„Wie man Doping aus dem Sport herausbekommt“ - so hat Jonathan Vaughters einen Artikel in der „New York Times“ überschrieben. Große Worte von einem, der im internationalen Radsport zur Prominenz zählt, einst mit Lance Armstrong in einem Team fuhr und heute das ProTeam Garmin-Sharp finanziert und als Teammanager leitet. Seit 2009 ist Vaughters Präsident der Vereinigung der Teambetreiber, seit Jahren arbeitet er am Image des Saubermannes. Sein Text hat in der Radsportwelt für Aufsehen gesorgt. Vaughters gesteht, während seiner aktiven Zeit gedopt zu haben.
Es ist eine schöne Geschichte, die der Amerikaner erzählt. Eine Geschichte vom Leben auf dem Rennrad schon während seiner Schulzeit. Von 30-Meilen-Ausfahrten frühmorgens im dunklen Colorado. Von den Träumen, die dabei in seinem Kopf umherschwirrten und ihn seine Bestimmung finden ließen: Rennradprofi wollte er werden, nach Europa, zur Tour de France. Er wollte hinauf auf die größten Pässe, zu den größten Erfolgen, nichts würde ihn davon abhalten, keine Arbeit, keine Leiden, keine Opfer, nichts.
20.000 Meilen sei er im Jahr auf der Rennmaschine gesessen, zehn Jahre lang, seine Freunde habe er verloren, und als die anderen aufs College gegangen seien, habe er ohne Warmwasser in einem Kabuff in Spanien gelebt, in der Hoffnung, seine Träume ins Leben zu zwingen. Dann wurde er Profi. Und immer besser. „An diesem Punkt ist der Traum zu 98 Prozent erreicht, aber es fehlt immer noch das letzte Bisschen“, schreibt Vaughters. Den Unterschied zwischen Platz eins und hundert würden diese zwei Prozent in der Gesamtwertung der Tour de France bedeuten. „Und dann sagt dir dein Trainer, oder der Chef persönlich dass du es nicht schaffen wirst, ohne zu betrügen, ohne zu dopen.“
Nur Doping hält den Kindertraum am Leben
Und dann verstündest du: Nur Doping halte den Kindertraum am Leben, auch wenn man alle belügen müsse, die Mutter, die Freunde, die Fans, die ganze Welt. Aber man habe keine Wahl gehabt, wenn man seinen Traum weiterleben wollte. „Wenn du nein gesagt hast, als die Anti-Doping-Vorschriften nicht durchgesetzt wurden, hast du dich entschieden, deinen Traum zu beenden, weil du nicht konkurrenzfähig warst.“
Hannes Blank ist nach dem Abitur vier Jahre lang als Profi in Continental Teams gefahren. Dann hat der 29 Jahre alte Hesse aufgehört, heute studiert er Russisch und Polnisch, in Heidelberg, demnächst in Moskau, heute sitzt er nur noch zum Spaß auf dem Rennrad. Wenn man ihn nach den Besten der Besten im Peloton fragt, so antwortet er mit Hochachtung: Eine erlesene Auswahl sei das, auch ungedopt, Fahrer mit unglaublich viel Talent.
Zu Vaughters These sagt er dies: „Wenn man nicht gut genug ist, um dazuzugehören, ist das kein gestohlener Traum, sondern eine Tatsache, die das Leben mit sich bringt. Ich kann nicht Rad fahren wie Bradley Wiggins, aber ich kann auch nicht rechnen wie Albert Einstein, rennen wie Usain Bolt oder zehn verschiedene Sprachen sprechen wie mein Professor.“
Es gebe für keinen Rennfahrer nur die eine Möglichkeit im Leben, nur den einen Beruf. Wer das behaupte und mit dem Argument komme, er könne nichts anderes, er könne nicht anders, der habe Probleme - die aber vor allem abseits des Sports lägen. „Wenn Vaughters behauptet, er habe dopen müssen, kann ich ihm das bei seiner Intelligenz nicht abnehmen“, sagt Blank.
Wie sich Wahrheiten erzählen lassen, Geständnisse machen
Er habe es gehasst zu betrügen, schreibt Vaughters, aber er sei ehrgeizig gewesen. Ehrgeizig in einer Welt, in der die Regeln nicht durchgesetzt worden seien. Und deshalb habe er es sich als Teamchef jetzt zur Lebensaufgabe gemacht „zu helfen, die richtige Wahl zu einer realistischen Möglichkeit zu machen“. Die jungen Fahrer müssten wissen, dass sie eine faire Chance haben, wenn sie sauber fahren. Deshalb müsse der Anti-Doping-Kampf „sogar noch verstärkt“ werden, obwohl er schon „tausend Prozent besser“ sei als zu seiner aktiven Zeit und heute auch saubere Fahrer gewinnen könnten.
