05.04.2009 · Das Blutspendeunternehmen Humanplasma soll Sportler beim Blutdoping unterstützt haben. Das war bisher nicht zu beweisen. Nun könnte das Geständnis des österreichischen Radprofis Kohl eine Frühlingslawine auslösen. Auch sein ehemaliger Manager Matschiner hat offenbar ausgepackt.
Von Siegfried Lützow, WienAlserbachstraße 18, schräg gegenüber dem Franz-Josefs-Bahnhof – keine schlechte Ecke Wiens, nicht gerade diskret, aber innenstadtnah. Hier, im ersten Stock eines Achtziger-Jahre-Baus, schlicht im hässlichsten Haus am Platz, sollen jahrelang Ausdauersportler vorstellig geworden sein. Aus Österreich natürlich, aber auch aus Deutschland, Belgien und den Niederlanden. In einem von fünf österreichischen Spendezentren der Firma Humanplasma. Immer Sonntag früh, außerhalb der regulären Öffnungszeiten. Und nicht, um gegen eine Aufwandsentschädigung von 20 Euro Plasma zu spenden, einen Bestandteil des menschlichen Blutes, der in der modernen Medizin unabdingbar ist und vielfältig eingesetzt wird. Die Sportler sollen bei Humanplasma vielmehr zum Zwecke des Dopings Blut zur Aufbereitung und späteren Rückführung hinterlassen haben – und je Besuch bis zu 2000 Euro.
Bis zum vergangenen Dienstag war dieser im Februar 2008 öffentlich gewordene Verdacht kaum zu untermauern. Da gestand Bernhard Kohl (27), des Epo-Dopings überführter Radprofi, der im Team von Gerolsteiner das Bergtrikot der Tour de France 2008 gewonnen und in der Gesamtwertung Rang drei belegt hatte, zumindest dreimal selbst bei Humanplasma vorstellig geworden zu sein. In Begleitung seines Managers Stefan Matschiner. Der 33-jährige Oberösterreicher war in der Nacht auf Dienstag verhaftet worden, am Freitag wurde die Untersuchungshaft über den ehemaligen Leichtathleten verhängt. Vorwurf: Handel mit Doping-Mitteln „bis in jüngste Zeit“. Der Zusatz ist wichtig, wird doch der Handel mit illegalen Präparaten für stärkungswillige Sportler in Österreich erst seit August 2008 strafrechtlich verfolgt und mit Haft zwischen sechs Monaten und fünf Jahren bedroht.
Matschiner hat wohl ausgepackt
Unterdessen hat Stefan Matschiner offenbar ein Geständnis abgelegt. Wie österreichische Medien am Samstag berichten, habe er den Ermittlern der Wiener Staatsanwaltschaft die Weitergabe von Dopingmitteln an Bernhard Kohl sowie Triathletin Lisa Hütthaler und weitere nicht genannte Sportler gestanden. Demnach soll Matschiner Kohl von Anfang 2006 bis Mitte 2008 mit Dopingmitteln wie Epo oder Wachstumshormon versorgt haben. Matschiners Anwalt Franz Essl dementierte die Informationen auf Anfrage nicht und betonte, dass sein Mandant aber niemanden zum Doping gebracht habe. Kohl und Hütthaler seien von sich aus auf den Manager zugekommen und hätten bereits zuvor einschlägige Erfahrungen mit Doping gehabt. „Matschiner hat die beiden zur Verringerung der Dosen angehalten“, sagte Essl der Nachrichtenagentur APA.
