http://www.faz.net/-gu9-97s1r

Radsport : Wiggins nennt Vorwürfe eine „Hexenjagd“

Das Asthmamittel hilft mit: Bradley Wiggings bei der Tour de France 2012. Bild: AP

Ein britischer Parlamentsbericht bescheinigt Bradley Wiggins ein ethisches Problem. Sein Asthmamittel sollte die Leistung steigern. Der frühere Radsportler regt sich mächtig auf, als der Bericht die Runde macht.

          Was haben sie nicht alles beteuert, die in den Adelsstand erhobenen Siegertypen des britischen Radsports. Doping? Aber nicht doch. Sir David (Brailsford), der Chef des professionellen Rad-Rennstalls Sky, wies alle Verdächtigungen stets von sich. Er ging sogar noch einen Schritt weiter, als er die moralische Integrität seines Unternehmens beschrieb. „Saubere Siege“, selbstverständlich, und dazu die Einhaltung der „höchsten ethischen Standards“ im Radsport. Sky hat in diesem Jahrzehnt so ziemlich alle Rennen von Bedeutung gewonnen. Nur nicht den Glaubensstreit vor dem Sonderausschuss des britischen Ministeriums für Digitales, Kultur, Medien und Sport. Am Montag haben die Damen und Herren einen Bericht über ihre zweijährige Untersuchung zum „Kampf gegen Doping im Sport“ veröffentlicht. Ein strafbarer Verstoß gegen die weltweit gültigen Anti-Doping-Regeln des Sports ist auf den 52 Seiten nicht zu finden. Aber eine realistische Beschreibung des Manipulations-Alltags unterhalb von positiven Kontrollen – und damit der Ohnmacht des Kontrollsystems.

          Anno Hecker

          Verantwortlicher Redakteur für Sport.

          Bradley Wiggins hat sich am Montag mächtig aufgeregt, als der Bericht die Runde machte. In einem Interview des Senders BBC vom Montagabend sprach der 37 Jahre alte Brite von einer „Hexenjagd“ und einer „Hölle auf Erden“. Seine Kinder würden in der Schule angefeindet, er müsse nun die Scherben zusammenkehren – dies wünsche er niemandem auf Erden. „Wenn ich jemanden ermordet hätte, würde ich mehr Rechte haben als bei diesem Vorgang“, sagte Wiggins. Er ist der erste Tour-de-France-Sieger der Briten, ein Idol, ein Sir. Aber unglaubwürdig. Das sagen die Parlamentarier über den ehemaligen Star des Teams Sky, genauso wie über seinen früheren Chef Sir David. „In diesem Fall“, heißt es im Report, „und im Gegensatz zur Aussage von Brailsford, glauben wir, dass Doping-Mittel – innerhalb der Regeln – zur Leistungssteigerung des Fahrers genutzt wurden und nicht nur für eine medizinische Behandlung.“

          Die russische Hackergruppe „Fancy Bear“ hatte vor zwei Jahren veröffentlicht, dass Wiggins 2011 und 2012 jeweils vor der Tour de France und 2013 vor dem Giro d’Italia Ausnahmegenehmigungen für den Einsatz von Triamcinolon erhalten hatte. Es sei ihm jeweils in einer Dosierung von 40 Milligramm intramuskulär injiziert worden. Das Glucocorticoid dient dem Kranken zur Linderung von chronisch obstruktiven Lungenproblemen. Der Gesunde, berichtete David Millar im vergangenen Sommer, kommt mit der Einnahme auf dem Rad besser voran. „Kenacort (ein Handelsname für Triamcinolon) war die einzige (Substanz), die man nahm, und drei Tage später schaute man ganz anders aus“, sagte Millar mit Blick auf die gewichtsreduzierende Wirkung. „Und nicht nur, dass das Gewicht sank, man fühlte sich auch stärker.“ Weniger Kilos bei gleicher Wattleistung, so beschleunigen Radrennfahrer. Millar kennt sich aus. Er war nicht nur Etappensieger bei der Tour, sondern auch ein Kenner der Manipulation am eigenen Leib. Seine Doping-Vergangenheit offenbarte er en detail. Inzwischen legt der Schotte den Finger auf die Einstichstelle: „Ich begreife nicht, wie ein Arzt so etwas verschreiben kann.“

          Der Direktor des Instituts für Physiologie der Uni zu Lübeck, Wolfgang Jelkmann, sagte im vergangenen Jahr der Frankfurter Allgemeinen Zeitung zum Fall Wiggins: „Es ist unwahrscheinlich, dass ein Hochleistungssportler, zumal ein Radrennfahrer, so sehr unter Asthma leidet, dass man aus medizinischen Gründen dieses Glukokortikoid so hoch dosiert systemisch gibt.“ Deshalb verstand auch der Untersuchungsausschuss nicht, wie Sky-Boss Brailsford den Ethik-Beauftragten der Szene spielen konnte, aber gleichzeitig behauptete, Trainer und Teamführung hätten von den Behandlungsmethoden des Ärzteteams nicht nur bei Wiggins weitgehend keine Ahnung gehabt: „Wie kann er sichergehen, dass seine Fahrer seinen Ansprüchen genügen, wenn er nicht weiß, welche Mittel seine Profis von den Doktoren bekamen?“ Brailsford, da sind sich die Parlamentarier einig, müsse die Verantwortung tragen für den Schaden: die mit dem Bericht nochmals gewachsene Skepsis, ob die Leistungsfähigkeit seines Teams legitim war.

