17.10.2007 · Tim Meyer gehört als Internist seit 2001 zur leistungsphysiologischen Abteilung des DFB für die Nationalmannschaft. Im Interview mit der F.A.Z. spricht er über Doping im Fußball, Misstrauen gegenüber Sportmedizinern und Wundermittel.
Tim Meyer trat im Februar eine Professur für Sportmedizin an der Universität in Paderborn an. Er gehört als Internist seit 2001 zur leistungsphysiologischen Abteilung des Deutschen Fußball-Bundes für die Nationalmannschaft. Im Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung spricht Meyer über Doping im Fußball, Misstrauen gegenüber Sportmedizinern und Wundermittel.
Bis zuletzt hieß im deutschen Fußball der Grundsatz: „Doping im Fußball bringt nichts.“ Heute dagegen lautet die ehrliche Standardfrage endlich: „Was bringt Doping im Fußball?“
Doping fördert einzelne Komponenten der Leistungsfähigkeit, die auch im Fußball wichtig sind. Es ist unsinnig, das abzustreiten. Auch im Fußball gibt es Ausdauer- und Krafttraining – warum sollten da Medikamente, die diese Komponenten stärken, nicht effektiv sein? Dass sie nicht ganz so effektiv sind wie bei einer Sportart, die allein davon bestimmt wird, liegt auf der Hand.
Was wird denn im Fußball derzeit am meisten an Doping-Mitteln nachgefragt?
Ich weiß nur aus der Zeitung von den Dingen, die in der Vergangenheit bekanntgeworden sind. Aktuell habe ich von Doping-Praktiken keine Kenntnis. Ich kenne nur einzelne Spieler und Mediziner und habe, für diese Personen gesprochen, keinen Verdacht. Dennoch kann ich durchaus verstehen, dass man skeptisch ist, weil die Anreize ja vorhanden sind. Es ist nicht auszuschließen, dass in Einzelfällen gedopt wird. Aber ich habe nicht den Eindruck, dass es eine relevante Rolle spielt.
Wie kommen Sie darauf?
Ich habe für die Aussage keine gerichtsfesten Beweise, aber über die vergangenen fast zehn Jahre habe ich beispielsweise mehrere tausend Blutwerte von Fußballspielern gesehen. Die Blutwerte wurden nicht zu Testzwecken genommen, sondern als Gesundheitscheck. Diese Werte waren äußerst unauffällig – auch im Vergleich zu aus anderen Sportarten kolportierten Messungen.
Spüren Sie nach dem Skandal um die Freiburger Ärzte, die aktiv am Doping im Radsport mitgewirkt haben, einen Generalverdacht gegen Sportmediziner in herausgehobener Position im deutschen Sport?
Ich kann verstehen, dass Misstrauen aufkommt. Das rechtfertigt aber keinen Generalverdacht. Andreas Schmid kannte ich von Kongressen und gelegentlichen Begegnungen relativ gut. Er hat ja auch den SC Freiburg betreut. Ich habe zwar nicht ganz genau gewusst, wie stark er im Radsport involviert war, aber ich habe ihn als integren Arzt und angenehmen Menschen empfunden. Deshalb verstehe ich einen Teil der Skepsis, die der Sportmedizin derzeit entgegengebracht wird.
Hätte es nicht vertrauensbildend gewirkt, wenn die deutschen Sportmediziner sich viel deutlicher und schärfer gegen die betroffenen Ärzte gestellt hätten? Trainer Peter Neururer wurde nach dessen Doping-Vorwürfen aus der Vergangenheit stärker kritisiert.
