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Ben Johnson : Das dreckigste Rennen

Hoch überlegen: Ben Johnson enteilt selbst Carl Lewis am 24. September 1988 in Seoul Bild: dpa

Vor genau 25 Jahren gewann Ben Johnson das olympische Finale über 100 Meter in Weltrekordzeit. Drei Tage später wurde er überführt und der Medaille entledigt. Seitdem läuft der Doping-Verdacht bei jedem Sprint mit.

          Sie waren einfach großartig“, ruft die Stimme aus dem Telefon. „Hier in Ottawa explodiert die Freude.“ Premierminister Mulroney brüllt, um durchdringen zu können zu dem schnellsten Mann der Welt, dem berühmtesten Kanadier der Gegenwart, zu Ben Johnson. Fünfundzwanzig Jahre ist es her, dass der Sprinter am 24. September um halb zwei Uhr mittags den Gipfel seiner Karriere erreicht zu haben glaubt. Er ist Olympiasieger. Er hat, wie schon bei der Weltmeisterschaft von Rom, Carl Lewis geschlagen, den größten Star der Leichtathletik, seinen Erzrivalen. Er hat in 9,79 Sekunden seinen eigenen Weltrekord unterboten und die Bestmarke in eine Dimension verschoben, die unerreichbar schien. „Diesen Weltrekord wird in den nächsten fünfzig Jahren niemand brechen“, tönt Johnson auf der Pressekonferenz. Das ist nicht sein einziger Irrtum.

          Michael Reinsch

          Korrespondent für Sport in Berlin.

          Als ihn ein Fernsehreporter fragt, was ihm wichtiger sei, die Goldmedaille oder der Weltrekord, erwidert er: „Die Goldmedaille. Sie ist etwas, das dir niemand wegnehmen kann.“ Drei Tage später verlangt eine Mitarbeiterin des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) an seiner Hoteltür die Medaille zurück. Ben Johnson reicht sie ihr konsterniert. Sein Weltrekord wird nie in die Bestenliste des Leichtathletik-Verbandes aufgenommen. Vierzehn Jahre später, im September 2002, unterbietet Tim Montgomery bei der Weltmeisterschaft in Paris die Zeit von Ben Johnson. Auch er ist gedopt. Seit der Weltmeisterschaft 2009 in Berlin steht der Weltrekord bei 9,58 Sekunden. Seit Ben Johnson läuft in jedem Rennen der Verdacht mit. Usain Bolt, Olympiasieger von Peking und London, Weltmeister von Berlin, Daegu und Moskau, ist einer der verdächtigsten Athleten der Welt - auch wegen Ben Johnson. An diesem Dienstag wird Johnson, inzwischen 52 Jahre alt, das Stadion von Seoul besuchen. Er wirbt für die Anti-Doping-Initiative „Choose The Right Track“.

          Auf der falschen Bahn

          Als er die falsche Bahn wählt, ist das nicht der erste und nicht der letzte Doping-Fall, aber einer der spektakulärsten. Er löst, als er drei Tage nach dem Lauf publik wird, eine Explosion der Enttäuschung, des Entsetzens und der Wut aus. Einer der Helden auf der am grellsten ausgeleuchteten Bühne des Sports gedopt, der Sieger im 100-Meter-Finale der Olympischen Spiele ein Betrüger - wie kann das sein? Was nicht wenige Zuschauer und Experten bis heute als eines der spannendsten Rennen der Welt in Erinnerung haben - Carl Lewis, nach 9,92 Sekunden im Ziel, rückte auf den ersten Platz nach, Linford Christie (9,97) auf den zweiten und Calvin Smith (9,99) auf den dritten -, entpuppt sich im Rückblick als Kulmination von Lug, Trug und mehr als zweifelhaftem Umgang.

          Die Sportverbände und das IOC mussten ihre offenkundige Kumpanei mit Dopern aufgeben und Trainingskontrollen einführen. Als Ben Johnson dem Gejohle und Gedränge entflieht, das ihn seit dem Verlassen der Bahn von Seoul umgibt, als er gemeinsam mit seinem polnischen Masseur Waldemar Matuszewski durch die Glastür mit dem Zettel „Contrôle Anti-Dopage“ ins Reich des Arztes Arne Ljungquist eintritt, erwartet ihn ein Bekannter: Er sitzt am Boden, den Rücken an die Wand gelehnt, rechter Hand den Kühlschrank, und sagt: „Herzlichen Glückwunsch zu deinem Sieg!“ Johnson erwidert: „Du gehörst hier gar nicht rein.“ Er legt sich bäuchlings auf eine Bank an der Wand und lässt sich die entzündete Achillessehne massieren. An den Namen des Mannes kann sich Johnson nicht erinnern, aber er weiß, dass sie Spaß hatten, als sie nach dem Sportfest in Zürich 1986 gemeinsam durch die Bars der Stadt zogen.

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