          Am Montag standen Wiggins und Brailsford im Mittelpunkt einer Klage über ihre Kaltschnäuzigkeit gegenüber dem Geist des Anti-Doping-Kampfes. Der Untersuchungsbericht aber nimmt auch Anti-Doping-Institutionen und Sport-Verbände aufs Korn, etwa die Welt-Anti-Doping-Agentur, bei der allein ein Arzt über die vom Sky-Kollegen beantragte Ausnahmegenehmigung (TUE) für Wiggins entschied. 40 bis 50 TUE erteilt die deutsche Einrichtung, die Nationale Anti-Doping-Agentur in Bonn, pro Jahr. „Ich wundere mich aber“, sagt Vorstand Lars Mortsiefer, „dass es im Ausland ein Vielfaches sein kann.“ In Deutschland, das versicherte der Nada-Justitiar, beugen sich sieben Ärzte in zwei Gruppen über vergleichbare Anträge eines Spitzensportlers. Diese Konstruktion mag Patienten wie Wiggins eine duale Karriere als Asthmatiker wie Tour-de-France-Sieger erschweren. Aber das Grundproblem bleibt: die Bereitschaft von Athleten, für eine Leistungssteigerung an die Grenzen zu gehen. Unter Doping verstehen sie allein einen positiven Test.

          Zu früh geadelt? Sir Wiggins soll gegen ethische Regeln verstoßen haben.

          „Wir müssen uns immer wieder mit dem Herandopen an Grenzwerte beschäftigen“, sagt Mortsiefer, „auch in Deutschland. Wir sehen, dass immer mehr versucht wird, bei der Leistungsentwicklung nachzuhelfen.“ Und was tut der Sport dagegen? Die britischen Parlamentarier beklagten die Abwehrhaltung der Sportgesellschaft, etwa die sechsjährige Unterdrückung einer deutschen Studie über die große Zahl von Dopern in der Leichtathletik durch den Internationalen Leichtathletik-Verband (IAAF). Als eine veritable Doping- und Korruptions-Affäre in der IAAF von Journalisten 2015 enttarnt wurde, sprach Englands berühmter Läufer und Olympia-Organisator Lord Coe von einer „Kriegserklärung“ gegen den Verband. Kurz darauf wurde er IAAF-Präsident. In ihrem Report rügt die Kommission Coe für seine „schlechte Beurteilung“ und mahnt ihn quasi stellvertretend, zu handeln: Der Besserungskatalog reicht vom Wunsch nach Transparenz bis hin zu einer angemessenen Finanzierung der Anti-Doping-Infrastruktur. Das ist so ehrenwert wie aussichtslos. Geld pumpen Sport und Wirtschaft vorwiegend in Erfolgsmodelle.

          Weitere Themen

          Froome stürmt ins Rosa Trikot

          Giro d’Italia : Froome stürmt ins Rosa Trikot

          Mit einer 80 Kilometer vor dem Ziel gestarteten Attacke hat Chris Froome bei der 19. Etappe sensationell die Führung bei der Giro d’Italia übernommen. Der bisherige Spitzenreiter hatte schon früh viel Zeit verloren.

          Löw glaubt an Neuer Video-Seite öffnen

          Trainingslager : Löw glaubt an Neuer

          Der Torhüter von Bayern München hat nach seinem Mittelfußbruch seit September kein Pflichtspiel mehr bestritten. Bundestrainer Joachim Löw hat ihn trotzdem in seinen vorläufigen WM-Kader berufen.

          Topmeldungen

          Wie bereits Ende April (dieses Foto) haben sich Kim Jong-un und Südkoreas Präsident Moon abermals zu Gesprächen getroffen.

          Nordkoreas Diktator : Kim Jong-un trifft abermals Südkoreas Präsidenten

          Zum zweiten Mal innerhalb eines Monats hat sich Nordkoreas Machthaber Kim Jong-un mit dem südkoreanischen Präsidenten Moon zu Gesprächen getroffen. Anlass dürften auch die zuletzt widersprüchlichen Aussagen Donald Trumps gewesen sein.
          Franziska Giffey in der Berufsfachschule für Altenpflege im Johannesstift in Berlin-Spandau

          Familienministerin Giffey : Die Frau, ohne die nichts geht

          Franziska Giffey war Bürgermeisterin von Berlin-Neukölln und führt nun das Bundesfamilienministerium. Wer ist die Frau mit dem warmen Lächeln und dem Law-and-Order-Image? Rumschubsen lässt sie sich jedenfalls nicht.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.