zurück zu einer Anstellung, die Goldmann zu beschreiten sich hartnäckig weigerte, besteht aus einem Eingeständnis und einem überzeugenden Wort des Bedauerns. Dem standen der Corpsgeist der DDR-Trainer entgegen und deren Sorge, mit einem Geständnis ihre Athleten von einst als Doper zu desavouieren.
Nun soll eine pauschale Erklärung, die von einigen Leichtathletik-Trainern kommt, die Lösung bringen. Noch sind die Formulierungen unbekannt, doch die Erwartungen sind ebenso groß wie der Zeitdruck. Die Leichtathletik-Weltmeisterschaft steht vor der Tür. Geht die Formel auf, die Trainer mit einem pauschalen Schuldeingeständnis individuell zu schützen, wird sie auch für Trainer von Nutzen sein, die bei den Olympischen Spielen im nächsten Winter in Vancouver die deutsche Mannschaft wieder zur Nummer eins machen sollen.
Das ist keine Aufarbeitung
Rechtsfrieden und Planungssicherheit sind viel wert. Doch wird es reichen, darauf zu achten, dass nicht auch westdeutsche Dopingtrainer sich mit dieser Erklärung aus der Anonymität in die Unangreifbarkeit retten? Was der Sport derzeit tut, ist keine Aufarbeitung. Er arbeitet daran, die Funktionsfähigkeit seines Höchstleistungsbereichs aufrecht zu erhalten. Das ist keine Kleinigkeit. Aber gemessen daran, dass Erfolg nicht jeden Preis kosten darf, längst nicht genug.