27.05.2007 · Warum beteiligen sich Mediziner an gefährlichen bis kriminellen Mechanismen des Spitzensports? Manche sagen, sie wollten das Schlimmste verhindern. Doch zuviel ärztliche Betreuung kann auch tödlich sein. Ein Kommentar von Jörg Hahn.
Von Jörg HahnEs gibt den sarkastischen Satz, dass selbst der gesund wirkende Hochleistungssportler ein sehr kranker Mensch sei. Wohl wahr. Immer detailreicher wird der internationale Radsport der neunziger Jahre als ärztlich überwachtes Drogenprogramm geschildert, zuletzt von Bjarne Riis.
Der Däne hat - als erster Sieger der Tour de France, die er 1996 gewann - seine Dopingvergangenheit eingestanden. Besser: Er hat sie mit der Attitüde eines Buchhalters bilanziert. Auf die Emotionen der Öffentlichkeit bei diesem Thema reagierte Riis höchst befremdet. Sollte es seine Absicht gewesen sein, die für den damaligen Bonner Profiradrennstall Team Telekom tätigen Sportmediziner von der Universitätsklinik Freiburg zu exkulpieren, so ist das grandios gescheitert. Es tue ihm leid, sagte Riis, dass diese Ärzte nun bloßgestellt würden. Seien sie doch dafür zuständig gewesen, auf die Gesundheit der Radprofis zu achten und darauf, dass bestimmte Dinge nicht überhandnähmen. Die Ärzte haben sich damit nicht etwa in einer Grauzone bewegt, sondern sind Teil der Dopingszene gewesen. (Siehe auch: Doping-Affäre: Der Nachwuchs bekam Testosteron)
Notfallmedikamente für Schockpatienten
Es ist vielfach belegt, dass nicht nur im Radsport und nicht nur von den beiden fristlos entlassenen Freiburger Ärzten nach dem Muster gehandelt worden ist, die Versorgung mit Medikamenten lieber selbst sicherzustellen, bevor es ein Athlet, Trainer oder Betreuer unsachgemäß in die Hand nimmt. Dabei hat es sich nicht in allen Fällen um Präparate oder Wirkstoffe von der Dopingliste gehandelt, aber zumindest um Mittel, die nicht gedacht sind für gesunde Menschen, wie etwa Blutplasmaexpander, Notfallmedikamente für Schockpatienten. Sie haben den nützlichen Effekt, Epo-Missbrauch zu verschleiern und gleichzeitig dessen lebensbedrohliche Nebenwirkungen zu mindern.
Inzwischen ist die Verbotsliste um solche Mittel und um bestimmte Methoden der Blutbehandlung (Austausch, Bestrahlung, Anreicherung) erweitert worden. Gerne würde man wissen, ob einen der Ärzte jemals zumindest ein mulmiges Gefühl oder gar ein schlechtes Gewissen beschlichen hat - oder ob sich alle immer damit beruhigen konnten, ja nur jeweils genau so weit zu gehen, wie es medizinisch vertretbar ist oder es die gerade aktuelle Dopingliste ermöglicht?
Was treibt Ärzte?
Der Arzt im Spitzensport hat vor der Verabreichung von Medikamenten oder Wirkstoffen zwei Fragen zu beantworten: Sind sie verboten? Sind sie gesundheitsschädigend? Tatsächlich aber zeigt die Historie, dass die Problemstellung auch ganz anders angegangen worden ist, nämlich so: Sind die Mittel bei Dopingkontrollen zu entdecken? Sind die Risiken unter fachlicher Aufsicht beherrschbar?
Was treibt Ärzte, sich zu beteiligen an gefährlichen bis kriminellen Mechanismen des Spitzensports? Sie mögen glauben, unter ihrem Einfluss lasse sich das Schlimmste verhindern. Doch dass sie daran teilhaben können, Sieger zu formen und Titel zu feiern, dass sie persönlich Aufmerksamkeit gewinnen und materielle Vorteile erzielen können, wenn die von ihnen behandelten Sportler und Mannschaften triumphieren, das ist auch als Triebfeder zu sehen. Auftritte im Fernsehen, Reisen zu Olympischen Spielen und Weltmeisterschaften, lukrative Nebeneinkünfte, die aus der Prominenz erwachsen - wer die finanziellen Zwänge des Gesundheitssystems kennt, dürfte die oft verschwenderischen Möglichkeiten des Spitzensports zu schätzen wissen. Ist deshalb noch nie ein Arzt aufgestanden und ausgestiegen, hat die Betreuung von Sportlern abgelehnt und die Methoden öffentlich gemacht? Das wäre die richtige Konsequenz und die notwendige Mahnung gewesen. Sollte sich je ein Mediziner zurückgezogen haben, so hat er dies still und leise getan. Ärztliche Schweigepflicht?
Mit Medikamenten vollgepumpt
Eher das Gesetz des Schweigens in einem korrupten, konspirativen System. Der Tübinger Sportwissenschaftler Helmut Digel, auch ein erfahrener internationaler Sportfunktionär, bemängelt, dass mehr als zwei Jahrzehnte lang die Rolle der Freiburger Sportmedizin für den deutschen Sport nicht hinterfragt worden sei. Man habe eine sträfliche Laisser-faire-Haltung toleriert. Und Digel zieht den Bogen noch weiter: Der nonchalante Umgang mit Doping sei ein Problem vieler Sportmediziner und des gesamten Hochleistungssports.
Birgit Dressel, Siebenkämpferin aus Mainz, starb vor genau 20 Jahren an einem "komplexen, toxisch-allergischen Geschehen", einer Vergiftung mit Medikamenten, darunter auch Dopingmittel. Sie wurde nicht Opfer eigenmächtigen Dopings oder Medikamentenmissbrauchs, klagt der Sportwissenschaftler Andreas Singler als einer ihrer Mainzer Wegbegleiter an, sondern sie war gerade unter ärztlicher Aufsicht mit Medikamenten vollgepumpt worden. Sie starb nicht an zu wenig ärztlicher Betreuung, sondern an zu viel.
Doping ist vorsätzliche Körperverletzung und mit dem Arztberuf völlig unvereinbar. Aber weder die Berufsordnung noch die Heilberufsgesetze, noch die Eigenkontrolle der Ärzte sind bisher ausreichend. Wegen Dopings dauerhaft die Approbation zu verlieren, hat nie jemand fürchten müssen.
Es ist immer das Defizit, das treibt -
Karl-Heinz Andresen (khaproperty)
- 27.05.2007, 17:21 Uhr
Klingt gut!
Thomas J. Huber (tjhuber)
- 27.05.2007, 18:13 Uhr