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Der Fall Pechstein Man sieht sich vor Gericht

08.08.2009 ·  Junge Blutkörperchen werden irgendwann erwachsen. Bei Claudia Pechstein offenbar nicht. Warum? Auch das muss der Indizienprozess klären. Bis dahin schweigt Harm Kuipers, der Dopingexperte des Weltverbandes.

Von Evi Simeoni
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Die Internationale Eislauf-Union (ISU) bleibt stumm. Harm Kuipers, der Dopingexperte des Weltverbandes, hat die Fernseh-Talkshow, in der Claudia Pechstein und ihre Entourage massive Angriffe auf den Weltverband losließen, zwar verfolgt. Das Gebaren der ISU, deren Disziplinarkommission die Eisschnellläuferin wegen Blutmanipulation für zwei Jahre sperrte, wurde dabei als skandalös, fahrlässig und grob fehlerhaft hingestellt. Doch der Niederländer will die Vorwürfe bis zur Berufungsverhandlung vor dem Internationalen Sportgericht (Cas) auf sich sitzen lassen. „Wir sind der Meinung“, sagt Kuipers, „dass die Auseinandersetzung im Gerichtssaal stattfinden muss.“ „Kann sein, dass die ISU im Moment schlecht wegkommt“, sagt er. Doch er will sich außerhalb des Verfahrens, das im Herbst in Lausanne entschieden werden soll, nicht mehr äußern.

Bis dahin bleiben Pechsteins Zuhörer vom Donnerstag, die mit einem beispiellosen PR-Bombardement fertig werden müssen, auf externe Fachleute angewiesen. Die wissen zwar nicht, auf welche Details die ISU vor dem Cas ihre Strategie stützen wird. Da es sich um einen Indizien-Prozess handelt, wird genau von diesen Details und der Glaubwürdigkeit der Analysen die Cas-Entscheidung abhängen. Wie hoch wird das Gericht die Manipulationswahrscheinlichkeit einschätzen? Gelangt es zu der Überzeugung, dass hinreichende Beweiskraft vorliegt, wird es die Sperre bestätigen. Die Experten richten ihren Blick also voller Spannung nach Lausanne. Die analytischen Grundlagen liegen vor. Die juristische Bewertung steht noch aus.

Bis zu 30 Prozent Schwankungsbreite bei Retikulozyten

Auch der Darmstädter Klaus Pöttgen, der als medizinischer Direktor des Frankfurter Ironman-Triathlons ein spezielles Anti-Doping-Programm erarbeitet hat, verfolgt das Verfahren mit großem Interesse. Nach seiner Einschätzung sind indirekte Dopingbeweise, wenn sie von kompetenten Wissenschaftlern geführt werden, „absolut verlässlich.“ Wichtigste Grundlage der ISU-Anklage waren mehrere stark erhöhte Retikulozyten-Werte bei Pechstein. Dabei handelt es sich um junge rote Blutkörperchen. Eine ungewöhnliche Erhöhung des Retikulozyten-Anteils im Blut wird von Experten als Hinweis auf Stimulation mit dem Dopingmittel Epo angesehen. Pechsteins bezahlter Gutachter Holger Kiesewetter, der zwar Institutsleiter der Berliner Charité ist, aber nach Auskunft der Klinik-Sprecherin nicht die Meinung der Charité vertritt, hatte die Aussagekraft der 95 Werte, die die ISU seit dem Jahr 2000 gespeichert hat, bestritten. Die Streuung der einzelnen Messungen sei zu groß.

Pöttgen, der nur für seinen eigenen Zuständigkeitsbereich sprechen kann, erklärt allerdings, dass die Messungen in der analytischen Bewertung stets zugunsten des Athleten interpretiert werden müssten. Eine Voraussetzung sei die Eichgenauigkeit des Messgeräts. Es sei gängige Praxis, dass jede Messung wiederholt und das für den Athleten günstigere Ergebnis verwendet würde. Bei der Interpretation der Werte werde die Variationsbreite berücksichtigt. „Wir rechnen in der Analytik bis zu 30 Prozent Schwankungsbreite bei Retikulozyten ein“, sagt Pöttgen. „Das muss in den statistischen Modellen mit erfasst werden.“ Auf solchen statistischen Modellen beruht die Langzeit-Analyse, die wohl zur Sperre für Pechstein führte. Pierre Sottas, einer der ISU-Experten vom Analyselabor in Lausanne, hatte im Verfahren gegen Pechstein darauf hingewiesen, dass er einen ähnlichen Verlauf von Retikulozyten-Werten nur einmal unter zehntausend Blutprofilen von Athleten gefunden habe, was nicht unbedingt auf eine, vom Experten Kiesewetter postulierte, „normale“ Streuung hinweisen dürfte.

Normalerweise werden die jungen Blutkörperchen irgendwann erwachsen

Pöttgen stellt zudem die Frage, wieso in Claudia Pechsteins Blut mehrmals ein erhöhter Prozentsatz von Retikulozyten, also viele junge rote Blutkörperchen, festgestellt wurde, andere Blutparameter wie Hämoglobin- und Hämatokritwert diesem Phänomen aber nicht folgten. Das wäre normalerweise die Konsequenz, da die jungen Blutkörperchen irgendwann erwachsen werden. „Wenn dies nicht passiert, ist das hoch verdächtig auf Manipulation.“ In Frage kommen könnte zum Beispiel Blutverdünnung. Es ist denkbar, dass die ISU in der Verhandlung nicht ausschließlich mit den Retikulozyten-Werten argumentieren, sondern ein Gesamtbild wiedergeben wird.

Mit Pechsteins Argument, die Etiketten (Barcodes) auf den Blutanalysen stimmten nicht mit denen auf ihrem Protokoll-Durchschlag überein, können Labor-Praktiker im übrigen nicht viel anfangen. So lange der Vorgang in einem Protokoll vermerkt wird und damit nachvollziehbar bleibt, sei ein Umbeschriften durchaus üblich. Dies bestätigt auch Fritz Sörgel, Leiter des Instituts für Biomedizinische und Pharmazeutische Forschung in Nürnberg. „Das kommt in einem Labor immer wieder vor.“ Ob daraus trotzdem ein entscheidendes Thema werden kann beim Lausanner Indizienprozess? Harm Kuipers lässt sich zu einer Aussage immer noch nicht verleiten. „Kein Kommentar.“

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