29.02.2008 · Im amerikanischen Kongress herrscht Einmütigkeit: Der Staat muss dem moralisch verrotteten Sport helfen. Die Spitzen der großen vier Sportligen wehren sich aber heftig gegen unabhängige Instanzen im Anti-Doping-Kampf.
Von Jürgen Kalwa, New YorkDie Spitzen der vier großen amerikanischen Sportligen - Baseball, Basketball, Football und Eishockey - wehren sich heftig gegen staatliche Regelungen und gegen unabhängige Instanzen im Kampf gegen Doping. Dies wurde bei einer Anhörung des amerikanischen Kongresses unter dem Titel „Drogen im Sport: Wie sie die Gesundheit von Athleten gefährden und die Integrität des Sports unterminieren“ deutlich.
Die Sportmanager und Spielervertreter der Ligen behaupteten vor dem Unterausschuss für Wirtschaft, Handel und Verbraucherschutz, dass sie das Doping-Problem „in den vergangenen zwei oder drei Jahren in den Griff bekommen haben“, so Basketball-Commissioner David Stern (NBA) als Wortführer des Sports. „In diesem Bereich sind gesetzliche Eingriffe unnötig.“ Die republikanische Abgeordnete Marsha Blackburn hielt ihm und seinen Kollegen entgegen: „Wenn das so wäre, wären wir heute alle nicht hier.“ Ihr Parteikollege Joe Barton sagte: „Es ist kein Spaß, alle zwei bis drei Jahre solche Anhörungen zu haben.“
„Sie müssen die Latte höher legen“
2005 fand mit denselben Vertretern des Sports vor demselben Kongress-Ausschuss eine Untersuchung zum Anabolika-Missbrauch statt. „Lassen Sie es uns diesmal richtig machen und weitergehen - um eine akzeptable rechtliche Grundlage zu bekommen“, sagte Barton.
Besonders die Vertreter der Baseball-Liga (MLB), Bud Selig und Donald Fehr, standen in der Kritik. Der Republikaner Lee Terry mahnte, die von Steroid- und Wachstumshormon-Exzessen geschüttelte MLB müsse die Führung im Kampf gegen Doping und um neue Glaubwürdigkeit übernehmen. „Sie müssen die Latte höher legen.“ Donald Fehr, Spielervertreter der MLB, regte die Markierung von Wachstumshormon-Präparaten durch die Hersteller an, um eine leichte Nachweisbarkeit durch Urinproben bei Missbrauch zu ermöglichen. Wenn der Gesetzgeber der Pharmaindustrie dies vorschreibe, reiche das aus an staatlichen Maßnahmen.
Clemens droht ein Verfahren wegen Meineids
Die Anhörung war schon die dritte nach Veröffentlichung des Mitchell-Reports Mitte Dezember vergangenen Jahres, in dem das Ausmaß der Doping-Epidemie im professionellen Baseball skizziert und mit Roger Clemens ein neuer prominenter Name ins Spiel gebracht wurde. Clemens, einer der besten Profis in der mehr als hundertjährigen Geschichte des Major-League-Baseballs, bestreitet jedoch die Aussage seines ehemaligen Fitnesstrainers, der ihm persönlich illegale Substanzen gespritzt haben will.
Dementis wie dieses - inzwischen eidesstattlich bekräftigt und deshalb strafbewehrt - hat man auch von anderen amerikanischen Sportlern immer wieder gehört. Aber so gut wie nie hielt das pauschale Abstreiten einer staatsanwaltlichen Ermittlung stand. Clemens droht wie dem Baseball-Kollegen Barry Bonds oder der Leichtathletin Marion Jones ein Verfahren wegen Meineids, wird er doch des Betrugs überführt. Ein anderer Ausschuss des Kongresses hat das Justizministerium zu einem Ermittlungsverfahren gegen Clemens aufgefordert.
Hinterbänkler Bobby Rush ist die treibende Kraft
Treibende Kraft hinter den Anti-Doping-Bemühungen des Kongresses ist der demokratische Abgeordnete Bobby Rush, ein Politiker, der in seinem Leben schon viele Kämpfe ausgetragen hat. In den sechziger Jahren gehörte er in der Auseinandersetzung um die Bürgerrechte der schwarzen Minderheit zu den Gründungsmitgliedern der „Black Panthers“. Vor ein paar Jahren sah er sich gezwungen, sein Mandat in seinem Wahlkreis im Süden von Chicago gegen einen aufstrebenden Konkurrenten namens Barack Obama zu verteidigen.
Trotz einer solchen Vita gehört der 61-jährige Rush in Washington zu den Hinterbänklern. Sein erwachsener Sohn steht zurzeit vor Gericht, weil er seine Anstellung in der Gefängnisverwaltung des Staates Illinois dazu ausgenutzt haben soll, sexuelle Beziehungen zu weiblichen Häftlingen zu unterhalten. Und Rush hat einen Sohn verloren, der an den Folgen eines bewaffneten Überfalls starb, nachdem er sich mit Drogendealern eingelassen hatte.
Doping praktisch nicht existent?
Der Politiker und ehemalige Baptistenprediger, der nicht mal in seiner Familie alle Prinzipien des gesellschaftlichen Moral-Kanons verteidigen konnte, will als Vorsitzender des Unterausschusses für Wirtschaft, Handel und Verbraucherschutz unter allen Umständen ein neues, schärferes Gesetz gegen Doping und Drogen im Sport einbringen. Gerade weil die Ligaverantwortlichen bei der Anhörung wie üblich die Probleme verharmlosten. Ein Beispiel: Im Basketball und im Eishockey sei wegen der Komplexität dieser Spielsportarten Doping praktisch nicht existent.
„Wir werden das gesamte Problem des Anabolika-Missbrauchs aus dem amerikanischen Sport herausbringen“, hat Rush im Dezember gesagt, nachdem der Mitchell-Report veröffentlicht worden war. Diese Einstellung zieht sich quer durch beide Parteien. Der Republikaner Christopher Shays erklärte zwar kürzlich, dass er keinen Bedarf für den Kongress erkenne, jeden einzelnen Spieler zu vernehmen und die Vergangenheit aufzuarbeiten. Dazu seien Gerichte da. Den Politikern geht es aber darum, auch den Profisport zu einheitlichen, unabhängigen Kontrollen zu verpflichten - und der Justiz per Gesetz wirksame Waffen gegen Betrüger an die Hand zu geben.