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Doping-Kommentar : Korruption wird zum Geschäftsmodell

IOC-Präsident Thomas Bach. Bild: AP

Es wird wohl nicht zu einem Ausschluss der russischen Mannschaft von den Spielen in Pyeongchang kommen. Stattdessen rückt die Bezahlung des Sündenfalls in den Mittelpunkt. Doping ist ein Geschäft.

          Eigentlich sollte der Ablass Geschichte sein. Im Sport steht er vor einer gewaltigen Renaissance. Das suggerieren ernstzunehmende Diskussionen im Umfeld des Internationalen Olympischen Komitees (IOC), wie denn nun das Problem Russland so kurz vor den Winterspielen in Südkorea zu lösen sei. Zwar will die russische Ermittlungsbehörde gerade festgestellt haben, dass es nie und nimmer ein Staats-Doping vor den Winterspielen in Sotschi 2014 gegeben habe. Aber das gehört wohl zum Gefecht – um den Preis zu drücken.

          Obwohl der Architekt des Betrugs, der Kronzeuge en Detail ausgepackt hat, obwohl der Berichterstatter der Welt-Anti-Doping-Agentur die Systematik bestätigte und der hartgesottene, jedes Wort wägende IOC-Präsident und Jurist Thomas Bach angesichts des Berichtes erschrak und „Wut“ empfand, wird es nicht zu einem Ausschluss der russischen Mannschaft von den Spielen in Pyeongchang kommen. Vielleicht reicht es nicht mal zu einer symbolischen Aussperrung, etwa mit einem Verzicht auf Fahne und Hymne. Stattdessen rückt die Bezahlung des Sündenfalls mit Banknoten mehr und mehr in den Mittelpunkt. Es ist letztlich das ehrlichste Angebot in dieser Diskussion. Doping ist ein Geschäft.

          Das kolportierte Bußgeld von 100 Millionen Euro erscheint zwei deutschen Ökonomen unangemessen niedrig. Eine Milliarde wäre gerade so angemessen. Beide führen eher ungewollt vor Augen, wie zynisch der Weltsport auf das reagiert, was ihn, glaubt man Null-Toleranz-Erklärungen und pathetischen Kampfparolen von Funktionären, angeblich zerstört. Dabei vernichtet Doping nicht das Leistungssportsystem. Im Gegenteil. Ein Makroökonom hat an dieser Stelle plausibel vorgerechnet, wie einträglich die Sportwelt von Doping lebt. Angefangen vom Athleten, über die Trainer, Funktionäre, Politiker, Medien bis hin zu Staatslenkern und damit ihren Staaten.

          Immerhin gelingt es DDR-Nostalgikern, auch 28 Jahre nach dem Fall der Mauer an diesem 9. November mit der Fabel vom sauberen Sportwunder des SED-Deutschlands die Sinne kluger Zeitgenossen zu vernebeln. So wie Westdeutsche bis heute glauben, manch goldene Zeit der Sommerspiele von München 1972 und folgender seien ein Erfolg des Trimm-dich-Pfades. Die Lebenswirklichkeit erzählt von Beförderungen, staatlicher Absicherung, Verträgen, Prämien und Vertuschungsszenarien.

          Geld für Gold ist das Geschäftsmodell. 2012 ließ der Präsident des Internationalen Leichtathletik-Verbandes Lamine Diack die positiv getestete russische Marathonläuferin Lilija Schobuchowa gegen Zahlung von 500.000 Dollar an den Olympischen Spielen teilnehmen. Dürfte sich nun die russische Mannschaft rauskaufen, dann müsste diese These ans Tor genagelt werden: Diack ist jetzt hoffähig.

          Eine Reformation würde sie nicht auslösen, nicht mal eine Abschreckung. Im Gegenteil. Staats-Doping ließe sich von der Steuer absetzen, also von der Allgemeinheit bezahlen. Vielleicht verringerte sich dadurch die Gerechtigkeitslücke zwischen reichen und armen Staats-Dopern, insofern die Sport-Richter das Brutto-Nationaleinkommen zur Grundlage ihrer Bußgeldbestimmung machten. Die Russen eine Milliarde, die Lummerländer 100 Euro? Ändern würde sich nichts. Der Weg zur Geldstrafe ist gesäumt von Grabkreuzen ehemaliger Gedopter im besten Alter. Auf Dauer fressen Anabolika nicht nur die Siege, sondern auch Leib und Seele auf. Der Ablass stabilisiert das System.

          Anno Hecker

          Verantwortlicher Redakteur für Sport.

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