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Doping in den Siebzigern : Rezepte vom Guru

Ein Appetitzügler mit Aufputschwirkung: Der Radsportler Schulze bewahrte die Gabe von Klümper auf Bild: Meutgens

Was die vielbeachtete Studie zum Doping in der Bundesrepublik nicht aufdecken konnte, ist nun belegt: Der Plan eines systematischen Dopings im Bund Deutscher Radfahrer. Im Zentrum: Armin Klümper.

          Systembetreuung der Bahnradfahrer“ steht über dem „Erfahrungsbericht“. Ein Jahr lang hat Armin Klümper Antworten gesammelt. 1976 war der Humanmediziner als Verbandsarzt der Erste im Bund Deutscher Radfahrer (BDR), dem eine organisierte medizinische Betreuung von Spitzensportlern vorschwebte. Klümper schrieb dazu einen „Grundplan“ für das Training. Eine Anleitung für die Herren, was sie einnehmen sollten vor und nach dem Kurbeln. Er machte sich daheim in Freiburg die Mühe, den Athleten, einige sollen zu den Olympischen Spielen 1976 in Montreal fahren, alles fein säuberlich vorzuschreiben: Wann die vielen Vitamine, die Trinkampullen und - eben auch - Anabolika zu nutzen seien. Die waren damals schon im Sport verboten. Aber niemand versuchte ernsthaft, das Verbot durchzusetzen.

          Anno Hecker

          Verantwortlicher Redakteur für Sport.

          Klümpers Gedanken überraschen nicht mehr. Wer sich mit der Doping-Geschichte der Bundesrepublik beschäftigt hat, weißdavon. Und dass Klümper über Jahrzehnte der Guru der westdeutschen Spitzensportler war. Alle sind sie zu ihm gerannt, Olympiasieger, Spitzenfunktionäre, Politiker. Viele halten ihn noch heute für einen Wunderheiler. Über seinen offensiven Umgang mit Doping-Mitteln wurde längst berichtet.

          Deutsche Radsportler bei den Olympischen Spielen von 1976: Dokumente belegen ärztliche Pläne, die Athleten systematisch zu dopen
          Deutsche Radsportler bei den Olympischen Spielen von 1976: Dokumente belegen ärztliche Pläne, die Athleten systematisch zu dopen : Bild: picture-alliance / dpa

          Wenn vom Tod der Siebenkämpferin Birgit Dressel 1987, vollgestopft mit Medikamenten, gesprochen wird, fällt der Name Klümper. (Er behauptete, es gäbe keinen Zusammenhang.) Aber niemand hat jemals behaupten können, Klümper habe Athleten eines ganzen Sportverbandes systematisch mit Plänen zu Doping versorgen wollen. Die der F.A.Z. vorliegenden Dokumente (nicht alle sind abgebildet) lassen allerdings kaum Zweifel: Erstmals belegen die Papiere einen „systematischen“ Doping-Plan in einem Fachverband des organisierten westdeutschen Sports.

          Klümper will nichts sagen

          Wir hätten Klümper gerne dazu befragt. Aber der inzwischen 78 Jahre alte Mediziner lebt seit 1998 in Südafrika, wie untergetaucht. Kaum jemand kommt an ihn ran. Er will keine Interviews mehr zum Thema Doping geben. Ein Fax mit zwanzig Fragen zu seiner Arbeit an einen Anschluss, unter dem er noch vor kurzem zu erreichen war, ist trotz mehrmaliger Versuche an verschiedenen Tagen nicht durchgegangen. Angebliche Kontaktmänner reagieren zunächst nicht auf Anfragen oder sehen sich außer Stande, zu helfen.

          Im Grunde aber hat Klümper schon damals in seinem „Erfahrungsbericht über 1 Jahr Systembetreuung der Bahnradfahrer“ sein Handeln begründet: „Trotz jahrelanger Bemühungen seitens der Sportärzte im BDR einschließlich permanenter Fortbildung der Trainer und Athleten mit Hilfe der einschlägigen Literatur und sogar eigenem Ernährungsbuch für den BDR gelang es auch hier nicht, zu verbindlicher Systematisierung zu kommen“, schreibt Klümper 1976 und folgert: „1975 wurden den Athleten der Straße und der Bahn deshalb konkrete Vorschläge gemacht.“ Also allen, dem gesamten Kader des BDR, für den ein Verbandsarzt zuständig ist.

          Klümper plante die Aufbau-, die Vorbereitungs- und die Wettkampfphase: „Die Athleten der Kadergruppen erhielten alle gleiche Rezepte oder direkt Medikamente.“Darunter auch Deca-Durabolin, wie in der Abbildung zu erkennen ist und Megagrisevit, zwei Anabolika. Sie sind in Klümpers „Grundplan“ und im „Rennprogramm“ aufgeführt. Seine Angaben zeigen, wann sie idealerweise einzusetzen sind: Im Olympiajahr 1976 von Februar „bis Montreal“, die ganze Saison unter Stoff.

          Stoff aus Freiburg: „Das wurde kistenweise von Dr. Klümper ins Leistungszentrum Büttgen geschickt“, sagt der frühere Radsportarzt Raken zum Anabolikum. Das abgebildete Präparat stammt aus dem Nachlass eines Landestrainers.
          Stoff aus Freiburg: „Das wurde kistenweise von Dr. Klümper ins Leistungszentrum Büttgen geschickt“, sagt der frühere Radsportarzt Raken zum Anabolikum. Das abgebildete Präparat stammt aus dem Nachlass eines Landestrainers. : Bild: Meutgens

          Klümper, so erklärte er in seinem Erfahrungsbericht, sah sich nicht als Doper, sondern als heilender Freund und Beschützer der Sportler. Er glaubte, das freie Spiel der Doping-Kräfte einfangen zu können. „Fast alle Bahnfahrer haben Erfahrung mit (...) Kombinationspräparaten mit anabolen Substanzen wie Megagrisevit. Im Wesentlichen werden sie nicht regelmäßig, sondern periodisiert oder gezielt vor wichtigen Rennen angewendet. Über die Verwendung der Anabolika, Möglichkeiten und Effektivität herrscht weitgehend Unklarheit oder Verwirrung.“

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