Aus meiner Sicht hätte sich die deutsche Sportmedizin vor allen Dingen schneller zu Wort melden können. Mittlerweile hat es jedoch eine Aufarbeitung des Themas beispielsweise auf dem deutschen Sportärztekongress in Köln gegeben. Auch die Deutsche Zeitschrift für Sportmedizin hat sich der Problematik angenommen, und in Beratung des Deutschen Olympischen Sportbundes helfen Vertreter der Sportmedizin aktiv im Anti-Doping-Kampf. Es ist aus meiner Sicht richtig gewesen, sich gegen die Unterstellungen von Neururer in ihrer Pauschalität zu verwahren und zu fragen, warum er sich nicht früher zu Wort gemeldet hat.
Von Ihnen hat man auch nicht allzu viel gehört in Richtung Freiburg.
Ich habe meine Meinung in die Medizinische Expertenkommission des DOSB eingebracht. Als Arzt im Spitzensport habe ich immer aktiv gegen Doping gekämpft, wie ich es während meiner sportmedizinischen Ausbildung gelernt habe. Ich halte nichts davon, öffentlich mit dem Finger auf andere zu zeigen.
Welche Konsequenzen ziehen Sie aus den Vorkommnissen?
Jede Doping-Affäre ist eine Katastrophe. Aber ich wehre mich dagegen, die gesamte Sportmedizin in Pauschalverdacht zu bringen. Primäre Aufgabe der Sportmedizin ist die Gesunderhaltung der Sportler. Wir müssen deutlich machen, dass unser Schwerpunkt die klinische Medizin ist. Wenn ich die Nationalspieler begleite, bin ich in erster Linie dafür zuständig, dass sie gesund sind und sich nicht gefährden. Die Leistungsverbesserung kommt erst an dritter oder vierter Stelle meiner Aufgaben. Natürlich sind wir von unserer Ausbildung und Erfahrung in der Leistungsphysiologie die Disziplin, die sich mit den entsprechenden Vorgängen im Körper besonders gut auskennt. Trotzdem muss das für uns hinten anstehen. Wir müssen ärztliche Ethik vertreten und dürfen keine mit prominenten Sportlern arbeitende Disziplin sein, die am Rande der Medizin steht.
Dieses Problem haben Sie aber doch schon lange.
Leider werden alle Doping-Verfehlungen, an denen Ärzte beteiligt sind, der Sportmedizin angelastet. Häufig waren aber auch Ärzte oder Biochemiker beteiligt, die am Rande der Sportmedizin oder außerhalb der Sportmedizin agierten. Man kann beispielsweise den Gynäkologen Fuentes oder die Balco-Affäre nicht der Sportmedizin anlasten. Wir müssen schlicht und einfach weiterhin seriöse klinische Arbeit leisten und auch wissenschaftlich präsent sein. Gurus und Wundermittel sind nicht gut für unser Standing gegenüber den Sportlern und in unserem Fach.
Aus mancher Zwangslage werden Sie aber nicht herauskommen. Michael Ballack zum Beispiel spielt seit fünf Monaten nicht mehr. Der Druck auf die Mediziner, dass er so schnell wie möglich wieder eingesetzt wird, ist seit Monaten sehr heftig.
Das ist ein Spannungsverhältnis, in dem wir immer stecken. Rein formal ist die sportmedizinische Ausbildung weniger umfangreich als die anderer Disziplinen der Medizin. Andererseits haben wir Drucksituationen, die manchmal heftiger sind, als man sich das gemeinhin vorstellt. Wir haben als Sportmediziner im Leistungssport sehr hohe Anforderungen an unsere persönliche Standhaftigkeit, man kann das auch ethisch-moralische Prinzipien nennen. Aber darauf wird man in der Ausbildung nicht anhand eines Curriculums vorbereitet. Junge Ärzte sollten aber für die genannten Drucksituationen ein Handlungskonzept erhalten, im Moment wächst man halt rein. Es ist verständlicherweise für viele reizvoll, mit prominenten Sportlern zu arbeiten. Das bringt Patienten und steigert das Ansehen. Indirekt entstehen dadurch Abhängigkeiten. Auch wenn leider universitäre Sportärzte für die Doping-Vorkommnisse im Radsport mitverantwortlich waren, möchte ich sagen, dass in der universitären Sportmedizin solche Abhängigkeiten zwar nicht gänzlich zu bestreiten sind, aber sie sind normalerweise nicht ganz so existentiell und immer noch eine Nummer kleiner als außerhalb der Universitäten. Ich halte das nach wie vor für das beste Modell, da dann der Lebensunterhalt eines Sportarztes nicht von seiner Tätigkeit im Leistungssport abhängt. Bei der Nationalelf bekomme ich das normale Tageshonorar wie für einen Notdienst, nichts darüber hinaus.
