02.01.2008 · Die Angst vor schmutzigen Spielen ist 217 Tage vor „Peking 2008“ da, und sie wird da bleiben. Erst seit kurzem gibt es die chinesische Anti-Doping-Agentur. Frank Hollmann war unterwegs mit Cong Jun, einem freiwilligen Kontrolleur.
Von Frank HollmannEs riecht nach frischer Farbe. An einer Wand stapeln sich neue Koffer und unausgepackte Kartons. Über der Aula heißt ein rotes Spruchband die Eröffnungsgäste willkommen. Erst vor kurzem hat die chinesische Anti-Doping-Agentur (Cada) ihre neuen Büros in Peking bezogen, ein paar hundert Meter vom Olympiastadion entfernt.
Im ersten Stock des roten Gebäudes packt Cong Jun seinen Koffer mit Plastikbechern, Teststreifen, Gummihandschuhen und Fragebögen. Cong Jun ist einer der rund 300 ehrenamtlichen Doping-Fahnder der Cada, im Hauptberuf arbeitet der Hobbyläufer als Lehrer: „Ich habe diese Aufgabe übernommen, weil ich Sport liebe. Heutzutage wird Doping ein immer größeres Problem. Ich aber bin für faire Wettkämpfe, das ist schließlich das olympische Prinzip.“
„Wir kommen unangemeldet“
Um dem gerecht zu werden, opfert Cong Jun seine Freizeit und reist den Athleten selbst in die entlegensten Provinzen wie nach Yunnan hinterher. In der Bergregion im Südwesten absolvieren viele Olympiakandidaten ihr Höhentrainingslager. „Da machen wir täglich Doping-Tests“, sagt Cong. Diesmal stehen zwei Sportler auf der Liste, und reisen muss er dafür auch nicht. Sein Ziel ist das Olympiahotel, gerade mal fünf Fußminuten entfernt, Vorbereitungsquartier der chinesischen Ringer und Judoka. Auch Xian Dongmei wohnt hier, Judo-Olympiasiegerin von Athen in der Klasse bis 52 Kilogramm, eine der für diese Doping-Kontrolle Ausgewählten. „Wir kommen unangemeldet“, versichert Cong Jun.
Als er an der Hotelrezeption seinen Ausweis zückt, bekommt er sofort Auskunft. Die beiden gesuchten Athletinnen seien im Haus, ihre Zimmer lägen im siebten Stock. Minuten später klopft Cong Jun jedoch vergebens an, hinter den Zimmertüren bleibt es still. Also wieder hinunter, durch die Lobby in den riesigen Speisesaal, wo sich gerade Dutzende Sportler am Buffet bedienen. Xian Dongmei und ihre Mannschaftskameradin seien auch hier, lässt sich Cong Jun vom Mannschaftsarzt erklären. Unmittelbar nach dem Mittagessen geht es zurück in den siebten Stock.
Nach internationalen Standards
Ein Hotelzimmer wurde zum Massageraum umgebaut, im angrenzenden Bad muss Xian Dongmei gleich ihre Urinprobe abgeben. Congs Assistentin He Xian begleitet sie selbst dorthin, so wie international üblich. Auch die gelernte Fremdenführerin hat sich als Doping-Fahnderin beworben. Nun muss sie genau hinsehen, wie ein Idol die Hosen runterlässt. „Viele Athletinnen sind nervös, wenn sie beim Urinieren beobachtet werden. Aber wir müssen sicher sein, dass wir alles genau sehen können. Bei Olympia wird es deshalb in den Badezimmern Spiegel geben.“
Zurück im Zimmer, erläutert Cong der 32 Jahre alten Judokämpferin das genaue Prozedere. Sie selbst solle zwei durchsichtige Plastikflaschen öffnen, entsiegeln, ihre Urinprobe umfüllen und wieder verschließen. Mannschaftsarzt Tan Jie beobachtet das Ganze als Zeuge und erklärt, was die Athletin gegessen und welche Medikamente sie eingenommen hat.
Das Los eines Spitzenathleten
Gelassen lässt die knapp 1,60 Meter große Sportlerin alles über sich ergehen und lächelt dabei immer wieder auf das Bild ihrer ein Jahr alten Tochter in ihrem Fotohandy. Die Kleine lebt bei Xian Dongmeis Mann und ihrer Familie in Guangzhou im Süden des Riesenreiches, 2000 Kilometer entfernt. Die Trennung von der Familie zählt genauso zum Los eines chinesischen Weltklasseathleten wie die regelmäßigen Doping-Tests.
Als Olympiasiegerin sei sie daran gewöhnt, meint Xian: „Wenn du zur Spitze zählst, bist du immer ein mögliches Ziel für eine Kontrolle. In dopinggefährdeten Sportarten wie Leichtathletik, Schwimmen, Gewichtheben, Rudern, Ringen oder Judo wird am meisten getestet, in anderen Sportarten wie Tischtennis längst nicht so häufig.“ Nach knapp einer halben Stunde haben Cong Jun und He Xian ihre Kontrolle beendet. Die Urinproben wandern ins neue Pekinger Doping-Labor.
China nehme den Kampf gegen Doping ernst, sagt Fahnder Cong. „Wenn man nun im Westen sagt, alle chinesischen Sportler dopten, dann sage ich: Urteilt nach unseren Testergebnissen. Man kann nicht einfach behaupten, dass jemand Doping nimmt, nur weil er seine Leistung steigert.“