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Doping-Kommentar Die Serienlügner fliegen auf

Dass die neunziger Jahre eine düstere Doping-Epoche waren, ist bekannt. Diese theoretische Erkenntnis wird nun mit praktischen Gesichtern verbunden. Bestraft wird aber keiner. Und Hoffnung auf einen sauberen Profiradsport gibt es auch nicht.

© picture-alliance / dpa Vergrößern Erik Zabel, Marco Pantani und Jan Ullrich (von links) bei der Tour 1998

Die neunziger Jahre waren eine düstere Doping-Epoche: Serienweise fielen Profis tot vom Rad, weil noch niemand wusste, wie man die Einnahme des Nieren-Medikaments Erythropoietin regulieren sollte. Sie erlitten Thrombosen, es wurde berichtet, dass das Blut der Rennfahrer sich zum Teil so verdickte, dass sie sich nachts wecken ließen und aus lauter Verzweiflung auf den Kopf stellten, um ihren Lebenssaft weiter zirkulieren zu lassen. Aber sie nahmen das Todesmittel trotzdem weiter, weil es sie schneller machte.

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Wer also aus dem Bericht, den die Untersuchungskommission des französischen Senats über das Epo-Doping bei der Tour de France 1998 und 1999 veröffentlicht hat, etwas Neues über die Mentalität von Radprofis erfahren hat, der hat all die Jahre nicht aufgepasst. Genommen wurde immer, was die Leistung steigert. Doch diese theoretische Erkenntnis wird nun mit praktischen Gesichtern verbunden.

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Es gibt handfeste Belege für die alten Verdachtsmomente: Zum Beispiel, dass Erik Zabel im Jahr 2007 lediglich Krokodilstränen weinte, als er zugab, 1996 gerade einmal eine Woche lang Epo genommen und nicht vertragen zu haben. Seinen Namen auf der verschlüsselten Liste der Epo-Sünder haben die französischen Medien ebenso aufgedeckt wie den von Jan Ullrich, der erst kürzlich Blutdoping beim spanischen Berufsmanipulateur Eufemiano Fuentes zugeben hatte, mehr nicht. Wer geneigt ist, Unschuldbeteuerungen von sympathischen Leuten zu glauben, muss sich spätestens jetzt von seinen Illusionen verabschieden. Wer die Welt so sehen will, wie sie ist, sagt jetzt: Siehste.

Wie die Radrennfahrer wohl all die Jahre mit ihrem Geheimnis gelebt haben? Und mit der Wurmstichigkeit ihrer Teilgeständnisse? Wahrscheinlich besser, als man als Außenstehender glaubt. Offensichtlich hat es ja nur derjenige zu Rang und Namen gebracht, der zu den bösen Buben zählt. Die Liste, die sich im Lauf des Mittwochs immer mehr vervollständigte, könnte man genau so gut als ein „Who‘s Who“ der damaligen Radsport-Epoche lesen: Natürlich gehört auch Pantani dazu. Laurent Jalabert. Mario Cipollini. Abraham Olano. Dass der große Patron Lance Armstrong nicht dazu gehört, liegt daran, dass er 1998 nicht am Start war. 1999 war er sechsmal positiv.

Erik Zabel ( Team Milram ) traurig   bei einer Pressekonferenz zum Thema... © picture-alliance / Rolf Kosecki Vergrößern Erik Zabel weinte 2007 Krokodilstränen, als er zugab, 1996 gerade einmal eine Woche lang Epo genommen und nicht vertragen zu haben

Bestraft wird keiner von ihnen, denn die Proben, die erst 2004 nach-analysiert wurden, lassen keinen Gegen-Check mehr zu. Der wäre aber für eine Verurteilung nötig. Überhaupt waren diese Proben lediglich zu Forschungszwecken aufgehoben worden, eigentlich sollten sie anonym bleiben. Der Franzose Jacky Durand, auch er ein Epo-Sünder von damals, erklärt jetzt, sie hätten sich 1998 alle zu dieser Maßnahme bereit erklärt, um bei der raschen Entwicklung eines Epo-Tests behilflich zu sein. Damit die Wissenschaft ihnen die Verantwortung abnehmen konnte, für die sie selbst nicht genug Charakter hatten.

Der Mechanismus ist immer der gleiche, in jeder Doping-Epoche. Es gab im Profi-Radsport die Phase der Strychnin-Toten, der Anabolika-Toten und der Epo-Toten. Heute muss der Radsport erkennen, dass die Zeit weitergegangen ist, dass die Öffentlichkeit und damit auch mögliche Sponsoren die mehr als hundert Jahre alte Lebenslüge dieses Sports nicht mehr akzeptieren wollen. Darum wird nun von neuen Rennfahrern die Epoche der Sauberkeit ausgerufen. Doch so lange es Dopingmittel gibt, die nicht nachweisbar sind, so lange man Tests umgehen und verfälschen kann, wird wohl kaum jemand den Epigonen der Serienlügner von der Zweirad-Fraktion glauben. Sauberen Profiradsport gab es noch nie. Und es wird ihn auch nie geben.

Quelle: F.A.Z.

 
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Veröffentlicht: 25.07.2013, 11:37 Uhr

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