09.02.2009 · Doping bei den armen Schluckern? Auch die Radamateure greifen en gros zu unerlaubten Mitteln. Das schildert ein Kronzeuge. Brisantester Vorwurf: Auch ein Mitarbeiter des Verbandes spielte mit.
Dem deutschen Radsport steht die nächste umfassende Doping-Aufklärung bevor. Der positiv getestete Amateur Philip Schulz hat sich entschlossen, über seine Erfahrung mit verbotenen Mitteln, über das System im Amateursport und über die mögliche Beteiligung des Bundes Deutscher Radfahrer (BDR) an der Vertuschung wenigstens eines Doping-Falles vor dem Bundeskriminalamt auszusagen.
Das ist das Ergebnis eines Beitrages in der ARD-Sportschau vom Sonntag gewesen. Die komplette Dokumentation wird an diesem Montag im als kritisch bekannten Magazin „Sport Inside“ ausgestrahlt (WDR, 22.45 Uhr).
Dopingexperten ahnten es schon lange
Schulz ist der erste Amateur, der Klartext redet. Reden muss. Denn bei den Landesmeisterschaften in Rheinland-Pfalz ist er im Mai 2008 positiv auf das Anabolikum Boldenon getestet worden. Dem Druck, der Ausgrenzung, der Stigmatisierung will er mit einer Attacke entgehen. Mit aller Offenheit auch gegenüber dem BDR Rede und Antwort stehen, um als Kronzeuge vielleicht mit einer milderen Strafe davonzukommen. Seine Aussagen werden den Radsport noch einmal erschüttern, weil es diesmal die bislang kaum beachtete Amateurszene trifft: In einer Strafanzeige beim Bundeskriminalamt spricht Schulz von einem Kühlschrank voller Medikamente, von den Doping-Klassikern Erythropoietin, Testosteron, Wachstumshormon und anderen sogenannten Beschleunigern.
Doping-Experten ahnten das lange. Insider haben immer wieder über die intensive Versorgung auch der Amateurszene berichtet. Doch ein Vorwurf von Schulz hat eine neue Qualität. In der Strafanzeige an das BKA schilderte er laut „Inside“, dass 2007 ein positiv auf das verbotene Mittel hCG getesteter Radsportler von einem Mitarbeiter der BDR-Geschäftsstelle aufgefordert worden sei, „sich einen Befund über Hodenkrebs zu besorgen“.
„Wie er mir bestätigt hat, hat er dann beim BDR angerufen, hat seine Unschuld beteuert. Und da hat ihm wohl jemand gesagt: dass er dieser Person etwas bringen soll, also dieser Person beim BDR. Um das pathologisch, also auf natürliche Weise begründen zu können, also diesen erhöhten Testosteronwert“, schilderte Schulz den Fall gegenüber dem WDR. Demnach sollte sich der Athlet von einem Arzt ein Attest über Hodenkrebs ausstellen lassen. In einem solchen Fall kann ein überhöhter Testosteronwert als natürliche Folge der Erkrankung betrachtet und von einer Strafe abgesehen werden.
BDR weist Darstellung zurück
Gegenüber dem WDR wies der Bund Deutscher Radfahrer diese Darstellung zurück: „Es wurde lediglich durch uns gemäß Wada-Code (Kodex der Welt-Anti-Doping-Agentur) auf Vorschlag eines akkreditierten Labors die Empfehlung ausgesprochen, weitere Untersuchungen zu veranlassen, um eine Tumorerkrankung auszuschließen.“ Laut „Sport inside“ gibt es allerdings einen zweiten Zeugen, der die Angaben von Schulz bestätigt. Die Frage, warum im Jahr 2007 zwei hCG-Fälle nicht geahndet, die positiv getesteten Fahrer nicht gesperrt wurden, beantwortete der BDR gegenüber den Autoren des Beitrags so: „Da es sich hierbei um sehr vertrauliche Daten und Informationen handelt, können wir Ihnen aber keine Details daraus zukommen lassen. Die Ergebnisse waren jedoch so, dass keine Sanktionen zu verhängen waren.“
Doping-Kontrollen im Amateurradsport sind selten. Der BDR spricht von Stichproben. Seit wegen der Reduzierung von Profirennen in Deutschland nach den Doping-Enthüllungen beim früheren Team Telekom die Kontrollen bei kleineren Rennen zunehmen, werden die Fahnder fündig. Schulz war nur einer der entdeckten Fälle. Eindrucksvoll schildert er im Film seinen Weg vom dopingfreien Amateur zum Radrennfahrer auf Stoff. Indirekt angefixt durch die Nachrichten über all die erwischten Vorbilder aus der Profiszene. „Da denkt man sich: die präparieren sich alle für das Radrennen. Dann wird man nachdenklich, ob man nicht doch vielleicht einen Fehler macht“, sagt Schulz.
Doping ist eben nicht nur dort Thema, wo Geld im Spiel ist
Ein Sportkollege hat dem laut eigener Darstellung zunächst zögerlichen, eigentlich abwehrenden Schulz ein Aufputschmittel gegeben. Später drängte er ihm ein härteres Mittel auf: Boldenon, ein Mittel, das in Deutschland als Medikament nicht mal in der Tiermedizin zugelassen ist. Schulz erhielt eine handschriftliche Rechnung über 70 Euro. Und Wochen später die Quittung. Erst der positive Test und dann der Verlust von allem, was er sich aufgebaut hatte. Seine Reaktion ist der erste Schritt zurück ins Leben als Radamateur: „Ich weiß mir einfach nicht anders zu helfen, als reinen Tisch zu machen. Erklären, wie das war. Weil es so aussieht, als wäre ich jahrelang mit Drogen unterwegs gewesen oder mit Anabolika.“
Schulz’ Aussagen räumen endgültig auf mit der weitverbreiteten Ansicht, Doping sei nur dort ein Thema, wo viel Geld verdient wird: „Mir war aber nicht klar“, sagt der 29 Jahre alte Kronzeuge „Sport inside“, „dass im Amateurbereich quasi schon die komplette Palette vorhanden ist.“