Home
http://www.faz.net/-gua-157nu
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Doping-Kommentar Der Buhmann schlägt zurück

04.03.2009 ·  Wird Dwain Chambers der einzige britische Sportstar bleiben, der plötzlich wusste, dass er sich mit Doping selbst ruiniert hatte? Der Sprinter hat Enthüllungen angekündigt. Vor dem Hintergrund von London 2012 ist der Empörungs- und Abwehrapparat ibereits angesprungen.

Von Evi Simeoni
Artikel Bilder (1) Lesermeinungen (0)

Wird Dwain Chambers der einzige britische Sportstar bleiben, der an einem traurigen Weihnachtsabend in seinem Badezimmer saß und das Gefühl hatte, alles ist zu Ende? Damals schaute der muskelbepackte Sportler sich selbst an und wusste plötzlich, dass er sich ruiniert hatte.

Und das für etwas so Ungreifbares wie eine Zehntelsekunde. So viel wurde er schneller über 100 Meter, nachdem er sich an die Leistungsscharlatane verkauft und zum Hormon-Junkie gemacht hatte. Da saß er nun, in seiner Nasszelle, und wusste weder aus noch ein.

Chambers ist frei, um reinen Tisch zu machen

Das ist ein paar Jahre her. Seitdem wurde Chambers des Dopings überführt, hat eine Sperre abgesessen, eine Karriere als Footballspieler angefangen und wieder aufgehört, ist auf die Laufbahn zurückgekehrt, hat vergeblich versucht, seine Olympiateilnahme zu erstreiten, wird aber am Wochenende bei den Hallen-Europameisterschaften in Turin als Favorit über 60 Meter starten.

Chambers ist nicht nur pleite, sondern hoch verschuldet, weil er eine erhebliche Summe an Preisgeldern hat zurückzahlen müssen. Aber er ist nun frei, um reinen Tisch zu machen. Sein Buch „Race Against Me“ ist das Ergebnis. Es erscheint häppchenweise in einer britischen Zeitung und kommt am Montag am Stück auf den Markt.

Müssen Lord Coe und Kelly Holmes traurige Bilanz ziehen?

Wer also, fragt man sich jetzt nicht nur in britischen Sportkreisen, wird als nächstes zu Hause auf dem Rand seiner Badewanne sitzen und eine traurige Bilanz seines bisherigen Lebens ziehen müssen? Oh Lord, stöhnen die Organisatoren der Olympischen Spiele von London 2012, es wird doch nicht Sebastian Coe sein, ihr Chef, der zweifache Olympiasieger, Vizepräsident des Internationalen Leichtathletikverbandes, Symbolfigur für die menschlichen Qualitäten erfolgreicher Athleten, geadelter Saubermann? Oder Kelly Holmes, ebenfalls zweifache Olympiasiegerin und Befürworterin drakonischer Dopingstrafen? Enthüllungen über beide hat der nicht mehr zu bändigende Buhmann angekündigt.

Der Empörungs- und Abwehrapparat ist bereits angesprungen

Was Christine Ohuruogu betrifft, die Goldmedaillengewinnerin von Peking über 400 Meter, hat Chambers bereits zugeschlagen. Miss O. hatte dreimal eine Dopingkontrolle versäumt und war für ein Jahr gesperrt worden, was in England eigentlich einen lebenslangen Olympia-Ausschluss nach sich zieht. Sie durfte trotzdem in Peking starten und das ersehnte Gold für England holen, weil man ihr die Sache als Lapsus verzieh. „Ein Athlet, der drei Tests verpasst, muss sehr naiv sein oder hat etwas zu verstecken“, schreibt jetzt Dopingfachmann Chambers.

Obwohl Chambers Einschätzung nicht über das Vermutungsstadium hinausgeht, ist der Empörungs- und Abwehrapparat bereits angesprungen. Der britische Verband prüft, ob Chambers die „Verhaltensregeln“ gebrochen hat. Und sonst? Beginnt nun in der britischen Kapitale auch noch das olympische Heulen und Zähneklappern? Oder haben die Sporterfinder auf der Insel ein reines Gewissen?

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen

Jahrgang 1958, Sportredakteurin.

Jüngste Beiträge

Stürmer in der Defensive

Von Michael Ashelm

Die Anforderungen an Angreifer haben sich stark verändert – und damit die Auswahl des Personals. Der Stürmertyp, der vorne wartet, bis er bedient wird, stirbt aus. Mehr 1