06.08.2007 · Baseball-Star Barry Bonds hat in seinem Sport Geschichte geschrieben, ein Liebling der Fans ist er trotzdem nicht. Seine Einstellung des Home-Run-Rekords ist von einem Dopingverdacht überschattet.
Von Jürgen Kalwa, New YorkEs heißt, dass ein überragender Baseball-Spieler vier Dinge beherrscht: Laufen, Werfen und Stellungsspiel, und er weiß, wie man Bälle mit Wucht trifft. Barry Bonds beherrscht diese Kunst seit mehr als zwanzig Jahren - zuerst bei den Pittsburgh Pirates, dann seit 1993 bei den Francisco Giants -, konnte aber schon immer etwas mehr: Der Linkshänder ahnt instinktiv, ob ein Schlag ein Home Run wird oder nicht: "Egal, wo der Ball ist, egal, was der Pitcher macht - alles in dieser einen Sekunde ist perfekt. Du hörst nicht, du fühlst nicht, wie du den Ball triffst. Du bist in einer anderen Welt."
In dieser Welt war der 43-jährige Amerikaner am Samstag in San Diego. Und zwar zum 755. Mal, um genau zu sein. Die Zahl mag beliebig klingen, aber sie hat Bedeutung. Denn sie markiert den bestehenden Karriere-Home-Run-Rekord in der mehr als hundertjährigen Geschichte der Major League Baseball. Darauf, dass er das Plateau erreicht, auf dem Hank Aaron 1976 seine Laufbahn beendete, hatte man in den Vereinigten Staaten monatelang gewartet.
Ein Platz in der Geschichte aber nicht in den Herzen
Bonds ist damit erst einmal am Ziel. Denn nichts anderes hatte er sich als junger Spieler vorgenommen - als sich einen herausragenden Platz in der Geschichte des Sports zu sichern, die von Männern wie Babe Ruth, Lou Gehrig, Joe DiMaggio, Ty Cobb, Cy Young, Jackie Robinson und Hank Aaron geprägt wurde.
Als überheblich verschrieener und in Dopingverdacht geratener Spieler wird er es trotzdem schwer haben, jene Sympathien zu gewinnen, die viele für Babe Ruth empfanden - den größten Home-Run-Spezialisten der frühen Baseball-Jahre, einen schwergewichtigen Mann, der in den alten Schwarzweißaufnahmen der Wochenschau immer so aussieht, als ob er trippele und nicht renne, wenn er sich mal in Bewegung setzte.
Prototyp des modernen Sportstars
Den berühmtesten Home Run produzierte der Nachfahre deutscher Einwanderer im Jahre 1932 während der World Series in Wrigley Field in Chicago gegen die Chicago Cubs, als er einen Home Run erzielte, den er vorher kurz mit einer Handbewegung angekündigt hatte. Nach Meinung vieler amerikanischer Sporthistoriker symbolisiert kein anderer Moment die goldene Ära der Sportart besser, in der Ruth zur übergroßen Figur wurde und die New York Yankees zu einem Club, dessen Namen noch heute alle anderen überragt. Drei Jahre später wechselte der Mann, dem sie den Spitznamen "Bambino" gegeben hatten, zu den Boston Braves und produzierte noch ein paar Home Runs, aber erklärte drei Tage nach seinem letzten, der Nummer 714, im Alter von 40 Jahren seinen Rücktritt.
Sein Erfolg und seine schillernde Persönlichkeit schufen in den Jahren, als Radiosender erstmals Spiele live aus den Stadien übertrugen, den Prototyp des modernen Sportstars, eine Figur mit Massen-Appeal, die Hollywood zu zwei Filmen animierte.
Zweifel an Bonds Leistung
Hank Aaron repräsentiert eine andere Phase in der Entwicklung der Profiliga: den Erfolg von talentierten schwarzen Spielern in einer Zeit, in der Rassentrennung im Sport allmählich überwunden wurde. So verbrachte Aaron, Jahrgang 1935, seine ersten Profijahre in der Negro American League, ehe er 1954 von den Milwaukee Braves in die National League geholt wurde. Seine beste Saison kam 1957, als seine Mannschaft die World Series gewann und er zum wertvollsten Spieler ernannt wurde. Als Outfielder verbesserte er im Mai 1975 im Trikot der Milwaukee Brewers die alte Karrierebestleistung von Ruth, die unantastbar schien. Im Juli 1976 gelang ihm Home Run Nummer 755.
Aaron gehört schon seit einer Weile zu jenen Skeptikern, die den Wert der Leistung von Bonds anzweifeln, und er ließ schon früh durchblicken, dass er sich nicht an dem entfachten Mediengetöse rund um heraufdräuende Bestleistungen beteilige. Während Liga-Commissioner Bud Selig in den letzten Tagen bei jedem Spiel der San Francisco Giants im Stadion saß, um den historischen Augenblick miterleben zu können, hielt sich der 73-jährige Rekordhalter bewusst fern und formulierte kryptische Erklärungen. Keinen Kommentar abzugeben sei doch auch ein Kommentar, ließ er unlängst einen Reporter wissen und flog nach Puerto Rico.
Angeschwollene Muskelmasse
Der Home-Run-Rekord von Bonds könnte als ein Meilenstein in die von vielen Anekdoten und einem enormen Traditionsverständnis geprägte Sportart Baseball eingehen, allerdings mit einem Sternchen gekennzeichnet - und dem Hinweis darauf, dass diese Leistung einer weiteren, nicht so attraktiven Ära entsprang: der Zeit, in der Profis ihre Muskelmasse mit illegalen Substanzen anschwellen ließen. Bonds war in den Dopingskandal verwickelt, der mit dem Namen Balco verbunden ist.
Nicht nur viele Zuschauer in den Rängen des Stadions von San Diego signalisierten bereits mit selbstgefertigten Plakaten, wie stark diese Haltung inzwischen verbreitet ist. Es gibt weitere Anzeichen, dass sich das Verhältnis der Öffentlichkeit zu Doping verändert. So wurde Mark McGwire, der 1999 den Saison-Home-Run-Rekord aus den sechziger Jahren verbessert hatte (und später von Bonds übertroffen wurde), von den Journalisten bei einer Abstimmung zur Baseball Hall of Fame geschmäht.
Der Ball, den er damals getroffen hatte und der wenig später bei einer Auktion für vier Millionen Dollar an einen Sammler ging, ist nach Expertenmeinung bestenfalls eine Million Dollar wert - wenn nicht noch weniger. Bonds' Rekordball aus dem Jahre 2003 brachte bei einer Versteigerung zwei Jahre danach nur noch eine knappe halbe Million Dollar.