Warum soll man denn glauben, dass die Fußball-Nationalmannschaft sauber ist?
Man kann generell nicht völlig ausschließen, dass Spieler etwas nehmen oder in der Vergangenheit genommen haben. Das geht nicht, auch wenn ich persönlich niemanden verdächtige und davon überzeugt bin, dass bei uns alles in Ordnung ist. Ich bin aber darauf angewiesen, dass mir die Spieler die Wahrheit sagen, wenn ich beispielsweise nach Medikamenteneinnahme frage. Ich habe keine weiteren Indizien, die mir Sicherheit geben. Wenn jetzt jemand vor zwei Wochen Anabolika genommen hat, um die Rekonvaleszenz zu verbessern, dann bekomme ich das kaum raus. Vielleicht finde ich beim Blutabnehmen erhöhte Leberwerte, aber das kommt auch aus anderer Ursache mal vor. Ich kann daraus nichts konkret ableiten, sondern kann dann nur mit dem Spieler sprechen. Das muss und würde ich auch tun. Das ist meine Verantwortung. Ich bin aber dennoch nicht primär in der Rolle des Kontrolleurs, und das halte ich auch für richtig.
Bei der EM 2004 ging der deutschen Mannschaft nach 70 Minuten die Puste aus. Bei der WM 2006 hatte das Team auf einmal Ausdauer für zwei Verlängerungen über 120 Minuten. Wenn Fußball den Ruf einer Hochdoper-Sportart wie Radsport hätte, würde man sich über diesen Fitness-Zuwachs sehr wundern.
Sie heben auf die Ausdauer ab, und wenn man das in Doping-Terminologie fasst, dann geht es um Epo oder Blutdoping. Ich meine aber, dass wir nicht eine so grandiose Ausdauerleistung bei unserer Mannschaft gesehen haben. 90 Minuten bei hohem Tempo durchspielen mit dem Heimpublikum im Rücken, das sollte möglich sein. In den Verlängerungen waren wir, wie ich fand, dann auch nicht so überlegen. Fitness-Arbeit wurde schon sehr stark geleistet, aber nicht mit Schwerpunkt im Ausdauerbereich. Ein Großteil ihrer Spritzigkeit und Schnelligkeit haben die Spieler in unserem Trainingslager unmittelbar vor dem Turnier erhalten. Da wurde mehr gemacht, als es viele bis dahin kannten. Der Fortschritt ist für mich demnach auch ohne medikamentöse Einflüsse problemlos erklärbar.
Aber auf Doping wurden die Spieler in dieser intensiven Vorbereitungszeit nur einmal getestet. Ernsthafte Doping-Kontrollen sehen anders aus.
Der Schwerpunkt der Doping-Bekämpfung muss künftig eindeutig in diese sensiblen Phasen gelegt werden. Man muss nicht zwei Tage vor Turnierbeginn testen, sondern davor und auch intensiver. Das kann an einem Tag unter Umständen auch zweimal sein. Vermehrte Kontrollen können dem Fußball nur gut tun. Der Fußball muss seine Verantwortung wegen seiner exponierten Rolle im Sport wahrnehmen. Vermehrte Testung in Trainingszeiträumen ist daher selbstverständlich wünschenswert und zumindest für Deutschland auch bereits auf den Weg gebracht.