Die Firma Humanplasma selbst und zwei Ärzte, gegen die nach anonymen Anzeigen ermittelt wurde, haben einstweilen nichts zu fürchten. Erst kürzlich hat die Staatsanwaltschaft Wien ein diesbezügliches Verfahren eingestellt. Mit interessanter Begründung: Den Ärzten sei zugutegekommen, dass sie nicht nach dem Anti-Doping-Gesetz belangt werden konnten, weil sie ihre möglichen Verfehlungen vor Inkrafttreten desselben gesetzt hätten. Eine Rückwirkung sei bei Strafgesetzen grundsätzlich nicht vorgesehen. Das Verhalten der Mediziner wäre lediglich nach dem Arzneimittelgesetz zu prüfen gewesen. „Ob die Ärzte gedopt haben oder nicht, war daher nicht Gegenstand unserer Ermittlungen“, sagte ein Behördensprecher. Freilich prüft Humanplasma nach Kohls Aussagen die Lage nochmals selbst. Das Vertragsverhältnis mit einem der beiden Mediziner ruht auf dessen eigenen Wunsch. Der Mann ist eine Kapazität auf dem Gebiet der Transfusionsmedizin, hat sich intensiv mit der Möglichkeit von Eigenblutspenden vor Operationen beschäftigt und darüber mehrfach publiziert.
Es fielen schon Namen von deutschen Sportlern
Die Blutspur nach Wien hatte die vom Österreichischen Skiverband eingesetzte Disziplinarkommission aufgenommen, die den Olympiaskandal von Turin 2006 untersuchte. Ein damals nicht veröffentlichtes Detailergebnis betraf Blutbeutel, die während der Razzien in den Olympiaquartieren der österreichischen Biathleten und Langläufer sichergestellt worden waren. Blutbeutel mit den gleichen Chargennummern waren auch an Humanplasma geliefert worden. Davon wurde auch die Welt-Anti-Doping-Agentur in Kenntnis gesetzt, woraufhin deren damaliger Leiter Richard Pound Österreichs Sportstaatssekretär um Aufklärung ersuchte, da Humanplasma laut „verlässlichen Quellen“ Athleten „beim Blutdoping unterstützen soll“. Lothar Baumgartner, der Geschäftsführer von Humanplasma, versicherte damals ein ums andere Mal, dass die Firma „mit diesem ganzen Schmarrn gar nichts zu tun“ habe. Er konnte aber „nicht völlig ausschließen, dass ein paar Dummköpfe am Sonntag um sechs Uhr früh die Räumlichkeiten missbraucht haben“.
Es folgte eine Welle von Mutmaßungen über mögliche Kunden von Humanplasma. Die Namen von Radsportlern sowie deutschen Biathleten und Langläufern wurden genannt – ohne Beweise gegen sie zu haben. Die ARD erlebte aufgrund ihrer Berichte und nach Klagedrohungen seitens des Deutschen Ski-Verbandes eine schwere journalistische Niederlage. ARD-Moderator Michael Antwerpes entschuldigte sich anlässlich einer Biathlon-Übertragung „öffentlich für journalistische Fehler“. Es sei nicht korrekt gewesen, pauschale Vorwürfe ohne Namensnennung zu erheben, „ohne dafür belegbare und nachprüfbare Fakten zu haben“. Die Aussage, sagte Antwerpes damals, gelte nur für den aktuellen Wissensstand.
Die Spur führt nach Budapest
Dieser hat sich in den vergangenen Tagen erheblich erweitert, wenn man Kohl glauben kann. Im November, bei seiner Anhörung vor Österreichs Anti-Doping-Agentur, reichten die Aussagen nicht, um die Höchststrafe für Doping-Erstvergehen – zwei Jahre Sperre – abzuwenden. Das jüngste Geständnis könnte eine Verkürzung der Sperre zur Folge haben und eine Frühlingslawine ausgelöst haben. Sagte Kohl doch auch, dass er und Matschiner, verschreckt durch die Ermittlungen gegen Humanplasma, eine Blutzentrifuge erworben hätten, um das Blutdoping künftig selbst, in Matschiners Haus, in die Hand zu nehmen. 20.000 Euro habe das Gerät gekostet, weitere Sportler hätten sich an der Investition beteiligt.
Wer, darüber durfte munter gemutmaßt werden. Namen nannte Kohl nicht in der Öffentlichkeit, sehr wohl aber den Ermittlern. Matschiners Anwalt ließ wissen, dass dieser das Gerät im vergangenen Juli ins Ausland gebracht habe – wegen des neuen Anti-Doping-Gesetzes. Nun hat Matschiner in seiner Aussage offenbar einen Hinweis zum Standort der Blutzentrifuge gegeben. Diese Spur führe nach Budapest.