Es ist eine glänzend geschriebene Geschichte, sehr schön. Aber ist sie auch wahr? Kann heute ein Fahrer wirklich große Rennen gewinnen ohne Doping? Und ist Vaughters der edle Retter des Radsports oder doch nur ein geschickter Retter der eigenen Haut? Einer aus der Szene, die immer nur zugibt, was nicht mehr zu leugnen ist, einer, der mit einer raffinierten Strategie in die Opferrolle schlüpft? Vaughters, einer der einflussreichen Köpfe des Profiradsports, zerstreut die Zweifel nicht, im Gegenteil, sein Text ist ein Lehrstück dafür, wie es im Radsport zugeht, wie sich Wahrheiten erzählen lassen, Geständnisse machen, ohne das Entscheidende zu sagen, ohne das System aufzudecken. Selten hat das jemand rhetorisch so geschickt gemacht wie der 39 Jahre alte Amerikaner.
Vaughters räumt Doping ein, ja, aber zum genehmen Zeitpunkt, nach der Verjährungsfrist. Er nennt keine Namen, keine Teams, keine Ärzte, keine Hintermänner, keine Lieferanten, keine Doping-Praktiken, keine Medikamente. Er riskiert nichts, und deshalb gehört kein Mut zu seiner Art des Geständnisses. Er kommt fein heraus aus der ganzen Geschichte. Er stilisiert sich als Opfer, gewandelt, geläutert und bereit zum Kampf für eine saubere Zukunft. Aber die Wahrheit ist: Auch Vaughters hält den Laden zusammen, weil er das System noch immer schützt.
Auch der Zeitpunkt seines Geständnisses ist kein Zufall. Vaughters schwimmt im Schatten des aufsehenerregenden Verfahrens der amerikanischen Anti-Doping-Agentur Usada gegen Armstrong und seinen Teamchefkollegen Johan Bruyneel. Vielleicht, das ist Hoffnung und Chance zugleich, muss er in diesem Verfahren Farbe bekennen. Ob er dann gegen seinen alten Patron aussagen wird, das ist die spannende Frage. Seine Aussage hätte Gewicht, sie würde Armstrong treffen. Solange sich Vaughters aber dort, wo es ans Eingemachte geht, dem Gesetz des Schweigens unterwirft, taugt er nicht zum Anwalt des Guten im Radsport. So lange ist er Teil des alten Systems, das in die Gegenwart ragt.
Typisch auch Vaughters Blick auf diese Gegenwart, der verdächtig wohlwollend ist. Niemand wird bezweifeln, dass der Antidoping-Kampf im Straßenradsport Fortschritte gemacht hat, aber hat nicht gerade Alexander Winokurow, der Kasache mit der üblen Doping-Vergangenheit, Gold bei Olympia gewonnen? Soll das die neue Zeit sein, der neue Radsport?
Vaughters hat eine Chance verpasst, wie so viele vor ihm. Was der Radsport braucht, sind keine schönen Geschichten, wie er sie erzählt. Was er braucht, ist Klartext. Machen wir endlich klar Schiff, hätte Vaughters schreiben sollen. Nennen wir alles und alle beim Namen! Fahrer, Teamchefs, Ärzte, Doping-Mittel, Doping-Praktiken. Nennen wir Winokurow einen unwürdigen Olympiasieger! Lassen wir die Großen nicht mehr laufen! Verabschieden wir die alte Garde, egal ob sie auf dem Rennrad sitzt oder, im Begleitwagen!
So hätte Vaughters zwar auch nicht das Doping aus dem Radsport herausbekommen, aber er hätte zumindest an den Strukturen gerüttelt, die es stützen und noch immer antreiben, allen Anstrengungen der Doping-Jäger zum Trotz.
Recht hat er
Thorsten Seßler (those1)
- 25.08.2012, 00:51 Uhr
Die entscheidende Passage:
Klaus-Dieter Berger (kinnas)
- 20.08.2012, 14:28 Uhr
Ja wäre eine gute Gelgenheit gewesen.
Peter Schneider (meincoach)
- 20.08.2012, 12:13 Uhr